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Aus: Ausgabe vom 16.01.2020, Seite 5 / Inland
Konzentrationsprozess

Zeit der Angst bei Real

Arbeitsplatzverlust für 10.000 Beschäftigte möglich: Verkauf der SB-Warenhauskette durch Mutterkonzern Metro rückt näher
Von Gudrun Giese
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SB-Warenhauskette Real steht vor dem Verkauf. Beschäftigte fürchten offenbar zu Recht um ihre Jobs

Seit über einem Jahr will das Handelsunternehmen Metro AG seine SB-Warenhaustochter Real verkaufen. Nun könnte die Veräußerung an ein aus den Investmentunternehmen »X-Bricks« und »SCP Group« bestehendes Konsortium bevorstehen. Metro-Chef Olaf Koch hatte bereits Mitte Dezember laut Manager-Magazin online erklärt, er zweifle nicht daran, Ende Januar 2020 einen Kaufvertrag mit diesem Bieter unter Dach und Fach zu haben. Nun warnt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Real, Werner Klockhaus, vor einem massenhaften Arbeitsplatzverlust durch den Verkauf.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Dienstagausgabe) äußerte er die Befürchtung, dass rund 10.000 der zur Zeit noch 34.000 Real-Beschäftigten ihre Jobs verlieren könnten. Nach Einschätzung des GBR-Vorsitzenden wird das Konsortium nach der Übernahme der SB-Warenhauskette 50 oder mehr Märkte schließen, wodurch allein um die 6.000 Mitarbeiter/innen ihren Arbeitsplatz verlieren würden. Obendrein sei mit der Weitergabe etlicher Märkte an Konkurrenten wie Kaufland zu rechnen, die vermutlich nicht alle Real-Beschäftigten übernehmen würden. Und außerdem fielen künftig die Zentralverwaltung, die Logistik und weitere Abteilungen weg.

Anders die Prognose von Koch: »Die jetzt ins Spiel gebrachte Zahl ist nach meiner persönlichen Einschätzung zu hoch«, sagte der Metro-Vorstandschef der Wirtschaftswoche (Mittwoch).

Der geplante Verkauf von Real hat eine lange Vorgeschichte: Bereits im Frühjahr 2018 hatte sich das Unternehmen aus der Bindung an die mit der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) geschlossenen Tarifverträge verabschiedet. Statt dessen traf man mit der Nicht-DGB-Gewerkschaft DHV eine Vereinbarung, die bei Neueinstellungen Entgelte um mehr als zwanzig Prozent unter Tarifvertragsniveau beinhaltete. Hinzu kamen weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie die Abschaffung von Spätarbeitszuschlägen. Dieser Schritt löste Streiks, Protestaktionen und viele Verdi-Eintritte von Real-Beschäftigten aus.

Unterdessen bereitete Metro ab Herbst 2018 den Verkauf vor. Von Anfang an interessierten sich die Immobilieninvestoren »Redos« sowie »X-Bricks« für Real. »Redos« ist in vielen Städten groß im Geschäft mit Einkaufscentern, »X-Bricks« arbeitet mit der SB-Warenhauskette Kaufland zusammen. Zunächst sah es so aus, als ob »Redos« den Zuschlag bekommen würde: Dieser Investor wollte laut Manager-Magazin online nur wenige Märkte sowie das Internetgeschäft in Eigenregie betreiben. Ein Teil der Häuser sollte an Edeka verkauft werden. Metro sollte für mindestens drei Jahre noch 24,9 Prozent der Real-Anteile halten.

»X-Bricks« und die »SCP Group« besserten unterdessen ihre Offerte auf und versprachen die Komplettübernahme der Kette, die Metro nicht mehr ins Konzept passt. Das Unternehmen versteht sich seit längerem ausschließlich als Großhändler und hatte bereits die Warenhauskette Galeria Kaufhof abgestoßen. »X-Bricks« und »SCP Group« bieten angeblich beim Kauf von Real eine halbe Milliarde Euro Nettomittelzufluss für Metro. Sicher eine willkommene Finanzspritze für den Konzern, der am Mittwoch aktuelle Umsatzzahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2019/2020 präsentierte: Sie legten um 2,2 Prozent auf 7,5 Milliarden Euro zu, worin sich jedoch positive Währungseffekte abbildeten. Ohne die hätte das Plus nur ein Prozent betragen. Die Umsätze der SB-Tochter waren in der Bilanz nicht enthalten und wurden von der Metro-AG auch nicht bekanntgegeben.

Für die Real-Beschäftigten hätte vermutlich ein Verkauf an »Redos« gegenüber dem jetzt avisierten keinen großen Unterschied gebracht. So hatte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger im vergangenen Jahr, als »Redos« noch groß im Rennen war, das Unternehmen aufgefordert, den Beschäftigten reinen Wein einzuschenken. »Sie müssen wissen, wie ihre Zukunft aussieht, und Verdi als Vertretung der Beschäftigten muss am Verfahren beteiligt werden.« Das unterblieb jedoch offenbar ebenso wie die Information von Belegschaft und Gewerkschaft über das Umschwenken zu den anderen Verhandlungspartnern.

Gesamtbetriebsratschef Klockhaus kritisierte im Interview mit der Süddeutschen Zeitung auch die Untätigkeit der Bundesregierung. Zwar hätte es Gespräche mit Politikern, etwa Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), gegeben – aber ohne praktischen Effekt. Und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hätte sich überhaupt nicht zum Verkauf von Real und der damit verbundenen weiteren Konzentration im bundesdeutschen Lebensmitteleinzelhandel geäußert. »Letztendlich sind wir, die Beschäftigten von Real, von der Politik enttäuscht«, lautete Klockhaus’ Fazit.

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