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Aus: Ausgabe vom 22.02.2020, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der letzte Biß

Komische und ernste Gedichte nebst einem Ausflug in die Welt des Fußballs
Von Ror Wolf
online S 06.jpg
Collage von Ror Wolf, aus: Raoul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger für alle Fälle der Welt (Frankfurt am Main, 1999)
ruhe ruhe
S 07.jpg
Blick in die Werkstatt von Ror Wolf
Rammer & Brecher Sonett 3
Rammer & Brecher Sonett 11
Der letzte Biß

Am Montag starb der Schriftsteller Ror Wolf. Bekannt wurde er mit seinen unübertroffenen Radiocollagen zum Fußball, bei der Kritik fand er auch als Hörspielautor, Lyriker, Erzähler von Nichthandlungen und Erschaffer von Bildcollagen Anerkennung. Nicht zuletzt war Wolf einer der größten komischen Künstler dieses Landes. Mit freundlicher Erlaubnis des Schöffling-Verlages, in dem Wolfs Werke erscheinen, veröffentlichen wir im folgenden einige seiner Gedichte und eine literarische Collage. Vier dieser Texte können Sie sich zudem, vom Autor selbst gelesen, bei junge Welt im Internet anhören: https://kurzlink.de/Ror_Wolf (jW)

ruhe ruhe

aus der ferne grüßt der watzmann spitz.

und hans waldmann fällt in einen schlitz.

*

waldmann hat sich nichts daraus gemacht.

er steht auf und fällt in einen schacht.

*

waldmann steigt heraus und lacht, jedoch

danach fällt hans waldmann in ein loch.

*

schon erhebt er sich, in alter frische,

gleich danach fällt er in eine nische.

*

ja, sagt waldmann, gut, in diesem sinne,

und fällt gleich danach in eine rinne.

*

er steht auf und kommt heraus zum glücke

und fällt gleich danach in eine lücke.

*

er steht auf, hans waldmann, ja das tat er.

und er fällt hinab in einen krater.

*

nicht so schlimm, sagt waldmann, doch dann bricht er

plötzlich ein und fällt in einen trichter.

*

als er aufsteht, sagt er: na, ich denke,

das genügt; und fällt in eine senke.

*

nein, sagt waldmann, jetzt ist schluß, ich dulde

so was nicht; und fällt in eine mulde.

*

schluß, sagt waldmann, ich will das nicht haben.

er steht auf und fällt in einen graben.

*

ende, sagt er, das wird mir zu bunt.

und er fällt hinunter in den grund.

*

waldmann, hans, er wirbelt durch die luft.

scheiße, schreit er und fällt in die kluft.

*

scheiße, schreit er und verliert den halt,

und ist schließlich aufgeprallt im spalt.

*

er steht auf und sagt: der ganze kram

kotzt mich an, und fällt in eine klamm.

*

aufgestanden schreit er: gott verflucht,

und rutscht ab und fällt in eine schlucht.

*

als er aufsteht sagt er: arsch und zwirn,

leckt mich fett, und fällt in einen firn.

*

wie erträgt man, ruft er, dieses leben?

und man sieht ihn in die tiefe schweben.

*

nun ist sense, ruft er, nun ist ende,

und er stürzt hinunter ins gelände.

*

als er aufsteht, waldmann, wieder mal,

ruft er nichts und fällt hinab ins tal.

*

waldmann sagt: da ist wohl nichts zu machen.

und er klopft den schnee von seinen sachen.

*

er erhebt sich, schüttelt sich und lacht,

siehe oben, lacht, wie abgemacht.

*

und der fremde, der das alles sieht,

steht am watzmann, schwarz, und spielt ein lied.

*

schiebt den bogen auf der violine.

donnernd kommt vom gipfel die lawine.

*

waldmann lacht, jetzt fällt der sogenannte

fremde ab vom berg auf eine kante.

*

waldmann, von dem hier die rede ist,

sieht den fremden liegen, aufgespießt.

*

auch die violine fällt hinunter.

waldmann lacht und sagt: das ist kein wunder.

*

waldmann: er verläßt die gegend schnell

und bezieht ein anderes hotel.

Aus: Hans Waldmanns Abenteuer. Erste Folge (geschrieben 1965, überarbeitet 1970)

*

Im Schrank

waldmann öffnet einen kleiderschrank

und dort steht der fremde, rank und schlank.

*

freilich wußte waldmann nicht, daß er

undsoweiter, das ist lange her.

*

aber zwischen den gestärkten hemden

sieht er lächelnd das gesicht des fremden.

*

hinter einem weiten abendkleid

sieht er auch der dame heiterkeit.

*

das ist stark, sagt er, sich leicht verneigend

und entfernt sich dann, gebückt und schweigend.

*

auch der fremde, wie es sich gehört,

geht davon, im ganzen ungestört.

*

waldmann trifft ihn später in der küche

und verwickelt ihn in widersprüche.

*

ich bin waldmann, sagt er, ungefähr

so, als ob er nicht hans waldmann wär.

*

märz. bei diesem schweren mützenwetter

wird der fremde fett und immer fetter.

*

er ist fast so fett wie diese kleinen

männer, die am alpenrand erscheinen.

*

ja, er ist ein opfer des gewichts,

sagt hans waldmann, weiter sagt er nichts.

*

morgens ist der fremde ziemlich dick,

und der kragen drückt ihn im genick.

*

aber abends dann, mit einem mal,

ist der fremde plötzlich wieder schmal

*

und paßt wieder in den kleiderschrank,

wo er in den arm der dame sank.

*

zwischen mänteln hängend zwischen jacken,

hört man ihn das herz der dame knacken.

*

auch hans waldmann hatte seinen spaß.

doch darüber wächst schon lange gras.

*

ich muß diesen fall jetzt unterbrechen,

um von einem andren fall zu sprechen.

Aus: Hans Waldmanns Abenteuer. Zweite Folge (geschrieben 1983/84)

*

Zwölf Rammer & Brecher Sonette

1

Das ist der Anfang. Das ist der Beginn.

Die Wolken fliegen dort in der Natur.

Jetzt geht es los. Wir sehen auf die Uhr.

Jetzt setzen wir uns erst mal richtig hin.

*

Wir sitzen auf Papier. In diesem Sinn.

Wir warten ab. Vom Rammer keine Spur.

Der Brecher ganz allein auf weiter Flur.

Da sitzen wir. Es ist noch alles drin.

*

Es ist zwar schlimm, doch war es auch schon schlimmer.

Wir sehen schwarz im Schein des Abendlichts.

Die Nummer Neun hat keinen blassen Schimmer.

*

So sieht es aus am Anfang des Berichts.

Wir freun uns nicht so sehr, doch wie auch immer:

Das ist ja erst der Anfang und sonst nichts.

*

2

Morast und Schlamm und Sturm jawohl und Regen.

Der Regen fällt herab, als es beginnt.

Das Gras ist naß. Im Kessel braust der Wind.

Die Schirme gehen auf. Die Schauer fegen.

*

Es knarrt am Dach. Das Regenwasser rinnt.

Der Nebel schwebt. Man sieht sich was bewegen.

Es kommt jemand und jemand geht entgegen

Und jemand patscht vorbei und stochert blind,

*

Und stampft und dampft und hat ihn nicht erreicht.

Das Feld ist leer. Der Weg zum Tor verstopft.

Die Pfütze spritzt und jemand ganz durchweicht

*

Und jemand triefend dort und jemand tropft.

In dieser Suppe sieht man nun vielleicht,

Wie matt das Leder an den Pfosten klopft.

*

3

Der Meister wirbelt hungrig übers Feld

Und füttert seine Spitzen sehr geschickt.

Er tanzt durch alle Sperren, quirlt und zwickt.

Vom Flutlicht ist der Rasen jetzt erhellt.

*

Der Rammer zugedeckt und kaltgestellt.

Der Brecher auf der Linie, ganz geknickt.

Das Leder hängt im Netz, hineingenickt.

Im halben Lande stöhnt die Fußballwelt.

*

Der Trainer auf der Bank, man sieht ihn fluchen.

Sein Kopf sitzt locker und eventuell

Beißt man im Herbst schon in den Abstiegskuchen.

*

Der Rammer steht herum und ganz speziell

Den Brecher muß man mit der Lupe suchen.

Da muß sich vieles ändern und zwar schnell.

*

4

Das ist doch nein die schlafen doch im Stehen.

Das ist doch ist das denn die Möglichkeit.

Das sind doch Krücken. Ach du liebe Zeit.

Das gibt’s doch nicht. Das kann doch gar nicht gehen.

*

Die treten sich doch selber auf die Zehen.

Die spielen viel zu eng und viel zu breit.

Das sind doch nein das tut mir wirklich leid.

Das sind doch Krüppel. Habt ihr das gesehen?

*

Na los geh hin! Das hat doch keinen Zweck.

Seht euch das an, der kippt gleich aus den Schuhn.

Ach leck mich fett mit deinem Winterspeck.

*

Jetzt knickt der auch noch um, na und was nun?

Was soll denn das oh Mann ach geh doch weg.

Das hat mit Fußball wirklich nichts zu tun.

*

5

Wie lange noch? Vielleicht noch zehn Minuten.

Der Sturm hängt in der Luft, das ist beschissen,

Und wie es ausgeht, das kann keiner wissen,

Das weiß man nicht, das kann man nur vermuten.

*

Der Rammer rechts betastet den beschuhten

Geknickten Fuß, wir springen von den Kissen.

Der Brecher hat sich bis zum Schluß zerrissen.

Der Regen rauscht, die Schienbeinschützer bluten.

*

Ganz ausgepumpt und das Trikot zerfetzt

Und umgesenst. Da schweigen alle Lieder.

Der Stopper hat ihm wirklich zugesetzt,

*

Er geht in ihn hinein und sägt ihn nieder.

Die Pfeife schweigt. Kein Pfiff. Soviel für jetzt.

Am nächsten Samstag sehen wir uns wieder.

*

6

Doch jetzt der Rammer: er erkennt die Ritzen.

Es ist wie damals, wie im letzten Jahr.

Ich weiß zwar nicht mehr wie es damals war.

Er bohrt sich ein mit seinen Stiefelspitzen,

*

Um jetzt von rechts die Deckung aufzuschlitzen.

Dann macht der Brecher vorne alles klar.

Ein Tor wie aus dem Himmel, wunderbar.

Er sitzt und er erledigt das im Sitzen.

*

Der Pfeifenmann hat auf die Uhr geguckt.

Die Stimmung gut. Der Himmel ganz bedeckt.

Der Meister schwach, der jetzt zusammenzuckt.

*

Der Brecher hat den Ball hineingeleckt.

Dort springt er hoch, vom Jubel ganz verschluckt.

In der Kabine später schmeckt der Sekt.

*

7

Nun bricht der Brecher durch, er explodierte

Im Mittelfeld, der Rammer steht ganz frei.

Von den Tribünen hört man das Geschrei.

Und wieder schreit es, als der blutverschmierte

*

Genähte Rammer jetzt vorbeispazierte,

Ganz elegant am letzten Mann vorbei.

Im Sprung erwischt er mit dem Kopf das Ei,

Das ihm der Brecher seidenweich servierte.

*

Das war ein Pfund, das war ein kalter Schlag.

Der Meister wankt. So ändern sich die Zeiten.

Die Prämie steigt, das steht in dem Vertrag.

*

Der Vorstand sagt: das sind doch Kleinigkeiten.

Das wars. Und einen schönen guten Tag.

Noch mehr vom Fußball auf den nächsten Seiten.

*

8

Noch ein paar kurze Worte vor dem Ende:

Der Meister drückt, und vorne, ganz allein,

Der Rammer mit dem Schokoladenbein.

Auf der Tribüne bläst man in die Hände.

*

Der Nebel senkt sich weich auf das Gelände.

Wir schalten um. Man hört es wieder schrein.

Er dreht sich kurz und löffelt ihn hinein.

Das Unheil rollt. Jedoch schon kommt die Wende.

*

Der Brecher rechts, wer hätte das gedacht,

Er hämmert flach. Von der Betreuerbank

Springt man empor in dieser Regenschlacht.

*

Der Meister bäumt sich auf, doch er versank

An diesem Tag. Wir sagen: Gute Nacht.

Das war ein schöner Abend. Vielen Dank.

*

9

Der Nebel pfeift. Es ist etwas geschehen.

Es klatscht ganz naß. In diesem Dämmerlicht

Beginnen wir mit unsrem Schlußbericht.

Wir sehen nichts. Wir können nichts verstehen.

*

Nur die Gesänge, die vorüberwehen.

Das ist nicht viel bei dieser schlechten Sicht.

Wenn es nicht läuft, dann läuft es eben nicht.

Borussia Dortmund wird nicht untergehen.

*

Der Rammer tankt sich durch, ihr lieben Leute.

Der Stopper: ja, so sieht es aus von hier,

Er senst ihn um, wenn ich das richtig deute.

*

Die Neun läuft an. Das war das Vierzuvier.

Ins Netz gefetzt. So wunderschön wie heute.

Ein volles Pfund. Und diesmal singen wir.

*

10

Hier ist der Punkt, wo wir zusammenfassen:

Der Brecher angeschlagen und zerschunden,

Er wankt hinaus. Nach diesen schönen Stunden

Da stehen alle auf, dort wo sie saßen.

*

Der Rammer mit dem Rücken auf dem Rasen,

Er wälzt sich schmerzverzerrt und wird verbunden.

Im dunklen Tunnel ist er dann verschwunden,

Der Schußfuß schwillt, damit ist nicht zu spaßen.

*

Er faßt sich an die Seite, wo es sticht.

Man drängt sich fort dort an den Spielfeldrändern.

Nun wird es Zeit, daß man mal davon spricht.

*

Wir schalten um. Es ist nichts mehr zu ändern.

Das war ein Schlag dem Fußball ins Gesicht.

Wir geben jetzt zurück zu unsren Sendern.

*

11

Das war es also, ich will nichts mehr sagen.

Ich habe schon genug davon gesprochen.

Erbarmungslos aus dem Korsett gebrochen:

Der Meister ausgemolken und zerschlagen.

*

Der Beifall kracht. Was gibt es noch für Fragen?

Nein, niemand fragt, denn die Tribünenkochen.

Der Rammer wird nach diesen dunklen Wochen

Hoch auf den Schultern naß hinausgetragen.

*

Die Bänke morsch, die Stufen bröckeln, Moos

Wächst auf den Rängen aus dem schwarzen Sand.

Kalt wie der Winter schlug und gnadenlos

*

Der Rammer zu. Der Meister ausgebrannt,

An diesem Tag, an dem der Regen groß,

Da schlich er still davon, weiß wie die Wand.

*

12

Vom Regen fortgeschwemmt. Vom Wind gefressen.

Vom dünnen Schnee bedeckt. Vom Schmerz verzehrt.

Vom Dunst verschluckt. Vom Boden weggekehrt.

Vom Schlamm erschöpft und von den langen Pässen.

*

Wir wollen dieses Spiel jetzt rasch vergessen.

Da weht aus dem Gewühl ganz unbeschwert

Weich wie Papier vorbei und unversehrt

Der Rammer sanft. Der Brecher unterdessen:

*

Er sinkt dahin. Er macht noch einen Schritt.

Er sinkt er schwebt er hebt noch einen Fuß.

Der Kopf: er bricht fast ab von diesem Tritt.

*

Vorbei Daneben Aus und Ende. Schluß.

Die Ecke jetzt, die nehmen wir noch mit.

Dann gehen wir und steigen in den Bus.

(geschrieben 1971/72)

*

Der letzte Biß

Eine halbe Stunde war vergangen. Im düsteren Schneeregen war nichts passiert. Ein lustloses Geschiebe auf klebrigem Boden. Es wollte nicht klappen. Der Dicke rackerte, aber er fand keine Lücke, er stand nicht richtig, Lotte langte kurz hin, aber schaffte es nicht, er blieb hängen, eingeklemmt von mehreren Beinen. Das ging eine Weile so weiter. Paul nahm die Hand zu Hilfe. Lutz stocherte unter der Dunstdecke auf der anderen Seite herum. Keiner traute sich. Keiner biß zu. Keiner wußte, wie es gemacht wird. Das Feuer fehlte. Aber plötzlich machte sich Emma frei auf diesem schlüpfrigen Boden, das war eine gute Gelegenheit, also fackelte Friedrich nicht lange und schob ihn gemächlich hinein. Emma bot sich nochmal an, da war Paul nicht mehr zu halten, Emma wurde gelegt, und Paul bohrte unermüdlich. Jetzt kam auch der Dicke durch, vorn war alles offen, Lutz war eingedrungen, er hatte endlich das Loch gefunden, denn Hertha zeigte auf einmal erschreckende Blößen, Emma wälzte sich auf der Linie im Schlamm, doch in diesem Moment befreite sich Hertha aus der Umklammerung, Lotte schüttelte Friedrich ab, Emma zog sich zurück, aber der Dicke stieß nach in die Tiefe, die unerhört schnellen Mönche hetzten die blauweiße Hertha über den Rasen, bis ihre Abwehr erschlaffte, sie drückten und drückten, zweimal rutschte Bernhard das glitschige nasse Ding aus den Händen, schon sprang Friedrich dazu und schob ihn lächelnd hinein in die untere Hälfte, als er das klaffende Loch sah, preßte er ihn mit unheimlicher Wucht hinein, stocktrocken, jetzt stand er richtig, Lutz ließ nicht locker, der Dicke ackerte wie verrückt, er war voll bei der Sache, der wuchtige Mann, und Paul bediente Emma mit einer Kerze. Sie prallten schwingend zusammen, die Männer mit den schwarzen Handschuhen, sie arbeiteten lautlos in schwarzen Strumpfhosen im fahlen Flutlicht. Hertha wehrte noch einmal ab, aber es nützte nichts mehr, die Mönche rissen sie in der Mitte auf, Lutz spritzte schnell in die Lücke und drückte ab, von einem Aufstöhnen begleitet. Jetzt lief es endlich, da jubeln die Glocken von Rio, jetzt lief es wie selten, der Betzenberg bebte, jetzt lief es so gut wie schon lange nicht mehr, Fritz hatte die Pfeife schon in der Hand, er ließ es weiterlaufen, ein letztes Aufbäumen, und im liegen vollendete der Dicke mit einem Rückzieher. Das war das Ende auf dem zerwühlten Rasen. Emma schleppte sich mit bespritztem Trikot in die Kabine, Oberschenkel und Hände verklebt. Lotte krümmte sich noch und hielt sich die blutigen Schenkel. Was mit Hertha war, konnte keiner mehr sagen. Ein Aufschrei zerfetzte die Flutlichtatmosphäre.

*

Hinweise zum letzten Biß¹

Emma: Lothar Emmerich, Stürmer, Borussia Dortmund, (jetzt AC Beerschot, Belgien), 29, 178, 84 kg.

Lotte: Lothar Ulsaß, Stürmer, Eintracht Braunschweig, 29, 178, 78 kg.

Hertha: Hertha BSC Berlin, gegründet 25.7.1892, Mitglieder 1600.

Der Dicke: Uwe Seeler, Stürmer, HSV, 33, 169, 76 kg.

Friedrich: Jürgen Friedrich, Mittelfeldspieler, 1. FC Kaiserslautern, 26, 176, 73 kg.

Lutz: Friedel Lutz, Verteidiger, Eintracht Frankfurt, 32, 178, 70 kg.

Paul: Wolfgang Paul, Verteidiger, Borussia Dortmund, 30, 186, 86 kg.

Bernard: Günter Bernard, Torwart, Werder Bremen, 31, 179, 72 kg.

Die Mönche: Borussia Mönchengladbach, gegründet 1.8.1900, Mitglieder 1800.

Fritz: Helmut Fritz, Schiedsrichter, Ludwigshafen.

Der Betzenberg: Stadion des 1. FC Kaiserslautern, Fassungsvermögen: 35 000, 4500 Sitzplätze. Anfahrt von der Autobahnausfahrt Kaiserslautern Ost über Mainzer Straße, Barbarossaring, zum Großparkplatz Messegelände. Von da aus 10 Minuten Fußweg. Vom Hauptbahnhof aus über Eisenbahnstraße, Viadukt zum Stadion.

¹Die Hinweise beziehen sich auf das Entstehungsjahr des Textes: 1970

Aus: Punkt ist Punkt (1971), aufgenommen in: Das nächste Spiel ist immer das schwerste (1982)

*

Das Ende der alten Verhältnisse

Erster Teil

Die leeren Berge, die gefüllten Flüsse,

die großen Niederschlagswahrscheinlichkeiten,

das platte Land, die schweren Regengüsse,

und die Berichte aus den alten Zeiten,

die Risse, Knicke und die kalten Spalten,

die schwarzen Nächte in den Alpenfalten.

*

Der Tag ist gut, der Mond ist abgeflossen,

ein Koch und eine andere Person,

sie treten auf und werden totgeschossen,

der Mond fliegt freundlich oben und davon,

und unten liegt ein Mann, ein blasser nasser

ein dicker Mann im Badewannenwasser.

*

Von Dingen, die wir schon vergessen hatten,

von diesen Dingen werde ich erzählen:

von auf der Straße plattgewalzten Ratten,

von Generälen oder von Kanälen,

von Krankenschwestern werde ich berichten,

in diesen und in anderen Geschichten:

*

Vom alten Schaffner und vom Straßenkehrer,

ein schleichend bleicher Tag in einem Speicher,

ein ganzer Tag, ein leerer regenschwerer,

und noch ein Tag, ein weicher regenreicher.

Der Regen fiel vom Himmel, und ich aß

das kalte Lampenlicht in dem ich saß.

(2013)

*

Zweiter Teil

Die tiefen Löcher in der Wolkendecke.

Die Augenhöhlen und die Backentaschen.

Der Aushilfskellner ordnet die Bestecke.

Der Wirt hat schon die Gläser abgewaschen.

Und alle sitzen sie beim letzten Bier:

der Lehrer, der Friseur, der Juwelier.

*

Der Bankdirektor springt diskret in Stücke,

der Metzger gähnt und zieht den Mantel an,

der Maurermeister fällt von einer Brücke,

und in der Ferne pfeift die Eisenbahn.

Die Bäume dampfen weich wie rote Runkeln.

Der Bäckereibesitzer steht im Dunkeln.

*

Der Himmel splittert hart wie dünnes Glas .

Die Sekretärin singt im Schein der Lampe.

Der Winzer steigt heraus aus einem Faß.

Der Maschinist betritt die Laderampe.

Ganz plötzlich kommt jetzt aus dem Nebenzimmer

ein knirschendes Geräusch – Doch sonst wie immer:

*

Das schwarze Fleisch, die tiefen leeren Flaschen,

der Dichter schwimmt in einer Flüssigkeit,

mit einem wilden Sprung, mit einem raschen,

springt er heraus aus der Vergangenheit.

Und morgen bleibt es wie es heute war,

wie im Dezember, wie im Januar.

(2013)

Aus: Die Gedichte (2017)

»ruhe ruhe«, »Im Schrank«, »Zwölf Rammer & Brecher Sonette« sowie »Das Ende der alten Verhältnisse. Erster Teil« und »Das Ende der alten Verhältnisse. Zweiter Teil« nach: Ror Wolf: Die Gedichte. Mit einem Nachwort von Friedmar Apel. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2017

»Der letzte Biß« und »Hinweise zum letzten Biß« nach: Ror Wolf: Das nächste Spiel ist immer das schwerste. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2018 (zuerst 1982)

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