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Aus: Ausgabe vom 17.01.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Kindersoldaten in der BRD

»Die PR der Bundeswehr zeigt Wirkung«

Kriegsgegner fordern Ende der Anwerbung von unter 18jährigen. Ein Gespräch mit Felix Oekentorp
Von Markus Bernhardt
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Zur Videospielemesse »Gamescom« in Köln startete die Bundeswehr 2018 eine an Gamer adressierte PR-Kampagne

Die Kampagne »Unter 18 nie!«, die von Ihrer Organisation mitgetragen wird, kritisiert aktuell erneut die hohe Zahl von Minderjährigen in der Bundeswehr. Was genau stört Sie daran, wenn noch nicht erwachsene Menschen sich freiwillig zum Dienst bei der Bundeswehr melden?

Die UN-Kinderrechtskonvention verbietet die Rekrutierung von Minderjährigen. Auch der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes und die Kinderkommission des Bundestags haben Deutschland empfohlen, das Rekrutierungsalter auf 18 Jahre anzuheben.

Warum folgt die Bundesregierung dieser Empfehlung nicht?

Ich kann nur mutmaßen, dass das etwas mit Rekrutierungsproblemen der Bundeswehr zu tun hat. Schließlich wollen immer weniger junge Menschen Dienst an der Waffe leisten. Die deutsche Armee hat seit geraumer Zeit ein großes Nachwuchsproblem.

Denken Sie wirklich, dass die Ablehnung des Militärs bei jüngeren Generationen übermäßig ausgeprägt ist?

Zumindest nehme ich wahr, dass die Bundeswehr bei nicht wenigen jungen Leuten einen schlechten Ruf hat. Der Drill, das Prinzip von Befehl und Gehorsam sowie eine Reihe an Skandalen mit extrem rechten Soldaten haben den Ruf der Truppe schon deutlich ramponiert.

Und trotzdem gibt es genügend junge Menschen, die den Dienst an der Waffe leisten wollen und kein Problem mit der Bundeswehr haben. Warum?

Auch hier dürften die Antworten sehr individuell ausfallen. Dass es Personen gibt, die sich wie magisch vom Militär angezogen fühlen, bestreite ich ja nicht. Jedoch gehört auch zur Wahrheit, dass die Bundeswehr in der Vergangenheit als sicherer Arbeitgeber eingeschätzt wurde und sich vor allem im Osten, wo die Erwerbslosigkeit über Jahre hinweg horrend war, viele einen sicheren Job wünschten. Heutzutage spielt jedoch meines Erachtens die anhaltende Modernisierung der Bundeswehr eine Rolle.

Was genau meinen Sie damit?

Die Bundeswehr hat ihre PR-Strategie in den letzten Jahren nahezu umgekrempelt – und zwar mit Erfolg. Wirkte die deutsche Armee früher bestenfalls altbacken und nationalistisch, präsentiert sie sich heute modern, jung, frisch und zielstrebig. Publikationen, die sich eigens an potentielle Nachwuchssoldaten richten, PR-Serien auf Youtube, Stände der Bundeswehr auf der »Gamescom« (jährlich in Köln stattfindende und weltweit größte Messe für Videospiele, jW) und anderen Messen, die sich maßgeblich an ein jüngeres Publikum richten – und hier und da auch ein frecher Spruch, versehen mit einem Augenzwinkern – zeigen Wirkung.

Also ist der Bundeswehr gelungen, was die Friedensbewegung verschlafen hat?

Nein – und ich würde auch nicht behaupten wollen, dass sich in der Friedensbewegung nur betagtere Menschen engagieren. Es gibt genügend junge Aktivistinnen und Aktivisten, die gegen Gelöbnisse, Krieg und Kriegsprofiteure oder die »Sicherheitskonferenz« in München auf die Straße gehen. Natürlich müssen sich Organisationen im Laufe der Jahre jedoch auch verändern und dafür sorgen, für junge Menschen attraktiv zu sein oder teils auch wieder zu werden.

Und wie wollen Sie den Kontakt zu jungen Menschen herstellen, die sich noch nicht abschließend eine Meinung pro oder kontra Militär gebildet haben?

Unter dem Motto »Kein Werben fürs Sterben!« versuchen wir, die Jugendlichen über die Risiken und Gefahren des Soldatinnen- und Soldatenberufs aufzuklären. Wir sind regelmäßig auf der Straße, wenn Jugendoffiziere in Schulen sowie bei Berufsbildungszentren auftreten, und protestieren auch, wenn die Bundeswehr auf Berufsmessen zugegen ist, die von Schulklassen besucht werden. Dies steht im Gegensatz zur Sicht der Bundeswehr, die das Soldatentum und den Krieg gern als spannendes Abenteuer und ungefährlichen Funsport zu verharmlosen versucht. Jeder Mensch, den wir davon überzeugen, keinen Dienst bei der Bundeswehr zu leisten, stellt einen Erfolg für Zivilisation und Frieden dar.

Felix Oekentorp ist Landessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegnerinnen und -gegner (DFG-VK) in Nordrhein-Westfalen

Debatte

  • Beitrag von Alexander K. aus L. (16. Januar 2020 um 20:55 Uhr)
    Franz Josef Degenhardt: Rat an einen jungen Sozialisten. In diesem Lied rief Degenhardt zur antimilitaristischen und sozialistischen Arbeit innerhalb der Bundeswehr auf. Allerdings wurde es zu Zeiten der »Wehr«-Pflicht geschrieben. Heute dürfte es ungleich schwerer sein, so eine Arbeit zu organisieren. Vielleicht eine Aufgabe für die Zukunft, wenn die revolutionären Kräfte in diesem Land an Stärke gewonnen haben und solche jungen Genossen effektiv unterstützen können. Denn eins hat schon das Lied gewusst: »Wenn du stark genug bist ...« Dazu gehören auch starke solidarische Strukturen.

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