Gegründet 1947 Dienstag, 25. Februar 2020, Nr. 47
Die junge Welt wird von 2229 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 20.01.2020, Seite 8 / Ansichten

Fata Morgana des Tages: Gigafactory

Von Michael Merz
Demonstrationen_fuer_64029176.jpg
Protestaktion in Grünheide (18. Januar 2019)

Grünheide und Gigafactory, das passt zusammen wie Alexanderplatz und Ausspannen. In dem kleinen Ort südöstlich Berlins ist die Hauptstadt weit weg, es gibt jede Menge Seen und Wälder. Im Wappen trägt er sinnbildlich eine Schildkröte. Lauter wird es nur, wenn Kinder an den Badestränden johlen oder der Oldtimerclub aus dem Nachbardorf Herzfelde einmal im Jahr anlässlich seines Sommerfestes mit betagten Zweitaktern durch die Gegend knattert.

Mit der Ruhe ist es vorbei, seit der Zampano der Autoindustrie, Elon Musk, im letzten Jahr angekündigt hat, in Brandenburg, das er für Berlin hält, seine Elektrokisten bauen zu wollen. Journalisten überrennen die Gemeinde und stellen Fragen, die keiner beantworten kann. Nicht mal Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD), der zunehmend genervt darauf reagiert, die Öffentlichkeitsarbeit der Kalifornier erledigen zu müssen. Und am Wochenende gab es sogar eine Protestdemo gegen die Tesla-Ansiedlung. 200 Einwohner wollen Grundwasser und Bäume schützen, seltene Tierarten müssen erst noch entdeckt werden. Ihnen stellten sich 50 Gegendemonstranten in den Weg, mit Plakaten auf denen etwa »Elon, ich möchte ein Auto von dir« steht. Das könnten sie jetzt schon haben – gegen reichlich Penunzen, versteht sich.

Die ersten Schneisen sind schon in den Wald geschlagen, höchste Zeit, die Anwohner einzulullen. Ein Bürgerbüro wolle Tesla einrichten, hieß es letzte Woche. Doch das ist nichts weiter als eine Sprechstunde im »Netz-Werk-Laden«, den es schon länger am Marktplatz gibt. Und von Tesla ließ sich nicht mal einer blicken, lediglich drei schicke Consulter der niederländischen Beratungsgesellschaft Arcadis kamen angereist, wie der Tagesspiegel berichtete. Ob die spröden Brandenburger jemals mit halbseidener Silicon-Valley-Arroganz warm werden? Den Kaufvertrag für das Grundstück hat Tesla jedenfalls am Sonnabend unterzeichnet.

Mehr aus: Ansichten