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Aus: Ausgabe vom 14.12.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Realität ins Auge sehen

Fidel Castro machte in einer »Reflexion« am 16. Juli 2010 auf die beiden großen Gefahren für die Menschheit aufmerksam: Krieg und Umweltzerstörung
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»In nur 40 Jahren wurde der größte Regenwald der Welt, im Amazonasbecken, um 20 Prozent verkleinert, er musste Vieh- oder Sojafarmen weichen; 95 Prozent dieser Sojabohnen werden als Vieh- und Geflügelfutter in Europa und Asien verwendet. So wird ein Wald in Fleisch verwandelt«: Sägewerk, das Stämme aus dem Amazonas verarbeitet, in Tailandia, 180 Kilometer südlich von Belem an der Mündung des Amazonas

Während meines Treffens am 13. Juli mit den Fachleuten des Zentrums für Forschungen zur Weltwirtschaft (CIEM, 1979 in Havanna gegründet, jW) erzählte ich ihnen von dem ausgezeichneten Dokumentarfilm des französischen Regisseurs Yann Arthus-Bertrand (»Home«, siehe Randspalte, jW) Darin kommen die bewundernswertesten und am besten informierten internationalen Persönlichkeiten zu Wort. Der Film handelt von einer weiteren schrecklichen Gefahr für die menschliche Gattung, die vor unseren Augen geschieht: die Zerstörung der Umwelt.

Der Dokumentarfilm behauptet klipp und klar und kurz und bündig Folgendes: »Im großen Abenteuer des Lebens auf der Erde hat jede Art eine bestimmte Rolle zu spielen, nimmt jede Art ihren Platz ein. Keine ist unnütz oder schädlich, alle tragen zum Gleichgewicht untereinander bei. Und hier ist es, wo du, Homo sapiens, intelligentes menschliches Wesen, in die Geschichte eintrittst. Dir kommt ein großartiges, von der Erde zur Verfügung gestelltes Erbe von vier Milliarden Jahren zugute. Dich gibt es erst seit 200.000 Jahren, aber du hast schon das Angesicht der Welt verändert.«

»Die Erfindung der Landwirtschaft hat unsere Geschichte verändert. Das war vor knapp 10.000 Jahren. (…) Die Hälfte der Menschheit bearbeitet den Boden, mehr als drei Viertel davon mit den Händen.«

»In den letzten 60 Jahren hat sich die Erdbevölkerung fast verdreifacht. Und über zwei Milliarden Menschen sind in die Städte umgezogen. (…) New York, die erste Megalopole der Welt, ist das Symbol der Ausbeutung jener Energie, welche die Erde dem menschlichen Erfindergeist zur Verfügung stellt. Die Arbeitskraft von Millionen Immigranten, die Energie der Kohle, die unumgängliche Macht des Erdöls. Die Vereinigten Staaten waren die Ersten, die auf die phänomenale, revolutionäre Macht des ›schwarzen Goldes‹ gesetzt haben. Auf dem Lande wurden die Menschen durch die Maschinen ersetzt. Ein Liter Erdöl erzeugt so viel Energie wie 100 Händepaare in 24 Stunden. (…) Wir wissen, dass das Ende des billigen Erdöls nahe bevorsteht, aber wir weigern uns, es zu glauben.«

»80 Prozent des Mineralreichtums wird von 20 Prozent der Weltbevölkerung verbraucht. Vor Ende dieses Jahrhunderts werden durch übermäßigen Bergbau fast die gesamten Reserven des Planeten zu Ende gehen.«

»Seit 1950 hat sich der Fischfang verfünffacht, von 18 auf 100 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Tausende Fabrikschiffe sind dabei, die Ozeane zu leeren. Drei Viertel der Fischereigebiete sind erschöpft, am Ende oder kurz davor.«

»Noch vor dem Jahr 2025 könnte der Wassermangel zwei Milliarden Menschen betreffen.«

»Die Urwälder verschaffen drei Viertel der Artenvielfalt des Planeten ein Habitat, das heißt dem gesamten Leben auf der Welt. (…) In nur 40 Jahren wurde der größte Regenwald der Welt, im Amazonasbecken, um 20 Prozent verkleinert, er musste Vieh- oder Sojafarmen weichen; 95 Prozent dieser Sojabohnen wird als Vieh- und Geflügelfutter in Europa und Asien verwendet. So wird ein Wald in Fleisch verwandelt.«

»Unsere Aktivitäten erzeugen riesige Mengen Kohlendioxid. Ohne dass wir uns dessen bewusstgeworden sind, Molekül um Molekül, haben wir das Klimagleichgewicht der Erde gestört. (…) Die Eisdecke des Nordpols schmilzt aufgrund der globalen Erderwärmung, sie hat in 40 Jahren 40 Prozent ihrer Dicken verloren. Ihre Oberfläche während des Sommers wird von Jahr zu Jahr geringer.«

»Die Welt investiert zwölfmal mehr ins Militär als in Hilfe für die Entwicklungsländer.«

In den letzten Minuten des Dokumentarfilms schlägt Regisseur Yann Arthus-Bertrand einen etwas sanfteren Ton an und lobt einige positive Tatsachen und Ereignisse in jenen Ländern, – ohne jemandem zu nahe treten beziehungsweise beleidigen zu wollen – die er sich zu nennen verpflichtet sah. Seine abschließenden Worte lauten: »Es ist an der Zeit, dass wir uns alle zusammentun. Nicht das, was vorbei ist, ist wichtig, sondern das, was bleibt. Wir haben noch die Hälfte der Wälder der Welt, Tausende Flüsse, Seen und Gletscher und Tausende erfolgreiche Arten.

Das Thema, das den größten Teil meiner Bemühungen in Anspruch genommen hat – die unmittelbare Gefahr eines Krieges, welcher der letzte der Vorgeschichte unserer Gattung sein würde – stellt ein Problem dar, das sich mit jedem Tag verschlimmert. 99,9 Prozent der Menschen hegen aber die Hoffnung, dass sich ein elementarer gesunder Menschenverstand durchsetzt. Leider sehe ich aufgrund der Realität, die ich wahrnehme, nicht die geringste Möglichkeit, dass dem so sei. Deshalb meine ich, dass es viel praktischer wäre, dass unsere Völker sich darauf vorbereiten, dieser Realität ins Auge zu sehen. Darin wird unsere einzige Hoffnung bestehen.

»Home« (Eigenschreibweise: »HOME«) ist ein fast zwei Stunden langer Dokumentarfilm des französischen Fotografen und Journalisten Yann Arthus-Bertrand. Der Film besteht weitgehend aus Luftaufnahmen, die in über 50 Ländern auf allen Kontinenten gedreht wurden. Am 5. Juni 2009, dem Weltumwelttag, wurde er weltweit gleichzeitig im Kino, auf DVD, im Fernsehen und im Internet veröffentlicht. In Paris wurde er auf Großleinwänden vor dem Eiffelturm gezeigt. Er ist im Internet frei verfügbar.

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