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Aus: Ausgabe vom 14.12.2019, Seite 5 / Inland
Wetterextreme und Problemunkräuter

Resistenter Ackerfuchsschwanz

Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft warnt vor widerstandsfähigen Problemunkräutern und Herausforderungen des Klimawandels
Von Bernd Müller
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Den Landwirten gehen die Pflanzenschutzmittel aus. Mineraldünger würden die Abhängigkeit von großen Konzernen befördern (Peine, 30.5.2016)

Die Landwirtschaft in Deutschland ist vom Klimawandel stark betroffen. Gleichzeitig leistet sie einen erheblichen Beitrag bei der Emission klimaschädlicher Gase. Die deutschen Bauern seien mit schwerwiegenden Herausforderungen konfrontiert, erklärte am Freitag die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) in Berlin anlässlich der Präsentation ihres neuen Positionspapiers.

Zu diesen Herausforderungen zählte AbL-Vorsitzender Martin Schulz die zunehmenden Wetterextreme. Hagel, Starkregen, Stürme und Trockenheit treten häufiger auf, was die Ernten zunehmend unsicher macht. Das erfordere »verstärkt sowohl ackerbauliche als auch betriebswirtschaftliche Maßnahmen zur Risikovorsorge und Risikostreuung«, heißt es in dem Papier. Ein anderes Problem sei, dass einige Pflanzenschutzmittel ihre Wirksamkeit verlieren, weil sogenannte Problemunkräuter wie der Ackerfuchsschwanz gegen sie resistent werden. Neue, wirksame Mittel stünden dagegen noch kaum zur Verfügung. In diesem Zusammenhang wird auch auf den Einsatz von Mineraldüngern hingewiesen: Diese ermöglichten zwar große Ernten, was aber eine intensive Nutzung von Pflanzenschutzmitteln nach sich ziehe. Das verstärke die Abhängigkeit der Bauern von multinationalen Konzernen.

Rund sieben Prozent aller Emissionen von Treibhausgasen werden der Landwirtschaft direkt zugeschrieben. Die AbL macht darauf aufmerksam, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Beziehe man den vorgelagerten Bereich samt der energieintensiven Düngemittelproduktion in die Rechnung ein, erhöhe sich dieser Wert drastisch. Erhalt und Aufbau eines fruchtbaren Bodens und einer intakten Umwelt seien »zentrale Grundlage bäuerlichen, nachhaltigen Wirtschaftens«, heißt es in dem Positionspapier. Aber diese Handlungsmaxime sei in den letzten Jahrzehnten in den Hintergrund getreten. Statt dessen sei immer mehr Technik, Chemie und Gentechnik aufs Feld gekommen.

Die AbL nennt in ihrem Papier zentrale ackerbauliche Lösungsansätze. Unter anderem schlägt sie ein Punktesystem bei der Zahlung von Subventionen vor. Statt wie bisher unabhängig von der Art der Bewirtschaftung Geld pro Hektar zu zahlen, sollen klima- und umweltfreundliche Anbaumethoden gezielt gefördert werden. Zahlungen sollen demnach auf die Betriebe konzentriert werden, die in diesem Sinne konkrete Leistungen erbringen.

Technik und Methoden zur mechanischen Beikrautregulierung seien in den letzten Jahren stark weiterentwickelt worden und nun auch ausgereift für einen großflächigen Einsatz. Dadurch ließe sich der Einsatz von Herbiziden weitgehend ersetzen. Allerdings sollten die höheren Kosten kompensiert werden. Um Nährstoffüberschüsse zu vermeiden, müsse die Tierhaltung flächengebunden und artgerecht weiterentwickelt werden. Die Düngung müsse am Optimum und nicht an Maximalerträgen ausgerichtet sein, um den Eintrag überschüssiger Nährstoffe in das Grundwasser zu begrenzen und so die Belastung des Trinkwassers zu verringern. Dafür müsste allerdings auch die Zahl der Tiere, die Bauern im Stall stehen haben, verringert werden. Für Mehrkosten, die nicht durch das Umsteuern der Agrarpolitik gedeckt werden, schlägt die AbL die Einrichtung eines Ackerbaufonds vor, in den die Handelspartner der Bauern und der Einzelhandel einzahlen sollten.

Zu ihrer Pressekonferenz in Berlin hatte die AbL auch externe Experten geladen, um ihre Vorschläge direkt zu kommentieren. Frank Klingenstein vom Bundesumweltministerium sagte, die von der AbL vorgetragenen Forderungen legten die Messlatte für die Ackerbaustrategie der Bundesregierung hoch. Zustimmung und Kritik gab es vom Greenpeace-Experten Martin Hofstetter. Während er wesentlichen Inhalten im AbL-Papier zustimmte, fehlten seiner Meinung nach in anderen Bereichen detaillierte Aussagen. Das betrifft zum Beispiel die Frage, wie die Landwirtschaft ihr Potential zur Speicherung von Kohlenstoff in den Böden ausschöpfen könne. Auch zur notwendigen Senkung von Ammoniakemissionen wünschte er sich konkretere Angebote aus der Landwirtschaft.

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