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Aus: Ausgabe vom 14.12.2019, Seite 14 / Feuilleton

Nachschlag: Das ist das Ende

Interview | Fr., 8.10 Uhr, DLF
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Hat keine Freunde beim Deutschlandfunk: Jeremy Corbyn, hier am Mittwoch in London

Labour hat die Unterhauswahl im Vereinigten Königreich verloren; mit Jeremy Corbyn stürzt die Lichtgestalt der sozialdemokratischen Linken über den »Brexit«. Der Deutschlandfunk bittet den britischen Politologen Anthony Glees zum Gespräch. Den Professor von der University of Buckingham – eine private, einst mit freundlicher Unterstützung von Margaret Thatcher gegründete Hochschule – hat das Wahlergebnis so enthusiasmiert, dass er sich am Telefon vor Lachen nicht mehr einkriegt. Zu Boris Johnson fällt ihm ein, dass man bei dem mal werde »sehen müssen«; es könne ja sein, dass er das »Vertrauen« verdient hat. Labour dagegen »ist aus«, Corbyn »ist aus, ist fertig«: »Alle diese Leute, das ist das Ende für sie.« Woher der Schaum vor dem Mund? Glees: Corbyn wollte aus »Großbritannien eine DDR machen«, aber die Wähler wussten eben, was es heißt, »in einem sozialistischen, heißt kommunistischen Land zu leben«: »Die waren nicht blöd!« Warum will eigentlich ausgerechnet die AfD dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Stecker ziehen? (np)

Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (13. Dezember 2019 um 21:55 Uhr)
    Anthony Glees ist auch der Politologe, den ich an anderer Stelle hier schon mal erwähnt habe, als es um die Darstellung Corbyns in deutschen Medien ging.

    Glees wurde immer wieder, und erst am Wahlabend neulich, mal wieder in die Phoenix-Runde eingeladen. Und scheinbar, da ich jetzt lese er war auch beim Deutschlandfunk vertreten, ist er gern genommener "Experte" in Sachen britischer Politik. Was ihn dafür qualifiziert ist wohl, dass er ganz gut Deutsch spricht, und vermutlich auch das in die Mikrofone oder Telefonhörer sagt, was Journalisten hier gerne hören. Also stramm Anti-Brexit, aber noch strammer Anti-Corbyn. In der Phoenix-Runde hat Glees erzählt, dass er für die Liberaldemokraten gestimmt hat. Ja so ist ist, lieber seine Stimme weg werfen und damit den Rechtsaußen-Konservativen zum Sieg verhelfen, als für einen verhassten Linken zu stimmen... Die sogenannte "Mitte" weiß seit jeher wo ihre Prioritäten liegen.

    Und das mit der DDR, das hat er auch ständig und immer wieder in anderen Sendungen erzählt. Man könnte glatt auf die Idee kommen ihm Demagogie zu unterstellen, ist er doch Wissenschaftler und sollte zu mehr Sachlichkeit fähig sein.

    In der Phoenix-Runde neulich war immerhin eine junge taz-Journalistin eingeladen, die beim DDR-Quatsch sanft widersprochen hat. Und selbst Wolfram Weimer (rechter Publizist, Ex-Cicero) hat Glees in der Hinsicht korrigiert und die Behauptung, Corbyn würde in GB DDR-Verhältnisse schaffen wollen, als Übertreibung bezeichnet, wo Glees dann nur etwas dümmlich lächelte. Überhaupt lacht er ja gerne...

    Es war auch Glees, der vor Wochen noch, bevor Labour in den Umfragen aufzuholen begann, einen extrem niedrigen Umfragewert von 22% zitierte, um damit zu belegen wie schlimm es für Labour unter Corbyn bestellt ist. Zu dem Zeitpunkt aber gab es schon Umfragen, die Labour bei 29% sahen, was er wohl geflissentlich verschwieg. Und auch jetzt hat Labour ja immerhin 32% geholt. Keine Frage, kein gutes Ergebnis in Relation zu den Konservativen, aber auch nicht die katastrophalen 20%, die sich die Corbyn Gegner sicher so richtig gewünscht haben. Das Wahlsystem führt freilich dazu, dass die Konservativen mit 43% eine satte absolute Mehrheit haben, darüber zu klagen ist aber müßig.

    Im übrigen ist es ja fraglich ob es in erster Linie an Corbyn und dem linken Programm lag. Die Gegner Corbyns natürlich tun jetzt alles dafür, dass sich diese Interpretation durchsetzt... predigen sie doch seit Jahren, dass das alles viel zu links ist.
  • Beitrag von Ralf S. aus G. (13. Dezember 2019 um 21:57 Uhr)
    Ach ja, und dass sich 32,1 Prozent der – vor allem jüngeren – britischen Wähler DDR-Verhältnisse in Großbritannien wünschen, nach Glees Logik, lässt ja immerhin hoffen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Ressourcenvergeudung Dieser unprofessionelle Schwachsinnstext hat mich mehr als nur »enthusiasmiert«. Was hätte man auf dieser Druck- und Bildfläche nicht alles unterbringen können an Bedeutendem und Berichtenswertem?! An...

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