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Aus: Ausgabe vom 06.12.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Frischer Wind aus Westfalen

»Bizarres Paralleluniversum«? Underdog Arminia Bielefeld führt die zweite Liga an
Von Rouven Ahl
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Eine Wucht: Bielefelds Andreas Voglsammer (r.) zieht an Darmstadts Marvin Mehlem (M.) vorbei (1.12.2019)

Nur eine Niederlage und 32 Punkte, das sind die beeindruckenden Zahlen des aktuellen Tabellenführers der zweiten Liga. Er kommt nicht etwa aus Stuttgart oder Hamburg – sondern aus Bielefeld. Nach 15 absolvierten Spieltagen hat der DSC Arminia Bielefeld drei Punkte Vorsprung auf den HSV und – was noch wichtiger ist – schon sechs Zähler Abstand auf den Relegationsplatz.

Dass der Klub aus Ostwestfalen ganz oben steht, ist sicher eine Überraschung, aber längst kein Wunder. Nach dem Aufstieg aus der dritten Liga 2015 unter Trainer Norbert Meier entwickelte sich in den Folgejahren ein stabiles sportliches Gerüst. Schon mit dem Luxemburger Jeff Saibene auf der Trainerbank reichte es in der Saison 2017/18 für den vierten Platz. Nach einer Serie von zehn Pflichtspielen ohne Sieg musste Saibene im Dezember 2018 jedoch Platz machen für Uwe Neuhaus. Der ehemalige Trainer von Union Berlin und Dynamo Dresden führte das Team schließlich noch auf den siebten Rang, mit einer Rückrundenbilanz von 31 Punkten. Hätte nur die zweite Saisonhälfte gezählt, wäre Bielefeld als Zweiter aufgestiegen. Noch ein Indiz dafür, dass der Erfolg nicht über Nacht kam.

Ein Jahr ist seit der Amtsübernahme von Neuhaus vergangen. Die Resultate sprechen bis dato für sich: Der 60jährige hat aus einer guten Mannschaft einen Aufstiegskandidaten geformt. Mittlerweile haben er und sein Trainerteam ihre Verträge bis 2022 verlängert. Neuhaus setzt auf Ballbesitz und Spielkontrolle. Auch brenzlige Situationen im Spielaufbau versucht man spielerisch zu lösen. Das mag ab und an riskant wirken – die Arminia zeichnet jedoch eine hohe Passsicherheit aus: In der Statistik der angekommenen Pässe liegt der DSC laut whoscored.com auf dem zweiten Platz.

Bemerkenswert ist auch die Auswärtsserie der Arminia: 22 von 24 möglichen Punkten holte das Team auf fremdem Platz. Der 3:1-Erfolg bei Darmstadt 98 am letzten Spieltag war bereits der siebte Auswärtssieg in Folge. Etwas Vergleichbares gab es in der zweiten Liga noch nicht. »Ich mag Bielefeld sehr, weil sie eine Mixtur aus allem können. Sie haben viel Ballbesitz für die zweite Liga und spielen relativ häufig hinten herum, mit einem Spieler, der sich fallenlässt. Aber sie können auch vorne eine große Wucht entfalten«, erläutert Taktikexperte Tobias Escher im Podcast Bohndesliga. Die Mannschaft könne »sehr gut auf Spiele und Gegner reagieren«. Vor allem lobt Escher das Spiel gegen den Ball. Neuhaus habe es geschafft, die bereits unter seinem Vorgänger Jeff Saibene vorhandenen Ansätze nochmals zu stabilisieren.

Der momentane Höhenflug freut natürlich vor allem die Fans, die mit der Arminia bereits einige Aufs und Abs erleben mussten. Für den Chefredakteur des Fußballmagazins 11 Freunde und Arminia-Fan Philipp Köster fühlt sich die aktuelle Saison »wie ein bizarres Paralleluniversum« an. »Irgendwie warten wir alle darauf, dass uns jemand weckt und sagt: Wach auf, wir müssen zum Auswärtsspiel der Arminia in der Oberliga Westfalen!« so Köster gegenüber jW.

Einer der Hauptgründe, warum sich Köster über die Oberliga Westfalen derzeit keine Gedanken machen muss, ist Stürmer Fabian Klos. Der 32jährige läuft bereits seit 2011 für die Arminia auf und war dabei stets so etwas wie die Lebensversicherung des Vereins. Auch diese Saison hat er bereits zwölf Saisontore erzielt. Klos ist aber kein eindimensionaler Vollstrecker, er bereitet auch viele Tore vor: Fünf Assists stehen für ihn bereits zu Buche. Damit kommt er insgesamt auf 17 Torbeteiligungen, was bei einer Gesamtzahl von 33 Toren einer Quote von über 50 Prozent entspricht. Dennoch lässt sich der Erfolg des Teams nicht auf seinen beeindruckenden Angreifer reduzieren. Auch Sturmpartner Andreas Voglsammer spielt mit neun Treffern sowie fünf Vorlagen eine starke Saison. Klos’ Kopfballstärke und Voglsammers Geschwindigkeit sind entscheidend für die Bielefelder Angriffswucht.

Der 27jährige Voglsammer kam 2016 ablösefrei von Ligakonkurrent 1. FC Heidenheim. Ein Transfer, der beispielhaft für die gute Arbeit von Geschäftsführer Sport Samir Arabi steht. Arabi und seinem Team gelang es durch gutes Scouting immer wieder, passende Spieler für vergleichsweise kleines Geld zu finden. Während selbst der günstigste nicht ablösefreie Neuzugang von Aufstiegskonkurrent Stuttgart laut transfermarkt.de 300.000 Euro kostete, verpflichtete die Arminia ihren besten Vorbereiter Marcel Hartel vor der Saison für 250.000 Euro von Union Berlin. Torhüter Stefan Ortega Moreno, einer der besten Keeper der zweiten Liga, kam im Sommer 2017 ablösefrei von 1860 München.

Zudem ist der Verein mittlerweile schuldenfrei, obwohl ihn vor zwei Jahren noch Verbindlichkeiten über kolportierte 30 Millionen Euro plagten. Die Rettung erfolgte durch das »Bündnis OWL«, einem Zusammenschluss großer Firmen aus der Region, wie dem Oetker-Konzern oder Melitta. Ein derartiges Sponsoring kam jahrzehntelang nicht zustande. Nun wird der Klub nachhaltig unterstützt. Einfluss auf Entscheidungen innerhalb des Vereins nimmt das Bündnis angeblich nicht.

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