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Aus: Ausgabe vom 29.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Herr Goethe denkt nach

Auf einen Kaffee in Dresden
Von Pierre Deason-Tomory
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Heißen Sie Weimar mit Nachnamen?

In Dresden angekommen, gehe ich letzten Samstag gleich zur Motorenhalle. Die Veranstaltung soll erst um fünf Uhr anfangen, ich bin eine Stunde zu früh. Ich laufe zurück zum Bahnhof Mitte, um irgendwo einen Kaffee zu trinken. In einer unsanierten Markthalle betrete ich einen Dönerladen, der sich neben einer Spielothek befindet. Ich bestelle eine Tasse Kaffee.

Der junge Mann hinter der Theke geht in den Vorraum und klopft heftig gegen die Wand nach nebenan, geht zurück und macht einem Teenager einen Döner. Von hinten erscheint ein weiterer Dönermann und fragt mich, was ich möchte. Eine Tasse Kaffee, bitte. Jetzt klopft auch er lautstark gegen die Wand. Kurze Zeit später kommt eine zierliche Kellnerin mit aufregend schwarz umrandeten Augen von draußen. Der zweite Dönermann deutet auf mich, sie fragt, was ich möchte.

Einen Kaffee.

Einen Augenblick bitte, sagt sie, geht hinaus und kommt mit einer Tasse Automatencappuccino wieder.

Was bekommen Sie?

Ach nichts, lächelt sie im Gehen und verschwindet wieder durch die Tür.

Direkt am Ausgang des Dönerladens ist ein enger, eingeglaster Raum abgeteilt. Plastikgepolsterte Sitzbänke, zwei Daddelmaschinen, volle Aschenbecher, an einem der drei Tische sitzt ein Mann, vielleicht 60 Jahre alt. Ich gehe rein, setze mich an einen der anderen beiden Tische und lege den Rucksack ab. Der Mann schaut weiter auf sein Bier. Dunkelblaue Jeans und dunkelbunte Jeansjacke, dünnes, aber noch dunkles, eng anliegendes Haar, 80er-Jahre-Brille mit einem Gelbstich. Vor ihm ein Aschenbecher, zwei leere Flaschen Hasseröder und ein leeres Radeberger. Er dreht sich um, sieht mich kurz an und fragt mit einer angenehmen, warmen Stimme, ob ich zwei Euro für ein Bier hätte. Er nimmt die Münze, geht sofort hinaus und kommt mit einem Radeberger zurück. Er öffnet das Bier, zündet sich einen langen Zigarillo mit Filter an und fragt, wo ich herkomme.

Aus Weimar.

Oh! Weimar! Die Stadt müsste eigentlich mir gehören.

Warum? Heißen Sie Weimar mit Nachnamen?

Nein. Goethe.

Is nich wahr!

Er bietet mir einen Zigarillo an, ich lehne demütig ab.

Doch. Mein Vater ist von einer Familie Goethe adoptiert worden, deshalb heiße ich so.

Ich ziehe Schal und Mantel aus und drehe mir eine Zigarette.

In Weimar gibt es keinen Goethe mehr.

Hier in Dresden gibt es noch drei. Wir sind von einem Onkel von Goethe die Familie. In Weimar war ich mal. Ich bin in den Elephanten gegangen, gibt es den noch?

Ja.

Ich musste mir einen Schlips ausleihen, sonst hätten die mich nicht reingelassen. Er lacht.

Ich bin mit dem Fahrrad zum KZ raufgefahren, auf den Berg. Wie heißt der?

Ettersberg.

Genau, Ettersberg. Da waren Wochenendhäuser oben. Gleich hinter dem Zaun, Wochenendhäuser. Er macht eine Pause, trinkt und denkt nach. Dann: Was machst du? Bist du Musiker?

Nein.

Was machst du hier in Dresden?

Ich gehe zu einer Veranstaltung über DT 64 in der Motorenhalle.

DT 64? Das war ein schöner Sender. Gute Musik und gute Unterhaltung. So etwas gibt es nicht mehr. Die neuen Sender spielen keine DDR-Musik. Musste alles weg, die spielen heute alle nur Schleim. DDR-Musik musste weg. Wie alles. Das ist hier in der Motorenhalle? Ich habe gar nicht geguckt diese Woche, was los ist. Sonst schaue ich immer im Internet nach. Hast du studiert?

Nein.

Ich auch nicht. Ich hatte nur einen Durchschnitt von 2,5 in der siebten Klasse, ich hätte eine 2,4 gebraucht. Zwei andere in meiner Klasse hatten eine 2,4, und die sind dann auf die Erweiterte gegangen. Ich hatte eine Vier in Deutsch, in Mathematik war ich gut, aber nicht in Deutsch. Ich kann mir keine Namen merken. Zusammenhänge kann ich verstehen, aber ich kann mir keine Namen merken.

Er nimmt einen Schluck, setzt seine Bierflasche ab und betrachtet sie nachdenklich. Es ist inzwischen nach halb fünf. Ich ziehe Schal und Mantel an und nehme den Rucksack.

Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen.

Er lächelt zurück und wünscht mir eine schöne Veranstaltung. Ich verlasse den Daddelraum in Richtung Ausgang und werde vom Dönermann zurückgepfiffen, er will 1,40 für den Kaffee. Ich bezahle, und beim Rausgehen sehe ich noch mal in den Glaskasten. Drinnen sitzt Herr Goethe. Er raucht und denkt nach.

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