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Nullzins wird attraktiver

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Kein Hauch von Veränderung in der EZB-Politik. Dennoch hat Christine Lagarde zumindest in Deutschland eine bessere Presse als ihr Vorgänger Mario Dra­ghi. Vorgestern verkündete sie die erste Zinsentscheidung des Rats der Europäischen Zentralbank unter ihrem Vorsitz: Der Leitzins (zu dem die Banken jede Woche Geld von der EZB bekommen) bleibt bei 0 (in Worten: null) Prozent. Mehr war nicht.

Die neue EZB-Chefin sagte auch etwas zur wirtschaftlichen Lage der Euro-Zone. Die ist unverändert kümmerlich. In diesem langsam zu Ende gehenden Jahr werde das Wachstum des BIP (Bruttoinlandsprodukt) wohl 1,2 Prozent betragen, im nächsten vermutlich 1,1 Prozent und 2021 sogar 1,4 Prozent. Das ist auch für Lagarde kein Grund zum Jubeln. Aber von den Zuständen in Japan sei die Euro-Zone noch weit entfernt, behauptet sie hoffnungsfroh. Doch bieten die am selben Tag vom Statistikamt Eurostat bekanntgegebenen Oktoberdaten zur Industrieproduktion wenig Anlass zum Konjunkturoptimismus. Im Vergleich mit September ist die Industrieproduktion in den 19 Ländern des Euro-Raums um 0,5 Prozent gesunken. Zugleich wurden die Zahlen für September von leichtem Wachstum auf minus 0,1 Prozent revidiert.

Allerdings verlief die Entwicklung in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Im Monatsvergleich fiel die Produktion im bei weitem größten Industrieland Deutschland um 1,5 Prozent, während sie in Italien nur um 0,3 Prozent abnahm und in Frankreich sogar um 0,5 Prozent stieg. Vermutlich ist hier auch die veränderte Haltung der deutschen Medien zur völlig unveränderten Politik der EZB zu suchen. Weil deutsche Konzerne jetzt von der beginnenden Konjunkturkrise stärker erfasst werden als die europäische Konkurrenz, lernen sie die extrem lockere Politik der Zentralbank zu schätzen. Und schon ändert sich der Ton der Kommentatoren: Obwohl Lagarde sich früh und deutlich auf die Fortsetzung der Politik ihres Vorgängers mit Nullzinsen und umfangreichen Liquiditätsspenden ins Bankensystem durch den Kauf von Staatsanleihen festgelegt hat, wird ihr verziehen, was Draghi vorgeworfen wurde.

Draghi hatte eine weitere Neuerung in der Politik der Notenbank eingeführt: die Vergabe von längerfristigen Krediten. Notenbanken vergeben normalerweise ihre Kredite extrem kurzfristig mit Laufzeiten von einem Tag bis zu zwei Wochen. Am Donnerstag vormittag fand eine Auktion solcher langfristigen Kredite statt. Sie wurde mit 97,7 Milliarden Euro von den Banken der Euro-Zone genutzt. Gleichzeitig zahlten diese auslaufende Kredite im Volumen von 147 Milliarden Euro zurück. Das Minus von knapp 50 Milliarden Euro bedauerte Lagarde. »Ich hätte es (das nachgefragte Kreditvolumen der Banken) lieber etwas höher gehabt«, sagte sie. Denn es widerspiegelt wohl den wieder oder immer noch zurückgehenden Kreditbedarf der Kapitalisten in der Euro-Zone.

Welch ein Kontrast zu den USA, wo die Notenbank seit September mit großer zusätzlicher Geldnachfrage konfrontiert ist! Auch das ist kein gesundes Zeichen – Banken und Unternehmen brauchen das viele Geld, um Löcher in der Bilanz am Jahresende zuzukleistern.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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