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Aus: Ausgabe vom 16.01.2020, Seite 5 / Inland
Folgenlose Diagnose

Prekärer Job macht krank

Regierung sieht Hinweise auf kausalen Zusammenhang von atypischer Beschäftigung und Depression
Von Susan Bonath
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»Entfristen« statt Menschen in prekäre Jobs zu drängen: Aktion streikender Post-Arbeiter 2015 in Hamburg

Sie sind schlecht entlohnt, werden als Leiharbeiter von Firma zu Firma geschickt und blicken oft bereits dem nächsten Bewerbungsmarathon entgegen, weil das Ende ihres befristeten Jobs absehbar ist: Rund acht Millionen Menschen sind in Deutschland prekär beschäftigt. Das schlägt auf die Seele, wie auch die Bundesregierung weiß. »Personen in atypischen Beschäftigungsformen weisen einen schlechteren psychischen Gesundheitszustand auf als Normalbeschäftigte«, schreibt sie in einer Antwort vom 19.12. auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke im Bundestag (bei jW online einsehbar) über die zuerst die Rheinische Post berichtete.

Die Bundesregierung beruft sich darin auf verschiedene wissenschaftliche Studien. Diese gäben beispielsweise »Hinweise darauf, dass es sich bei atypischer Beschäftigung und Depression um einen kausalen Zusammenhang handelt«. Messungen über längere Zeiträume hinweg hätten gezeigt, dass Leiharbeiter, befristet Angestellte oder niedrig entlohnte Teilzeitbeschäftigte, die zu Beginn der Datenerhebung gesund waren, öfter depressive Symptome entwickelten als Menschen in einem Normalarbeitsverhältnis. Leiharbeiter hätten überdies ein höheres Risiko, an einem Burnoutsyndrom sowie »allgemeinen Beeinträchtigungen der Gesundheit« zu erkranken, so die Bundesregierung. Beeinträchtigt seien ferner Menschen mit mehreren Arbeitsstellen und prekär arbeitende Soloselbständige.

Von der Regierung genannten Zahlen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) zufolge arbeiteten im Jahr 2018 von insgesamt 33,7 Millionen abhängig Beschäftigten mehr als 4,6 Millionen Menschen weniger als 20 Wochenstunden in Teilzeit. Rund 2,5 Millionen Berufstätige waren befristet angestellt, hinzu kamen 925.000 Leiharbeiter.

Ebenso geht aus der Regierungsantwort hervor: Unter prekären Arbeitsbedingungen leiden weiterhin vor allem Frauen. Jede dritte Erwerbstätige war im vorvergangenen Jahr davon betroffen, aber nur jeder neunte Mann. Vor allem in nicht versicherungspflichtige Minijobs und Teilzeitbeschäftigung mit geringer Stundenzahl werden Frauen gedrängt. Betroffene Männer geraten häufiger in Leiharbeit, aus der sie oft schwer herauskommen.

Vergangenes Jahr hatten Auswertungen mehrerer Krankenkassen ergeben, dass immer mehr Versicherte unter psychischen Erkrankungen leiden. Dies sei inzwischen der häufigste Grund für Krankschreibungen, warnte die Kaufmännische Krankenkasse (KKH). Vor allem in Kliniken und Pflegeheimen mache sich dies bemerkbar, aber auch im Handel und in der Industrie. Laut der Deutschen Angestelltenkrankenkasse (DAK) waren 2017 dreimal mehr Versicherte als 1997 wegen derartiger Probleme zeitweise arbeitsunfähig.

»Unsicherheit, Dumpinglöhne und viel Stress: Prekäre Beschäftigung macht krank«, kritisierte die Linke-Abgeordnete Jutta Krellmann gegenüber der Rheinischen Post. Sie fordert »gute Arbeitsbedingungen, Tariflöhne und unbefristete Arbeit für alle«.

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