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Aus: Ausgabe vom 24.01.2020, Seite 15 / Feminismus
Trotz Bolsonaro

Selbstbewusste Frauen

Auf Briefmarken geehrt: Brasilianerinnen kämpften gegen Armut und häusliche Gewalt
Von Kai Böhne
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V.l.n.r.: Aracy Moebius de Carvalho Guimarães Rosa, Carolina Maria de Jesus und Maria da Penha auf Sondermarken der brasilianischen Post

Beim Betrachten der lächelnden Frauen auf zwei aktuellen brasilianischen Briefmarken lässt sich kaum erahnen, welch langer Weg hinter den beiden aufrechten Kämpferinnen liegt. Von Juli 2019 bis Ende des Jahres stellte die staatliche Post Correios monatlich eine selbstbewusste emanzipierte Brasilianerin vor, die Spuren in der Geschichte hinterlassen hatte.

Den Anfang der sechsteiligen Sondermarkenserie bildete die Sambamusikerin Elza Soares (siehe jW vom 9. August 2019), die in einer Favela aufwuchs und sich durch ihre Musik Anerkennung und Respekt verschaffte. Im Oktober und November kamen die Schriftstellerin Carolina Maria de Jesus und die Biopharmazeutin Maria da Penha, die sich über viele Jahre gegen häusliche Gewalt engagierte, zu Markenehren.

Die Afrobrasilianerin Carolina Maria de Jesus wurde am 14. März 1914 im Bundesstaat Minas Gerais im Südosten Brasiliens als Tochter von Landarbeitern, die von Sklaven abstammten, geboren. Sie hatte drei Kinder, die sie allein aufzog. Sie entschied sich, nicht zu heiraten, und finanzierte sich durch Sammeln von Altpapier und Wertstoffen. Dabei stieß sie auf einen Stapel Notizbücher, die sie nutzte, um über ihr Leben in der Favela Tagebuch zu führen. Darin beschrieb sie ihren Schmerz, wenn sie schreiende Kinder hörte, die Hunger litten, während Gaststätten Lebensmittelreste mit Säure in Mülltonnen entsorgten, um zu verhindern, dass diese von Hungernden entnommen wurden. Carolina Maria de Jesus war eine Frau, die an sich glaubte, ihre Hoffnung nicht aufgab und ihre Herkunft nicht verleugnete. Einige ihrer Werke wurden in 13 Sprachen übertragen. Zwei ihrer Bücher – »Tagebuch der Armut« und »Haus aus Stein« – wurden auch ins Deutsche übersetzt und erschienen unter anderem im Lamuv-Verlag.

Patriarchale Verhältnisse seien in Brasilien historisch tief verwurzelt und charakterisierten weitgehend die sozialen Strukturen des Landes, schrieb Beate Forbriger im November 2017 in einem Beitrag für die Friedrich-Naumann-Stiftung. Dem entspricht der Fall der Apothekerin Maria da Penha. Sie wurde während ihrer Ehe sechs Jahre lang von ihrem Gatten, einem Hochschullehrer, misshandelt und verprügelt. Er unternahm sogar zwei Mordversuche, mit einer Schusswaffe und per Stromschlag. Als Folge eines der Anschläge ist da Penha querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Sie zeigte ihren Ehemann an, doch der Prozess wurde von der brasilianischen Justiz mehrere Jahre verschleppt.

Die Medienberichterstattung über ihren Fall, der unerschütterliche Mut von Maria da Penha und ihre Hartnäckigkeit beim Einfordern von Menschenrechten hatten schließlich Erfolg und nationale und internationale Auswirkung. Im August 2006 unterzeichnete der damalige brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ein Gesetz zum Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt. Häusliche und familiäre Gewalt gilt nicht mehr als Privatangelegenheit, sondern wird als Straftat verfolgt. In Brasilien wird Maria da Penha als Vorkämpferin verehrt. Die heute 74-Jährige reist nach wie vor durchs Land, hält Vorträge und nimmt an Diskussionsrunden teil.

Vielen Frauen wurden auf Basis des Gesetzes Schutzmaßnahmen zugesprochen. Doch erledigt hat sich das Problem in Brasilien noch lange nicht. Der Justizapparat arbeitet langsam, verschleppt Prozesse oder verhängt nur geringe Strafen. Unter dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro ist keine Besserung zu erwarten. Doch dank engagierter Frauenrechtlerinnen bleibt das Thema in der Öffentlichkeit präsent.

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