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Aus: Ausgabe vom 22.02.2020, Seite 11 / Feuilleton
Geschichte

Lehrer durften nicht hingehen

Vor 60 Jahren wurde in Westberlin die Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« eröffnet. Offizielle Anerkennung erfuhr der Macher erst 55 Jahre später
Von Sabine Lueken
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Späte Würdigung: Reinhard Strecker (Mitte) am Mittwoch bei einer Veranstaltung zum 60. Jahrestag der Eröffnung seiner Ausstellung in Berlin (zwischen Michael Kohlstruck, TU Berlin, und Heike Hartmann, Museum Charlottenburg-Wilmersdorf)

Als vor 60 Jahren, am 23. Februar 1960, die Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« in der Galerie Springer am Ku’damm 16 in Westberlin eröffnet wurde, hätte die Empörung kaum heftiger sein können. »Ausstellungstechnisch« war die Schau »schlecht, sagte ihr Macher Reinhard Strecker später gegenüber jW (6.3.2009), »denn es wurde verlangt, dass die Leute Akten lasen«. Präsentiert wurden Fotokopien von 100 Todesurteilen aus der Nazizeit. Die Namen der verantwortlichen Juristen waren in den Justiz- und Personalakten vermerkt, die Ausstellung informierte auch über ihre aktuellen Karrieren im bundesdeutschen Staatsdienst.

Politiker aller Parteien hatten die Schau zu verhindern versucht und bekämpften sie weiter. Auf Verbrechen hinzuweisen, die amtierende Richter im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten in Osteuropa begangen hatten, war in der jungen BRD ein Tabubruch. Initiator Strecker war damals 29 und studierte Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin (FU). Er war 1954 aus Frankreich nach Deutschland zurückgekehrt und konnte nicht damit leben, dass Nazirichter noch oder wieder »in Amt und Würden« waren. »Die Übernahme schwer belasteter Personen aus dem Dritten Reich bedeutet tatsächlich doch eine nachträgliche Legalisierung und Gutheißung dessen, was sie getan haben«, sagte er damals. Gemeinsam mit anderen Studenten des SDS – zu dieser Zeit noch Hochschulverband der SPD, die später wegen angeblicher kommunistischer Unterwanderung die Unvereinbarkeit erklärte – wollte er die BRD zu einem Land machen, in dem man seine Kinder erziehen könne. Das sagt er bis heute.

Es passte weder zu Adenauers Politik der Wiedereingliederung von NS-Tätern noch zur »Schlussstrichmentalität« der meisten Deutschen. Die Ausstellung wurde zu kommunistischer Propaganda erklärt. Weil Strecker auch aus der DDR mit Archivmaterial unterstützt worden war, hieß es über ihn, er würde »bekanntlich im Dienste Pankows« stehen, obwohl er dort als Antikommunist galt. Seit 1957 hatte der Ostberliner »Ausschuss für Deutsche Einheit« unter Albert Norden Broschüren herausgebracht, in denen »Blutrichter« und andere NS-Täter als »Stützen des Adenauer-Regimes« vorgestellt wurden. Diese Broschüren wurden im Westen ebenfalls als Propaganda abgetan, obwohl das meiste darin stimmte.

Strecker hatte die Fakten selbst überprüfen wollen. Er legte auf eigene Faust eine »Nazi-Verbrechens- und -Verbrecherkartei« an, aus der dann die Ausstellung entstand. Unter Zeitdruck, da die Regierung Adenauer auf die Verjährungsfrist für Mordtaten setzte. Die lag damals für Beihilfe bei 15 Jahren. »Nach dem 8. Mai 1960 geht nichts mehr«, erklärte der damalige Bundesjustizminister Fritz Schäffer.

Die Erarbeitung der Ausstellung war mit Kosten verbunden, die Strecker kaum aufzubringen vermochte. Eine DIN-A-4-Kopie kostete noch etwa zwei Mark. Für eine ganz dünne Akte musste ich ein bis zwei Tage studentische Hilfsarbeit leisten«, erinnerte er sich im jW-Interview von 2009. Zuerst wurde die Schau Ende November 1959 in Karlsruhe gezeigt, Sitz des Bundesgerichtshofs und des Bundesverfassungsgerichts. Der dortige Magistrat hatte die Nutzung der Stadthalle untersagt. In Berlin, der nächsten Station, verbot der Senat die Präsentation in den Universitäten. Lehrer durften nicht hingehen, die Hauseigentümerin sollte Rudolf Springer den Mietvertrag für seine Galerie kündigen, und alle Besucher der Ausstellung wurden aus dem Haus gegenüber vom Verfassungsschutz fotografiert.

Was der Schau eine gewisse Aufmerksamkeit verschaffte, war Unterstützung von Leuten wie dem Generalbundesanwalt Max Güde, dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer oder der englischen Labour-Abgeordneten Barbara Castle. Bis 1962 wurde sie in neun weiteren Städten der BRD sowie in London, Oxford, Amsterdam, Leiden und Utrecht gezeigt.

Strecker und sein Mitstreiter Wolfgang Koppel hatten von Anfang an geplant, gegen 43 wieder amtierende Nazijuristen Strafanzeige zu erstatten. Damit hatten sie keinen Erfolg, doch wurde das Richtergesetz so verändert, dass politisch belastete Richtern vorzeitig in den Ruhestand gehen konnten – bei vollen Bezügen, versteht sich. 149 Richter und Staatsanwälte machten davon bis 1962 Gebrauch. Es dauerte mehr als 50 Jahre, bis der Historiker Manfred Görtemaker in einer Studie konstatierte, Ende der 1950er Jahre hätten etwa dreiviertel der Mitarbeiter des Bundesjustizministeriums eine Nazivergangenheit gehabt. In einzelnen Abteilungen sei das ausnahmslos der Fall gewesen.

Pionier Strecker blieb eine Hochschulkarriere versagt. Er wurde verleumdet, angefeindet, erhielt anonyme Drohungen, musste seine Kinder im Ausland in Sicherheit bringen. Jahrzehntelang war er hoch verschuldet. Es sollte 55 Jahre dauern, bis ihm eine gewisse Anerkennung zuteil wurde. 2015 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Kürzlich erklärte dann auch seine Partei, die SPD, die damalige Ausstellung für wertvoll. Seine Alma Mater, die FU, hat sich noch nicht bei ihm bedankt.

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