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Aus: Ausgabe vom 22.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Berlinale

Niemand kommt hier raus

In der Henkershow: Massoud Bakshis irritierender Berlinale-Film »Yalda«
Von Peer Schmitt
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Gespenstisch kontrolliert: Mona (Behnaz Jafari, l.) und Maryam (Sadaf Asgari)

Hatte man nicht gemeint, die Zeit der großen TV-Unterhaltungsshows sei lange vorbei, mindestens so vorbei wie die Zeit der großen Filmfestivals? Es werden freilich weiterhin Wetten darüber angenommen, was wohl zuerst abgeschafft wird – die Realität oder das Fernsehen. Die Annahme hingegen, dass beide ohnehin dasselbe seien und daher beizeiten konzertiert zusammenfallen müssten, hat sich als voreilige Behauptung im Fahrwasser haltloser 60er-Jahre-Utopien erwiesen.

Der Geist findet seine Wahrheit nur, indem er, so Hegel, in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Was wohl soviel heißt wie, beim Tod in die Bildröhre zu schauen. Bei aller technischen Überholtheit darf noch immer geltend gemacht werden: »Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes« (Hegel: »Phänomenologie des Geistes«). Der Geist überlebt nur, insoweit er es wagt, sich dem verwüsteten Fernsehbild auszusetzen.

Farcenhafte Verwüstung gibt es geballt in »Yalda« (orig.: »Yalda, la nuit du pardon«), dem zweiten Spielfilm des iranischen Regisseurs Massoud Bakshi, der auf der 70. Berlinale in der an dieser Stelle immer empfohlenen »14plus«-Untersektion der Kinderfilmsektion »Generation« läuft. »Generation« wirbt für sich in diesem Jahr mit dem Slogan »Filme mit Bedeutung. Für junge Cineastinnen und alle anderen«. Ist eine sympathischere Kategorie als »alle anderen« überhaupt denkbar? Da reiht man sich immer gerne ein, bei »allen anderen«.

»Yalda« hat unlängst auf dem Sundance-Filmfestival den World Cinema Grand Jury Prize eingesackt, den Preis für den besten internationalen Beitrag. Und international ist der Film tatsächlich. Er ist eine Koproduktion, an der Frankreich, Schweiz, Luxemburg, Libanon und Iran beteiligt waren. ZDF/Arte und das Medienboard Berlin-Brandenburg hatten natürlich auch ihre Finger im Spiel.

Es geht ums Fernsehen. Und um die Todesstrafe. Sozusagen ums Ganze. Verwüstung. Beinahe in Echtzeit handelt der Film von einer Live-Reality-TV-Show mit dem zynischen Titel »Die Freude der Vergebung«. Ausstrahlungstermin der gezeigten Folge ist der 21. Dezember, der Tag des persischen Wintersonnenwendenfestes, auch »Yalda« genannt. So erklärt sich der Titel der Show, die sich als eine reichlich obszöne Mischung aus einer durchschnittlichen Gerichtsshow und iranischen »Hunger Games« entpuppt. Sie besteht aus der Vorstellung der Kandidaten, einem Dokumentarfilm über den verhandelten Fall und einem abschließendem Urteil. Dazwischen laufen ein paar Gesangsnummern.

Der verhandelte Fall ist absurd kompliziert und höchst melodramatisch (das Melodrama ist, nicht zu vergessen, das Genre des Klassenkampfes). Eine junge Frau ist wegen Mordes an ihrem wesentlich älteren Ehemann zum Tod durch Erhängen verurteilt worden. Die Gegenkandidatin ist die Tochter des Mordopfers, die Stieftochter der Verurteilten. Sie soll den Mord vergeben und bekäme dafür ein besänftigendes Blutgeld als Hauptpreis, vorausgesetzt, die Einschaltquote stimmt und die Zuschauer haben per SMS entsprechend abgestimmt. Hautpreis der Verurteilten wäre dann die Begnadigung.

Zunächst scheint der Fall klar, ein junger »Golddigger« hat sich einen reichen Geschäftsmann geangelt und um die Ecke gebracht. Allerdings stellt sich heraus, dass bereits der verstorbene Vater der Angeklagten Chauffeur des Geschäftsmannes war. Ihre Familie stellte gewissermaßen zeitlebens die bedrängten Haussklaven der Familie des Geschäftsmannes. Zudem handelte es sich bei ihrer Heirat um den Sonderfall einer »zeitlich befristeten Ehe«, um eine kulturell, religiös und juristisch legitimierte Affäre, letztlich jedoch um eine Form der Prostitution. Vertraglich vereinbart war die Kinderlosigkeit (damit das Erbe in gutem Hause bleibt).

Doch plötzlich ist von Schwangerschaft die Rede, von Nötigung, Erpressung, Abtreibung (in der iranischen Gesellschaft ebenfalls ein Kapitalverbrechen) und von Totgeburt, derweil im Hintergrund ein geheimnisvolles Baby sehr lebendig plärrt. Die Tochter des Mordopfers ist ebenfalls eine eher zwielichtige, offenbar bankrotte Geschäftsfrau, die längst ihre Auswanderung unter Dach und Fach gebracht hat, in einer Werbepause sogar aus der Show fliehen will, auf der Flucht aber natürlich einen kleinen Autounfall baut. Es gibt kein Entkommen aus dem Abendunterhaltungsprogramm mit Todesstrafe und kulturellem Erbauungsrahmen.

Den »Yalda«-Traditionen entsprechend gibt es eine Lesung aus dem Werk des persischen Nationaldichters Hafis. Stellen Sie sich vor, eine Boulevardschauspielerin trägt ein fröhliches Sauflied aus Goethes »West-östlichem Diwan« vor, und danach schaut kurz der Henker vorbei, ob auch die Einschaltquote stimmt. Da gibt’s dann nicht mehr viel zu lachen.

TV-Shows in Filmen sind praktisch immer grotesk. Die Parodie – insbesondere in »Echtzeit« – ist allerdings mindestens so schwer erträglich wie die echten Vorbilder.

Das Irritierendste an »Yalda« ist jedoch das gespenstisch Kontrollierte des Films. TV-Studios sind ja meist ziemlich trist. Das Studio der Henkershow aber wirkt eher wie ein gewaltiges Verwaltungsgebäude inklusive der Menschenleere eines Feiertags. Es scheint auch bis auf einen entspannten Pförtner keinerlei Sicherheitsmaßnahmen zu geben. Die Verurteilte wird in Handschellen ins Gebäude geführt, kann sich im Studio aber, von handelsüblicher Kandidatenbetreuung abgesehen, völlig frei bewegen.

Für eine Show mit Einschaltquoten in zweistelliger Millionenhöhe, die live ausgestrahlt wird und in der man über Hinrichtung oder Begnadigung per Telefon abstimmt, geht es backstage auch überraschend kühl und hausbacken zur Sache. Die Kandidatinnen vergießen zwar die eine oder andere Träne, aber im großen und ganzen hat die Regie den Fall (und seinen abgekarteten Ausgang) im Griff.

Diese ausgesprochen bizarre Show wird von zwei sehr »kalten« Totalen gerahmt. Die erste zeigt den Autoverkehr im Moloch des nächtlichen Teheran aus der Vogelperspektive, die zweite die Fassade des Studiogebäudes. Ein Polizeiauto und ein Taxi fahren vor, um die Protagonisten abzuholen. Es rieselt der Dezemberschnee. Bis zum nächsten Mal im Programm, am jüngsten Tag, wenn der Dichter dichtet:

Am Tage des Gerichts, an dem
Die Wahrheit aufgedecket liegt.
Wird jeder, der verborgene
Bedeutung glaubt, beschämt gemacht.

(Hafis; Nachdichtung von Friedrich Rückert)

»Yalda«, Regie: Massoud Bakshi, Iran/F/Schweiz/Libanon/D/Luxemburg 2019, 89 Min., Sektion: Generation, 23., 25., 26., 28., 29.2.

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