Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Gegründet 1947 Dienstag, 31. März 2020, Nr. 77
Die junge Welt wird von 2267 GenossInnen herausgegeben
Probeabo abschließen und weiterempfehlen Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Probeabo abschließen und weiterempfehlen
Aus: Ausgabe vom 13.02.2020, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Keine Angst vorm Verssagen

Titanic-Chefredakteur Moritz Hürtgen zeigt Talent als Lyriker
Von Thomas Behlert
40_Jahre_Satiremagaz_62792448.jpg
Moritz Hürtgen, Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, das im letzten Jahr sein 40. Jubiläum feierte (18.9.2019)

Es gab mal eine Zeit, da las ich mit Freunden begeistert die Satirezeitschrift Titanic. Noch heute erinnere ich mich an Texte von Michael Rudolf und Fanny Müller, an Aktionen von Martin Sonneborn, an Wiglaf Droste und Max Goldt. Doch irgendwann wurden die Zusammenkünfte weniger, einige Freunde ließen das mit dem Lesen ganz sein und abonnierten tatsächlich den Stern. So griff ich alleine noch eine Weile zur Titanic, fand manchen Text dann doch zu doof und wandte mich lieber Büchern zu, die sich ungelesen stapelten.

Dabei fiel mir neulich auch der kleine Gedichtband »Angst vor Lyrik« von Titanic-Chefredakteur Moritz Hürtgen in die Hände, der mich neugierig machte. Irgendwie stimmt es, dass viele Angst vor Gedichten haben, besonders vor den modernen, die ganz ohne Reim auskommen, oft ziemlich verworren klingen und sich nicht zum Auswendiglernen eignen. Die alten Heuler von Goethe über Schiller bis Heine kennt man, hat sie einige Male gelesen, im Deutschunterricht verinnerlicht und weitschweifig interpretiert.

Wer von gereimten Gedichten nicht lassen konnte, nahm gerne die Titanic zur Hand, denn da waren sie alle drin, die Reimeschmiede von Robert Gernhardt über F. W. Bernstein bis Thomas Gsella. Ganz im Sinne von Bernstein und Gernhardt, gar Ringelnatz kommt nun der 1989 geborene Moritz Hürtgen daher. Wovor man alles Angst haben und darüber dichten kann: vor Popmusik, Feuer und Wasser, Missverständnissen und freie Märkten. Besonders schön ist eine Zeile zum Gangsta-Rap: »Ich sag’s so, wie ich es mein: / Jeder Reim von dir ist Pein« – das veralbert das ganze gefährliche Gehabe und erinnert an Max Goldt (»Meine Reime sind feine / Deine Reime sind Schweine«).

Hürtgens Gedichte enden oft mit einer überraschenden Wendung oder Zuspitzung. Oder sie beginnen, wie in den vier Strophen von »Deutschland«, allerliebst und froh gestimmt, berauschen sich an der schönen Landschaft, an dem Ordnungssinn der Deutschen und berichten dann die ganze Wahrheit: »Hüte dich nur, anzuhören, / Was ein Deutscher denkt – du bangst: / So macht Deutschland nackte Angst!«

Selbst wenn Hürtgen die Angst vor dem »Verssagen« bedichtet, ist das immer so melodiös, dass man es gerne vorspricht und auch wiederholen kann: »Schlips und Kleid, da sitzen sie / Nur um mir zu lauschen. / Hände weich und Zitterknie. / Will wer mit mir tauschen? / Hilfe! Uff, es ist soweit / Später feines Essen. / Leute, ich bin nicht bereit / Hab den Text vergessen. / Mama! Papa! Oma! / Ihr seht mich doch verzagen. / Heiligabend, ich bin vier – / Angst vor dem Verssagen!«

Das lässt sich selbst im im betrunkenen Zustand noch deklamieren und macht dann gleich doppelt soviel Spaß, ich habe es selbst ausprobiert. Wer hat da noch Angst vor Lyrik?

Moritz Hürtgen: Angst vor Lyrik. Verlag Antje Kunstmann, München 2019, 144 Seiten, 16 Euro

Debatte

Mehr aus: Feuilleton

Jetzt drei Wochen gratis im Probeabo!