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Aus: Ausgabe vom 16.01.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Davos

Konkurrenz statt Kooperation

Weltwirtschaftsforum warnt vor zunehmenden Konflikten. Handelskrieg der USA gegen China könnte »Entkopplung« der Systeme zur Folge haben
Von Jörg Kronauer
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Im Zentrum globaler Auseinandersetzungen steht die Wachablösung der USA als Weltmacht: Die Präsidenten Chinas, Xi Jinping (r.), und der Vereinigten Staaten, Donald Trump (Osaka/Japan, 29.6.2019)

Knapp eine Woche vor dem Beginn des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos hat dessen Trägerorganisation am Mittwoch in London seinen jährlich publizierten Global Risks Report vorgelegt. Der Bericht, den das World Economic Forum (WEF) in Kooperation mit der Versicherung Zurich und dem Risikoberater Marsh & McLennan erstellt, rückt dieses Mal neben politischen und ökonomischen ökologische Risiken in den Vordergrund.

Knapp lässt der Global Risks Report sich über die Hintergründe der politischen und ökonomischen Krisen und Konflikte aus, die immer mehr anschwellen – »Turbulenzen«, die »die neue Normalität« darstellten, wie es in einer recht dezenten Umschreibung heißt. Ursache seien insbesondere tiefgreifende wirtschaftliche Verschiebungen. So gingen Ökonomen davon aus, dass 2050 sechs heutige Schwellenländer zu den sieben wirtschaftsstärksten Staaten der Welt zählen werden – China und Indien vor den USA, auf die Indonesien, Brasilien, Russland und Mexiko folgen. Hinzu komme, dass aufstrebende Mächte ihre Einflussarbeit intensivierten. Tatsächlich unterhält China inzwischen mehr diplomatische Vertretungen in aller Welt als jeder andere Staat einschließlich der USA. Auf diese Verschiebungen reagierten einige Länder, indem sie jetzt auf unilaterales Vorgehen und ganz offen ausgetragene Konkurrenz setzten, heißt es weiter; es sei nicht vorhersagbar, »wer führt, wer Verbündete sind und wer am Ende als Gewinner und als Verlierer dastehen wird«.

Große Sorgen drücken die Autoren des Global Risks Reports über die wirtschaftliche Entwicklung aus. Die »Spannungen« zwischen den USA und China – gemeint ist der US-Wirtschaftskrieg gegen die Volksrepublik – könnten die Weltwirtschaft bis Ende 2020 gut 700 Milliarden US-Dollar kosten – beinahe soviel wie die Einbußen, die die EU in der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 erlitten habe (757 Milliarden US-Dollar). Der Internationale Währungsfonds rechne für das Jahr 2019 mit einem globalen Wirtschaftswachstum von lediglich drei Prozent – so wenig wie noch nie seit der globalen Finanzkrise. Darüber hinaus habe es beim Handel, der 2018 noch um drei Prozent gewachsen sei, 2019 wohl nur noch einen Zuwachs von 1,2 Prozent gegeben. Auch die ausländischen Direktinvestitionen gingen deutlich zurück: Im Jahr 2018 hätten sie nur noch bei rund der Hälfte des Niveaus von 2015 gelegen. In der Euro-Zone, die weniger profitabel erscheine als andere Weltregionen und zusätzlich unter Ungewissheiten vor allem wegen des »Brexit« leide, befinde sich der Zufluss von Direktinvestitionen mittlerweile auf dem niedrigsten Niveau seit der Einführung des Euro im Jahr 1999.

Ganz besonders warnt der Global Risks Report vor dem »Decoupling«, der »Entkopplung« der Kommunikationssysteme (5G) und daran anschließend auch der IT-Systeme sowie der Industrien der USA und Chinas, die im Zentrum des Konflikts um den chinesischen Telekomkonzern Huawei steht. Selbst wenn die beiden Staaten ihren Handelskrieg beilegen sollten, bestehe das Risiko fort, dass sie »ihre Wirtschaft entflechten und Barrieren zwischen sich errichten«, warnen die Autoren. Eine Rückkehr zu Verhältnissen wie im Kalten Krieg werde die globale Wirtschaft »fundamental ändern«: Länder müssten sich entscheiden, zu welchem Wirtschaftssystem sie gehören wollen. Zudem würde mit der wirtschaftlichen Integration etwas reduziert, »was manche als Hürde gegenüber einem offenen Konflikt ansehen«.

Vor diesem Hintergrund rücken die Autoren des Global Risks Report die ökologische Katastrophe in den Mittelpunkt. Zum ersten Mal überhaupt weist eine Umfrage unter den WEF-Mitgliedern Klimaänderungen als die größten Risiken für die Erde aus. Bis zum Ende des Jahrhunderts sei ohne einschneidende weitere Maßnahmen mit einem Anstieg der globalen Temperaturen von heute gut einem Prozent oberhalb des vorindustriellen Niveaus auf drei Prozent darüber zu rechnen, urteilen die Autoren. Die Schäden für Menschen durch den Klimawandel wären enorm. Der Global Risks Report sucht darüber hinaus die ökonomischen Schäden wenigstens schätzungsweise zu beziffern. So könnten sich, falls keine entsprechenden Maßnahmen ergriffen würden, die klimabedingten Schäden allein in den Vereinigten Staaten auf gut zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts belaufen. Belastungen und Schäden durch Naturkatastrophen kosteten bereits im Jahr 2018 165 Milliarden US-Dollar, heißt es in dem Bericht. Laut einer Berechnung von über 200 der größten Unternehmen der Welt müssten sie mit Mehrausgaben von fast einer Billion US-Dollar rechnen, sollten keine wirksamen Maßnahmen gegen die Erderwärmung getroffen werden.

Laut Umfragen rechnen fast 90 Prozent aller nach 1980 geborenen Menschen mit katastrophalen Folgen durch den Klimawandel. »Fridays for Future« ist womöglich nur ein Vorgeschmack auf künftigen Protest. WEF-Gründer Klaus Schwab setzt darauf, ihn schon jetzt einzubinden. »Wir müssen Sorge tragen, dass wir der jungen Stimme eine Plattform geben«, sagte er gestern der FAZ: »Deshalb haben wir zehn prominente Jugendliche ausgewählt« und nach Davos eingeladen, »die auch schon etwas geleistet haben« – etwa im Umweltschutz. Besser, sie diskutieren auf dem WEF, mag er sich gedacht haben, als auf der Straße.

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (16. Januar 2020 um 13:33 Uhr)
    Es handelt sich um quasi kriminelle neokoloniale oder neoimperialistische Machenschaften der USA, die nach Gusto alle Verträge bricht, wobei oft erhebliche Investitionen in die oft mittel- bis langfristigen Kooperationen gesteckt werden.

    Diese sind bevorzugt Gegenstand von Regierungsabkommen, da der Markt Kurzfristigkeit extrem bevorzugt. Selbst tägliche Wirtschaftsnachrichten mit folgenreichster Hektik.

    Die USA dominieren skrupellos die Technologientwicklung, noch skupelloser mit Militärtechnologie als »Grund«.

    Damit haben sie sich den Posten als »Oberschiedsrichter« im realen UN-Völkerrecht verschafft.

    Allerdings ist historische Relativierung angesagt: Es war schon immer so schlimm in der Politik, Weltpolitik im Dienste der wirtschaftlichen »Ausplünderung«.

    Deshalb »Commonwealth« und »Empire« der Spinozisten und Deleuzianer Negri/Hardt.

    Dahinter steckt der Finanztheoretiker Bernard Schmitt aus der Schweiz (Fribourg).

    Das Verträgebrechen de USA betrifft auch das Klimaabkommen – was den »Fridays for Future«-Leuten alle Züge entgleisen lässt.

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