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Aus: Ausgabe vom 24.01.2020, Seite 4 / Inland
OB-Wahl in Stuttgart

SPD sieht doppelt

Stuttgart: Kandidaten für Oberbürgermeisteramt bringen sich in Stellung. Grüne suchen noch, Gerangel bei Sozialdemokraten, linke Kandidatur offen
Von Tilman Baur, Stuttgart
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Hat Konkurrenz aus der eigenen Partei: Martin Körner (SPD) bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters in Stuttgart (10.1.2020)

Mit seiner Ankündigung, im Herbst nicht erneut anzutreten (jW berichtete), hat Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) die politische Szene in der baden-württembergischen Landeshauptstadt in Bewegung gebracht.

Das trifft vor allem auf seinen eigenen Kreisverband zu, der von der Entscheidung des 64jährigen ehemaligen Bundesvorsitzenden der Grünen nicht weniger überrascht wurde als die Öffentlichkeit. Schnell berief man eine Kommission ein, die nun bis Mitte Februar einen Kandidaten präsentieren soll. Zwei heiß gehandelte Anwärter haben bereits abgesagt. Einer davon ist Cem Özdemir. Nach dem im vergangenen Jahr gescheiterten Versuch, sich als Vertreter der Anhänger einer »schwarz-grünen« Option an die Spitze der Bundestagsfraktion wählen zu lassen, hielten einige Beobachter den Chefsessel im Stuttgarter Rathaus für das wahrscheinliche nächste Ziel Özdemirs. Doch der winkte ab. Nur wenige Tage später gab auch Landtagspräsidentin Muhterem Aras dem Kreisverband einen Korb. Die streitlustige Aras hat als Repräsentantin des Parlaments offenbar ihre Rolle gefunden – regelmäßigen Anfeindungen und Beschimpfungen aus den Reihen der AfD-Fraktion zum Trotz.

Damit sind offiziell bislang nur zwei Kandidaten im Rennen: der SPD-Mann Martin Körner und sein Parteifreund Marian Schreier, der aber als unabhängiger Kandidat antreten will. Der 29jährige Schreier hatte den Kreisvorstand mit der Ankündigung seiner Kandidatur Ende November vergangenen Jahres überrascht. Er sollte die Chance erhalten, sich den Delegierten zu präsentieren und gegen Körner bei der SPD-Kreiskonferenz anzutreten. Darauf verzichtet Schreier nun aber. Am Samstag will er offiziell seine Kandidatur als Parteiloser verkünden und erläutern, was er in Stuttgart vorhat. Der gebürtige Stuttgarter hat Politik- und Verwaltungswissenschaften studiert, unter anderem als Redenschreiber für Peer Steinbrück gearbeitet und amtiert seit knapp fünf Jahren als Bürgermeister von Tengen, einer Kleinstadt im Kreis Konstanz. Der Stuttgarter Zeitung sagte Schreier, seine Solidarität gelte »der Idee der Sozialdemokratie – und die ist größer als das, was Teile des Partei-Establishments aus ihr machen.«

Zum Establishment der Stuttgarter SPD darf sich Martin Körner durchaus rechnen. Er führt die Fraktion im Gemeinderat seit 2014, war zuvor Bezirksvorsteher von Stuttgart-Ost und arbeitet als finanzpolitischer Berater der SPD-Fraktion im Landtag. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler ist 20 Jahre älter als Schreier, was man ihm aber nicht ansieht. Den Kommunalwahlkampf 2019 führte sein Kreisverband als Frontalangriff auf Kuhn, letztlich aber ohne Erfolg. Körner hat angekündigt, die städtische Wohnbaugesellschaft stärken zu wollen und neues Bauland auszuweisen. Aber gleichzeitig will er Wähler von FDP und Freien Wählern für sich gewinnen. Wo der 49jährige politisch genau zu verorten ist, wird sich wohl erst in den nächsten Wochen zeigen.

Auch über der CDU-Kandidatur hängt bislang ein großes Fragezeichen. Die Partei, die jahrzehntelang den Stuttgarter Oberbürgermeister stellte, hat bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr ein Debakel erlebt. Weder der Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann noch Gemeinderatsfraktionschef Alexander Kotz haben sich bislang aus der Reserve gewagt. Dafür preschen Kandidaten aus dem Stuttgarter Speckgürtel nach vorne, darunter der Backnanger Oberbürgermeister Frank Nopper.

Offen ist, ob die politische Linke in Stuttgart wieder einen Kandidaten ins Rennen schickt. Vor acht Jahren war Hannes Rockenbauch vom Bündnis Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS) angetreten und hatte im ersten Wahlgang beachtliche zehn Prozent der Stimmen verbuchen können. Eine Anfrage von jW hinsichtlich einer erneuten Kandidatur ließ der Fraktionschef des linken Lagers im Gemeinderat unbeantwortet.

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