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Aus: Ausgabe vom 16.01.2020, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Der Stil ist die Nachricht

Mehr als eine Spielerei mit Weltkrieg: Sam Mendes’ Film »1917« wächst über seinen Stoff hinaus
Von Felix Bartels
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»Der Soldat als Querschläger«: Schofield (George MacKay)

Film ist ein Ding, das tut, als sei es Vorgang. Ein One-Shot eine Szene, die tut, als sei sie Film. »1917« nun ein Film, der tut, als sei er ein One-Shot. Spielerei mit Weltkrieg also? Es fing ja früh an, mit Hitchcocks »Rope« (»Cocktail für eine Leiche«, 1948), wo die Bemühung um eine kontinuierliche Kameraeinstellung ohne Schnitt noch durch die Laufzeit der Filmrollen begrenzt war. Folglich musste er genau das machen, was Sam Mendes jetzt freiwillig tut – einen Film so schneiden, dass er wie ein ungeschnittener aussieht. Genauso verhält es sich bei »Birdman« (2014) und dem zu Recht kaum beachteten »Bushwick« (2017). Tatsächlich ungeschnittene Filme wie »Russian Ark« (2002), »Victoria« (2015) oder »Utøya 22. Juli« (2018) verenden dagegen, weil die Produktionsnotiz zur Hauptnachricht wird. Was »One Cut of the Dead« (2017) wenigstens insofern ins Witzige wendet, als dieser Film die eigene Entstehung miterzählt. Der tatsächliche One-Shot bleibt beschränkt; man kann nicht das beste Material wählen, muss auf die szenischen Möglichkeiten der Montage verzichten, ist zeitlich gebunden. Der scheinbare One-Shot ist keine kleinere Herausforderung; die Schnitte müssen elegant verborgen, alles muss im Takt und am Ort gehalten sein. Wen interessiert, was am Set passierte? Entscheidend ist auf der Leinwand.

Manche Einstellungen in »1917« sind nicht länger als zwei, drei Minuten. Man ahnt, wo die Schnitte sind, aber sieht sie nicht. Gerade weil das hier so geschickt umgesetzt wurde (zudem bei höllisch kompliziertem Setting), ist »1917« ein Höhepunkt der Genrebemühung. Dabei ging vielleicht die Frage unter, ob die Erzählung dem Stoff gerecht wird. Die britischen Soldaten Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) erhalten während der Kirschblüte 1917 den Auftrag, sich entlang der Front zu einer Division durchzuschlagen, die eine scheinbar verlassene Stellung der Deutschen angreifen will. Die Aufklärung hat ermittelt, dass die Soldaten mit dem Rückzug in eine Falle gelockt werden sollen. Die Kamera folgt den beiden. Während Schofield resigniert seinen Dienst verrichtet, ist Blake voller Idealismus, zudem persönlich motiviert, da sein Bruder in erwähnter Division dient.

Sieht man ab von einem dramaturgisch notwendigen, deutlich als Schnitt herausgestellten Zeitsprung sowie einer unerwartet frühen Peripetie, ist die Erzählung geradlinig. Da auf Rückblenden, Parallelmontagen, Entfaltung der Handlung an mehreren Orten verzichtet wird, muss der Star die Landschaft sein. Das Szenenbild überwältigt, was Weite und Vielfalt betrifft. Zerkraterte Schlachtfelder und Schützengräben, Höhlen und Wiesen, Wälder und Flüsse, Bauernhöfe und Ruinen lösen einander ab, und all das nicht als tote Kulisse, sondern belebt von Ratten, Fliegen und Krähen, Soldaten, Geschützen und Motoren. Strengen Stils sind Licht und Farben: sepiabraun die Uniformen, schwefelgelb die Landschaft, Rauch und Nebel, selbst das Wasser. Kein Lichtstrahl dringt durch die Wolkendecke. Visuell erinnert eine Sequenz an Tarkowskis »Stalker« (1979), andere an »The Revenant« (2015) oder »Dunkirk« (2017). Intensive, Spannung unerbittlich steigernde Musik wie ein auch jenseits der Gefechte bedrückender Tonschnitt arbeiten dem Gesamteindruck zu. So meisterhaft symphonisch das alles gemacht ist, es richtet sich ausnahmslos auf den Moment. Der Stil scheint die Nachricht.

Man versteht den Ersten Weltkrieg, wenn man ihn gegen den Zweiten hält. Anders als bei diesem fehlt bei jenem die sittliche Differenz. Es gab kein besser oder schlechter, nur innerimperialistische Konkurrenz, eine Feindschaft gerade aus Gleichartigkeit, dürftig versteckt hinter vaterländischem Gebrüll. Es ist am Ende gleich, ob dieser oder jener Konzern, dieser oder jener Staat Vorteile in Rohstoffen und Absatzmärkten erlangt. Der Nichtigkeit entsprach die militärische Form, der Stellungskrieg. Millionen starben, ohne dass sich was bewegte. Im dauerhaften Töten ohne Gewinn sprießen dumme Gedanken besonders gut. Dem einen (Andrew Scott), der seinen Frontabschnitt mittlerweile wie die eigene Westentasche kennt, scheint alles gleichgültig, den anderen (Benedict Cumberbatch) treibt die schwer erträgliche Stagnation in die Tollkühnheit, ein dritter (Mark Strong) sagt den traurigsten Satz des Films: »Nachdenken führt zu nichts.« Wenn die Lage falsch ist, kann ein Satz zugleich ganz falsch und ganz stimmig sein.

Der Film gibt sich diesem Pessimismus zu sehr hin, als dass man dergleichen bloß für Rollenprosa halten könnte. Zumindest im Ethischen aber wächst er über seinen Stoff hinaus. Ein Auftrag verselbständigt sich, eine Haltung geht vom einen auf den anderen über, eine Sache wird wichtiger als ihr Anlass. Erst die Überwindung persönlicher Motive macht wahrhaft persönliches Handeln möglich. Es gibt einen sowjetischen Film, der einer ähnlichen Idee folgt: »Der Vater des Soldaten« (1965).

Der Einzelne muss eingreifen, wo die Organisation versagt. Die Handlung übersetzt dieses Verhältnis in räumliche Struktur. Während die Bewegung der Armee vertikal, also gegen den Feind geht, bewegen die Helden sich horizontal, an der Frontlinie entlang. Ihr Auftrag ist nicht Töten, sondern Töten verhindern. Der Soldat als Querschläger. In einer grandiosen Szene am Ende, in der Schofield während eines Angriffs übers Schlachtfeld läuft, ist das in Bildsprache umgesetzt. Es wird vielleicht die Kamerafahrt des Jahres, sicher ist es Filmgeschichte.

»1917«, Regie: Sam Mendes, USA/Großbritannien 2019, 110 Minuten, Kinostart: heute

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