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Aus: Ausgabe vom 24.01.2020, Seite 7 / Ausland
Yad Vashem

Nichts aus der Geschichte gelernt

Internationales Holocaustgedenken in Yad Vashem. Warnung vor neuen faschistischen Bestrebungen
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»Wir müssen uns erinnern«: Israels Präsident Reuven Rivlin bei seiner Rede in Yad Vashem am Donnerstag

Staats- und Regierungschefs aus mehr als 40 Ländern haben am Donnerstag in Yad Vashem in Israel im Rahmen des Weltholocaustforums an die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren erinnert. Nach Angaben des israelischen Außenministeriums handelte es sich um das größte Staatsereignis seit der Gründung Israels 1948. Es gab allerdings auch Kritik an der Veranstaltung. Mehrere Israelis demonstrierten gegen das kostspielige Treffen mit Blick auf viele verarmte Überlebende des faschistischen Völkermords in Israel. »Stoppt diese ­›Holocaustparty‹! 100.000 hungrige Holocaustüberlebende« stand auf einem Banner geschrieben. Zum Schutz der Großveranstaltung mobilisierte Israel 10.000 Polizisten – ein Drittel seiner landesweiten Einsatzkräfte.

Am kommenden Montag, dem 27. Januar, jährt sich zum 75. Mal die Befreiung von Auschwitz im von Nazideutschland besetzten Polen. Nach Schätzungen wurden dort mehr als eine Million Menschen ermordet, zumeist Juden. Russlands Präsident Wladimir Putin erinnerte daran, dass die Rote Armee der Sowjetunion nicht nur das Vernichtungslager Auschwitz von den Faschisten befreit, sondern »einen entscheidenden Beitrag im Kampf gegen Nazismus geleistet« habe. »Was die Tragödie des Holocaust angeht, dann sind 40 Prozent der getöteten und gequälten Juden – Juden der Sowjetunion. Und so ist das im wahrsten Sinn des Wortes unsere gemeinsame Tragödie«, sagte Putin. Er warnte zugleich vor gegenwärtigen faschistischen Tendenzen. »Leider treten in der heutigen Zeit in einer Reihe von Staaten offen menschenfeindliche Ideen des Rassismus und des Antisemitismus hervor – und es werden pronazistische Märsche abgehalten«, schrieb Putin der Agentur Interfax zufolge in das Gästebuch des Holocaustgedenkforums. »Es gibt Versuche, die Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg zu verzerren und die Aggressoren und ihre Helfer zu rechtfertigen. Es werden Denkmäler der Befreier vom Krieg geschändet oder zerstört.«

Israels Präsident Reuven Rivlin bedankte sich in Jerusalem bei den Staatsgästen für die Solidarität mit dem jüdischen Volk. »Antisemitismus hört nicht bei den Juden auf«, sagte der 80jährige in der Gedenkstätte. Er mahnte an, die Geschehnisse des Holocaust nicht zu vergessen. »Wir entfernen uns von den Ereignissen der Schoah, aber wir müssen uns erinnern«, sagte Rivlin. »Wir erinnern daran, weil wir wissen: Wenn wir uns nicht erinnern, wird die Geschichte sich wiederholen.«

Israels Premier Benjamin Netanjahu nutzte die Gedenkveranstaltung ebenso wie US-Vizepräsident Michael Pence, um erneut gegen den Iran auszuholen. Er forderte eine »gemeinsame und entschlossene Haltung gegen das antisemitischste Regime der Welt, das Atomwaffen entwickeln und den einzigen jüdischen Staat zerstören will«. Der Iran unterdrücke sein eigenes Volk und bedrohe die Weltsicherheit. »Israel wird alles tun, was wir müssen, um unseren Staat und unser Volk zu verteidigen.«

Auf Einladung Rivlins sprach zum ersten Mal mit Frank-Walter Steinmeier ein deutscher Bundespräsident auf dem Forum. »Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt«, sagte Steinmeier. »Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten.« (dpa/AFP/jW)

Debatte

  • Beitrag von Michael S. aus H. (24. Januar 2020 um 15:10 Uhr)
    Das Konzentrationslager Auschwitz wurde vor 75 Jahren von der Roten Armee befreit, von der sowjetischen Armee mit Soldaten aus allen Sowjetrepubliken. Das sollte doch wohl Konsens sein. Es waren nicht einfach nur Ukrainer, wie in letzter Zeit von Polen und Ukraine behauptet wird, im Gegenteil, man sollte öfter mal lesen, dass ein beträchtlicher Teil der Wachmannschaften im KZ Ukrainer waren, sogar die brutalsten laut Heinz Galinski, dem langjährigen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. Eine andere Frage ist, ob die Befreiung hätte früher stattfinden können oder ob andere Kriegsschauplätze höhere Prioritäten hatten. Das trifft vielleicht zu, auch für die Westalliierten, für die Briten und US-Amerikaner, sie hätten lange vorher schon Transporte nach Auschwitz durch Bombardierung der Schienenwege verhindern können. Was in den Lagern geschah, war ja seit spätestens 1944 bekannt.

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