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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 16 / Sport
Boxen

Auf hartem Hallenboden

Ein Besuch beim Boxverein Astoria 1912 Berlin
Von Oliver Rast
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»Jungs, hört zu, ihr boxt beim ältesten Boxverein Deutschlands«: Astoria-Nachwuchs Andreas Harnisch, Uli Junger, Michael Koch und Frank Stellmacher im Jahr 1976 (v. l. n. r.)

Wenn man nicht aufpasst, läuft man dran vorbei: am Schild mit Logo und Schriftzug von Astoria an einer roten Ziegelwand eines gründerzeitlichen Schulbaus. Interessierte müssen seitlich am alten Direktorengebäude entlang, über den großen Pausenhof, sich rechts halten und in den zweiten Hinterhof. Dort liegt, leicht verwinkelt, die denkmalgeschützte Astoria-Halle.

Wir sind im Berliner Wedding, Prinzenallee 8. Der SV Astoria ist ein Stück Boxsportgeschichte. Und er hätte als »Urzelle« des deutschen Vereinsboxens ein Kultklub bleiben können. Ja, wenn der Verein vor mehr zehn Jahren nicht beinahe kaputtgegangen wäre, erzählt Hans-Peter Miesner, Präsident des Berliner Boxverbands, im jW-Gespräch. Ambitionierte Faustkämpfer fehlten, auch engagierte Ehrenamtliche. Und frühere Vorständler hätten tief in die damals gut gefüllte Klubkasse gegriffen.

Boxer, Trainer, Funktionäre – viele haben sich längst zurückgezogen oder sind verstorben. Einer, der ausharrte, ist Astoria-Präsident Remezan Kartal. Beschwerlich sind die Wiederbelebungsversuche des Vereins, mal geht es einen Schritt vorwärts, mal zwei zurück. Die Spurensuche gestaltet sich schwierig, denn rasch wurde klar: Astoria hatte nie ein Vereinsheim mit Geschäftsstelle. Mehrere Orte im Wedding mussten einen festen Standort ersetzen. Eine Eckkneipe mit Hinterzimmer in der Stettiner Straße, ein zwischengenutzter Keller in der Böttgerstraße, eine Abstellkammer über der Trainings- und Wettkampfhalle in der Prinzenallee. Letztere ist die einzige Anlaufstelle aus der 107jährigen Vereinsgeschichte geblieben.

Leonhard Mandlar, Berlins Boxsportikone, hob Astoria am 12. Juli 1912 in der Weddinger Müllerstrasse 130 aus der Taufe, als Boxen in der Öffentlichkeit noch verboten war. Die Vereinschronik ist lückenhaft, oder besser: Es gibt eigentlich keine. Die meisten Zeugnisse sind in alle Himmelsrichtungen zerstreut, vermutlich für immer.

Kartal hat die Geschichtssplitter von Astoria nach den vereinsinternen Querelen 2007/2008 zusammengehalten. »Ich habe versucht zu retten, was zu retten war«, versichert der Vereinsboss gegenüber jW, während seine jungen Schützlinge an einem nasskalten Freitag abend in der Halle das Einmaleins des Boxens von ihm vermittelt bekommen. Kartal, der frühere Bundesligaboxer, stammt aus einer kurdischen Boxer- und Ringerfamilie. Woher die Motivation für Astoria? »Ich will das Vermächtnis von Hans Hoth bewahren.« Hoth, die Astoria-Legende, der Trainer und Ehrenvorsitzende aus den 70er und 80er Jahren.

Kartal zeigt die Überbleibsel der Vereinsgeschichte und überlässt dafür das Training seinem Kollegen. Eine Treppe im Eingangsvorbau der Halle führt ein Stockwerk höher, mehrere Räume liegen auf dem Gang, in einem steht auf wenigen Quadratmetern Spind an Spind, dazwischen eine Vitrine mit Holzrahmen. Ein Sammelsurium von Reliquien, ein paar Fotos, Pokale, Wandteller und Wimpel lassen die glorreiche Vergangenheit von Astoria erahnen.

Einer aus der Astoria-Riege der späten 70er Jahre ist Ulrich »Uli« Junger. »Ein Box-Unikum, das im Ring viel Furore machte«, entsinnt sich Miesner. Seine Spezialität: der Leberhaken. Mit dunkler Lederweste und blau-weißem, längs gestreiftem Hemd sitzt er in einer Bäckerei am nördlichsten Endbahnhof der Berliner U-Bahn. Prägnant ist nicht seine Garderobe, eher sein Vokuhila mit dem bis an die Kinnkante rasierten Schnauzer. Drahtig wirkt der ehemalige deutsche Amateurmeister im Halbweltergewicht von 1983 heute noch. Junger ist knapp 60 Jahre. Ein bisschen seniorengerechten Frühsport mache er täglich, »aber ich trainiere nicht mehr«, sagt er kokett im Plausch mit jW.

Junger hat seine Boxergeschichte mitgebracht. Einen Ordner, weiß, prall gefüllt. Dutzende ausgeschnittene Zeitungsartikel, doppelseitig auf kariertem oder liniertem DIN-A4-Papier eingeklebt, alle sorgfältig in Klarsichthüllen geschützt. Beim Durchblättern erzählt er von sich: »Ich bin ein Weddinger Junge.« Im Soldiner Kiez sei er aufgewachsen, proletarisches Wohnquartier, damals wie heute. Ein Kumpel aus der Nachbarschaft hatte ihn zu Astoria mitgeschleppt. »Mir hat’s da gefallen.« Junger ist einer mit knappen Ansagen, keiner, der ausschweift. Und einer mit Vorwärtsdrang. Wie früher im Seilquadrat. Ein paar Niederlagen nach Abbruch, ja, das habe es schon gegeben. Aber so richtig ausgeknockt wurde er nie, »das hat keiner geschafft, das gibt’s bei mir nicht!«

An wen erinnert er sich besonders? Überlegen muss Junger nicht: »An Hanne Hoth natürlich.« Einen väterlichen Umgang ohne Militärton habe er gegenüber seinen Athleten gepflegt. Eine Szene: »Beim Lauftraining holte mich Hanne zu sich, sagte zu mir: ›Du bist doch wer, also Brust raus beim Laufen!‹«

Und was hat er von der Klubgeschichte erfahren? Nicht viel. »Uns ist öfter mal gesagt worden: ›Jungs, hört zu, ihr boxt beim ältesten Boxverein Deutschlands.‹« Eine Extraportion Motivation bedeutete das für die Ringfighter aber nicht, so Junger. Die habe er auch nicht benötigt: »Entweder bist du ein Kämpfer oder keiner.« 1988 war Schluss. »Ich hatte die Schnauze voll«, sagt Junger. Nach 259 Amateurkämpfen.

Zurück im Wedding. Die zweite Trainingsgruppe übt fleißig den Schlagabtausch. »Wir sind der älteste, aber auch der einzige Boxverein, der auf hartem Hallenboden trainiert und Turniere nur im Flachring absolviert,« sagt Kartal und wendet sich wieder seinem Nachwuchs zu. Eine sinnbildliche Zustandsbeschreibung.

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