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Aus: Ausgabe vom 16.01.2020, Seite 10 / Feuilleton
Zeitgeschichte

»Die Linke hat mir das Leben gerettet«

»Mimi & Els«: Karl Fallends aufschlussreiches Buch über die feste Freundschaft der Psychoanaly­tikerinnen Marie Langer und Else Pappenheim
Von Erich Hackl
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»Zugang zur eigenen Geschichte finden«: Else Pappenheim (l.) und Marie Langer

Der österreichische Sozialpsychologe Karl Fallend hat grundlegende Werke zur Geschichte der Psychoanalyse vor, während und nach der Naziherrschaft verfasst. Umso verblüffender sind die sprachlichen Mängel, die einem die Lektüre seiner Doppelbiographie über die aus Wien vertriebenen Psychoanalytikerinnen Marie »Mimi« Langer und Else Pappenheim zu verleiden drohen: Die Beistriche wurden offenbar nach dem Zufallsprinzip, und mit niedriger Trefferquote, zwischen die Buchdeckel geschüttet, und die vielen Grammatikfehler, Stilblüten und Gemeinplätze lassen vermuten, dass das Manuskript nicht einmal ein simples Rechtschreibprogramm durchlaufen hat. Trotzdem sollte man die Geduld aufbringen, »Mimi & Els« zu lesen: weil man darin zwei außergewöhnliche Frauen kennenlernt, die ihre revolutionäre Gesinnung und ihre kritische Position gegenüber den psychoanalytischen Institutionen nie aufgegeben haben. Im Schlusskapitel, das ihren Briefwechsel dokumentiert, begegnet man sogar dem Verfasser selbst, einem »netten Kerl und guten Genossen«, in den Worten Mimi Langers.

Das brennende Interesse

Das war Anfang der 80er Jahre, als Fallend als Aktivist der »Institutsgruppe Psychologie« an der Universität Salzburg den Kontakt zu ihnen gesucht hatte – und auch sie, ermutigt durch das brennende Interesse von jungen Leuten aus ihrem Herkunftsland, die jahrzehntelang unterbrochene Verbindung zueinander wieder aufnahmen. Der in fast jedem Brief geäußerte Wunsch nach einem Wiedersehen erfüllte sich nicht, was sowohl an den wachsenden körperlichen Beschwerden Pappenheims lag, die ihr längere Reisen verleideten, als auch an der rastlosen Tätigkeit Langers, die im Aufbau eines psychosozialen Gesundheitsdienstes im sandinistischen Nicaragua und im ersten Kongress über Psychoanalyse und Marxismus, 1986 in Havanna, gipfelte. Langer starb im Jahr darauf. Ihre Jugendfreundin sollte sie um 21 Jahre überleben.

Darf man »Mimi & Els« überhaupt als Doppelbiographie bezeichnen? In der Einleitung begründet Fallend seine subjektive Herangehensweise mit dem Hinweis darauf, dass sich schon mehrere Historiker und Psychoanalytiker ausführlich mit seinen Protagonistinnen beschäftigt hätten. Er verwirft deshalb das Konzept einer lückenlosen Chronologie und konzentriert sich statt dessen auf jene Zeitspannen und Ereignisse, die beide Frauen besonders geprägt haben. Erstens ihre sozial privilegierte Kindheit in den Anfangsjahren des »Roten Wien« (Langer ist 1910, Pappenheim 1911 geboren); zweitens ihre Schulzeit in einer außergewöhnlich anregenden reformpädagogischen Anstalt, der nach ihrer Gründerin und Direktorin benannten Schwarzwaldschule; drittens das gemeinsame Psychiatriestudium an der Universität Wien, verbunden mit intensiver sozialmedizinischer und politischer Arbeit im Sozialistischen Ärztebund und in der KPÖ; viertens Langers zeitlich weit auseinanderliegende, durch die Erfahrung des Befreiungskampfes jedoch miteinander verzahnte Tätigkeiten im Spanischen Bürgerkrieg und im revolutionären Nicaragua; fünftens das Erleben von Verfolgung, Flucht, Verlust und zuletzt ihr Bemühen, sich im Exil – den Vereinigten Staaten im Fall Pappenheim; Uruguay, Argentinien, Mexiko bei Langer – und in neuer Sprache und Kultur einzuleben. Hier erwies sich die Psychoanalyse als »Rettungsanker« – beruflich, weil sie in ihren Zufluchtsländern lange nicht als Ärztinnen arbeiten durften, und persönlich, weil ihnen erst die Analyse ermöglichte, »einen Zugang zur eigenen Geschichte zu finden«.

Fallend weist darauf hin, dass beide Frauen sich eigene Verwundungen, Versäumnisse oder Fehler lange oder gar nicht eingestanden: das Schicksal von Pappenheims Mutter Edith zum Beispiel, die sich angesichts der bevorstehenden Deportation 1942 in Bonn das Leben genommen hatte, oder Langers Entschluss, einen behinderten Sohn in einer psychiatrischen Klinik zu verwahren und noch zu dessen Lebzeiten in der Familie totzuschweigen. Ihr Engagement war, meint der Autor, auch ein Mittel der Verdrängung. Zwischen den Zeilen klingt Kritik an – am vermeintlich überzogenen revolutionären Elan der Mimi Langer, an ihrer Hingabe für die republikanische Sache in Spanien, die sie als Anästhesistin in Spitälern und Lazaretten der Internationalen Brigaden verfochten und seiner Meinung nach blind gemacht hat für die Verbrechen an der antistalinistischen Linken.

Aber die Kritik richtet sich auch gegen die Begeisterung des jungen Psychologiestudenten, der er damals war, als er Langer zu Vorträgen einlud und Pappenheim in New York besuchte – Begeisterung für ein unbekanntes, im Niemandsland zwischen Faschismus und Restauration verschüttet geglaubtes Österreich, das die beiden Frauen für ihn verkörperten. Ihre Idealisierung einerseits also, durch ihn und seine Mitstreiter, und ihre Bereitschaft andererseits, deren Interesse an ihnen als Beleg für eine kollektive Aufbruchsstimmung zu nehmen. Ihre Befriedigung darüber, von einer jungen Generation von Historikerinnen, Psychologen und Psychoanalytikerinnen entdeckt, geschätzt, in ihrer feministischen und herrschaftskritischen Haltung wahrgenommen zu werden.

Fallends Unbehagen an diesem doppelten Überschwang nährt sich vom Glauben an das Scheitern der sozialistischen Utopie und von der Verfestigung der Skepsis zur vorherrschenden intellektuellen Grundstimmung in den Jahren danach. Dass es dazu gekommen ist, ist jedoch weder seinen Protagonistinnen noch seinem früheren Ich – dem »guten Genossen« – anzulasten. Beim Schreiben sei darauf zu achten, so der Schriftsteller Franz Kain, vergangenes Geschehen »mit den Augen und der Verständnismöglichkeit von damals« zu betrachten.

»Wie es mir abgeht«

Jedenfalls löst »Mimi & Els« mehr ein als der Untertitel verspricht: »Stationen einer Freundschaft«. Es birgt eine Fülle von Informationen, gewährt tiefe Einsichten in das spannungsreiche Verhältnis von Politik und Psychoanalyse, folgt allen Spuren, die von den beiden Frauen wegführen, und verliert diese doch nie aus dem Blick. »Die Linke hat mir das Leben gerettet«, meinte Mimi Langer einmal und dachte dabei an ihren Entschluss, 1936 als Ärztin nach Spanien zu gehen. »Ohne die Linke wäre ich in Wien geblieben, und man hätte mich als Jüdin umgebracht.« Und in einem Brief an ihre Freundin sinnierte sie darüber, »wie verschieden mein Leben – nicht besser, eher schlechter – gewesen wäre, wenn Max und ich nach USA ausgewandert wären. Das unterentwickelte Lateinamerika hat einem viel mehr Chancen gegeben.«

Else hatte, aus den gleichen Gründen, weniger Glück. Sie wäre 1946 aus den USA gern nach Österreich zurückgekehrt, aber ihr Mann Stefan Frischauf, der wie sie aus Wien stammte und seinen Namen zu Stephen Frishauf anglisierte, war dafür nicht zu haben. Sie fühlte sich isoliert im »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« und prangerte die reaktionäre Politik an, den Rassismus, das »asoziale« Gesundheitswesen, die Analytiker, die »einseitig, ungebildet, eigentlich Geschäftsleute« seien. »Else Pappenheim hatte«, meint Fallend, »nicht die richtigen Beziehungen, hielt keine Vorträge, saß zu wenig in Komitees, und so blieben auch die Patientenüberweisungen spärlich.«

»Wie es mir abgeht, mit jemandem diskutieren zu können«, schrieb sie im Februar 1985 an Mimi. »Seit Jahren überhaupt niemand.« Sie staunte über den ungebremsten Tatendrang ihrer Freundin sogar dann noch, als diese schon schwerkrank war, und bezeichnete sich selbst als passiv, faul, und eine, die lieber liest als in der Weltgegend herumspringt. Es sind auch private Mitteilungen wie diese, die einen die Schnitzer des Autors vergessen lassen.

Karl Fallend: Mimi & Els. Stationen einer Freundschaft. Marie Langer – Else Pappenheim – Späte Briefe. Löcker-Verlag, Wien 2019, 350 Seiten, 29,80 Euro

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (16. Januar 2020 um 13:53 Uhr)
    Tja, die »Säkularisierung als Profanisierung« und das völlig «unmaterialistische« und »unhistorische«, »unpolitische« Ausweichen vor Tantrasex, Fakirismus bei der Familientherapie/Psychoanalyse sind es wohl, die das Sowjetscheitern mitversargnagelten.

    Das Wissen um die Todesdrohungspsychologie aus der Herrschaft-Knechtschaft-Analyse Hegels, von Marx prominent aufgegriffen, das in der feinen Entfremdungspsychologie der Weltkultur überhaupt en detail gebrauchsfertig vorliegt – in als »Ex oriente lux« etikettierter Form und von Spinoza/Nietzsche als westlicher Variante vertreten, einfach beiseitezuschieben – das Schlechtere »neu zu erfinden«, das konnte nicht ohne schlimme Folgen bleiben!

    In der Tat: Die heilige Intelligenz wurde in Psychopharmaka ertränkt und die Linke damit enthauptet auf breitester Front.

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