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Aus: Ausgabe vom 20.01.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

»Gefährliche Symbole«

Wird der FC St. Pauli für Solidarität mit Rojava bestraft? Britischer Polizei gilt er schon als potentiell terroristisch
Von Oliver Rast
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19. Oktober am Millerntor: Fan des FC St. Pauli mit Fahne der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ

Gelb, rot, grün – das Stadion des FC St. Pauli war im vergangenen Herbst in die Trikolore der kurdisch-syrischen Befreiungsbewegung getaucht. Beim Heimspiel gegen den Ligakonkurrenten SV Darmstadt am 19. Oktober schwenkten die Ultras des Hamburger Fußballzweitligisten Fahnen und präsentierten ein Banner mit der Aufschrift »Biji Rojava« (»Es lebe Rojava!«). Monate später könnte die Aktion der aktiven Fans im Stadion am Millerntor nun zum Politikum werden.

Die Choreographie war Ausdruck der Solidarität mit der Demokratischen Föderation in Nord- und Ostsyrien und ihren Volksverteidigungseinheiten der YPG und YPJ. Wenige Tage zuvor hatte sich der FC St. Pauli von seinem Spieler Cenk Sahin getrennt. Der türkische Profi hatte bei Instagram den mit einer Offensive dschihadistischer Terrormilizen verbundenen Einmarsch türkischer Truppen in die Region begrüßt und seine Ehrerbietung bekundet.

Pikant ist das Nachspiel: Der lange Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan reicht womöglich bis in die Spitze des Deutschen Fußballbundes (DFB). Auf die Soliaktion der Fans wurde der DFB in einem Brief des türkischen Fußballverbandes aufmerksam gemacht, der wiederum vom türkischen Außenministerium instruiert worden war, wie es in einem Bericht der dpar vom vergangenen Donnerstag hieß.

Die Vereinsführung scheint hinter den Fans zu stehen. »Für den FC St. Pauli ist die Meinungsfreiheit nicht verhandelbar – auch im Stadion«, sagte Klubpräsident Oke Göttlich gegenüber dpa. Der Verein habe sich immer dazu bekannt, »dass Sport politisch ist.«

Der Generalsekretär der Kurdischen Gemeinde Deutschlands, Cahit Basar, nahm am Freitag Stellung: »Die Fans des St. Pauli haben sich mit ihrer Aktion nicht für Krieg, Invasion oder Menschenrechtsverletzungen ausgesprochen, sondern die von der Türkei losgetretene Gewaltspirale kritisiert«, betonte er und appellierte an die Mitglieder des Kontrollausschusses des DFB-Sportgerichts, von einer Verurteilung abzusehen. Sport habe in solchen Belangen »keineswegs unparteiisch« zu sein.

Der Kontrollausschuss erwägt laut dpa, wegen der Aktion eine Geldstrafe in Höhe von 4.000 Euro gegen den Kiezklub zu verhängen. Kommentatoren erwarteten einen Schuldspruch bei der DFB-Sportgerichtsverhandlung am Freitag in Frankfurt/Main, wo es um den massiven Einsatz von Pyrotechnik beim Hamburger Zweitligaderby im September 2019 ging.

Die Verbandsrichter verständigten sich dort aber nur auf Geldstrafen wegen der »Pyronale« beim Stadtduell. Einen Beschluss zur Kontroverse um die Rojava-Solidarität vertagte das Sportgericht, wie Anne Kunze, Medienleiterin beim FC St. Pauli, auf jW-Nachfrage bestätigte: »Es gab hierzu bislang keine Entscheidung.« Sie gehe davon aus, dass sie im Laufe der nächsten, spätestens übernächsten Woche gefällt werde.

Nach jW-Informationen ist die Meinungsbildung innerhalb des DFB zur »komplexen Materie« politischer Äußerungen im Stadion nicht abgeschlossen. Das Thema könne nicht mit ein, zwei Sätzen abgehandelt werden, verlautete es aus DFB-Kreisen. In der Sache müsse man differenzieren zwischen der abstrakten Thematik der unbestreitbar zu garantierenden Meinungsfreiheit und der Frage, an welchem Ort, wie und wann in Zusammenhang mit einem Fußballspiel Aussagen politischer Art zu ermöglichen bzw. zu ahnden seien.

Für den Vertreter der kurdischen Gemeinde steht fest: »Die Fans des FC St. Pauli haben völlig im Rahmen unserer demokratischen Werte gehandelt«, sie verdienten dafür Hochachtung und Unterstützung.

Staatliche Organe, die das anders sehen, gibt es nicht nur in Ankara. Wie am Wochenende bekannt wurde, findet sich das inoffizielle Totenkopflogo des FC St. Pauli auf einer Liste mit potentiell gefährlichen Symbolen, die die britische Polizei etwa an Lehrer und Ärzte des Vereinigten Königreichs verteilt, um für Gefahren zu sensibilisieren. Geführt wird diese Liste von einer Dachorganisation zur Terrorismusbekämpfung namens »Counter Terrorism Policing«. Die Antiterrorpolizei hat gegenüber dem Guardian erklärt, dass die gelisteten Organisationen nicht unbedingt selbst gefährlich seien. Allerdings könnten gefährliche Personen anhand der aufgeführten Zeichen erkannt werden.

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