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Aus: Ausgabe vom 04.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theatergeschichte

Das is’ aber …

Theatermacher Alfred Kirchner stellt in Berlin seine Autobiographie vor
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Wette gewonnen: Alfred Kirchner

Arbeiter habe es im Theaterpublikum der BRD beinahe nur als »Wunschtraum für 68er« gegeben, schreibt Regisseur Alfred Kirchner (82) in seiner druckfrischen Autobiographie, um ein Gegenbeispiel aus der Zeit seines Wirkens zu bringen: Brechts »Heilige Johanna«, 1980 in einer Bochumer Fabrikhalle. Die halbverhungerte Titelheldin lässt zu den Klängen von Beethovens letzter Klaviersonate Demütigungen des Fleischindustriellen Mauler über sich ergehen, der eine sexuelle Gegenleistung erwartet. Als sie nach dem Essen sagt: »Herr Mauler, ich muss mich jetzt um Sie kümmern«, hätten die anwesenden Opel-Arbeiter zu ihr hinauf gerufen: »Das is’ aber nich’ der richtige!« »Klingt nach wenig, ist aber unendlich viel und mutig, besonders für jemand, der noch nie Theater erlebt hat«, schreibt Kirchner.

Ans Schauspielhaus Bochum war er mit Claus Peymann gekommen, unter dem er zuvor in Stuttgart Oberspielleiter geworden war. 1986 zogen die beiden weiter in die Direktion des Wiener Burgtheaters, und noch vor Ablauf jenes Jahrzehnts sollte Kirchner an der Donau seinen Ruf als Opernregisseur von Weltrang begründen, und zwar mit einer Inszenierung von Modest Mussorgskis »Chowanschtschina«, bearbeitet von Schostakowitsch, mit einem Schluss von Strawinski. Ein musikalisches Drama, das die Sprache des russischen Volkes wie kaum ein zweites zum Klingen bringe und an Hegels »Schlachtbank der Weltgeschichte« denken lasse, so Kirchner, der sich in diesem Zusammenhang ein »ehemaliges Nazikriegskind« nennt. Die Welturaufführung 1989 an der Wiener Staatsoper sei ein inniger Wunsch des Dirigenten Claudio Abbado gewesen, gegen den er eine Wette um die Länge des Beifalls nach dem ersten Akt gewonnen habe. Er währte drei Minuten, der Schlussapplaus »über eine Stunde«.

Kirchner hat deutsche Erstaufführungen von Maxim Gorki (»Die falsche Münze«) und Thomas Bernhard (»Über allen Gipfeln ist Ruh’«) besorgt, amerikanische Erstaufführungen von Opern Hans Werner Henzes; er hat den »Ring« in Bayreuth gemacht (1994–98). Sein letzter Riesenerfolg, eine Inszenierung von Goethes »Hermann und Dorothea« als »Aufruf zur Anteilnahme« mit Flüchtlingstrecks, die heute im Mittelmeer ertrinken (damals war es der Rhein), war 2017 als Gastspiel der Wiener Burg am Berliner Ensemble zu sehen. Dort stellt Kirchner am Freitag mit dem Burg-Schauspieler Martin Schwab sein Buch vor. Es endet mit ergreifenden Worten, die ein Mitschüler der beiden, Fritz Weigle alias F. W. Bernstein, Kirchner vor 65 Jahren mit auf den Weg gegeben hat. Sie finden sich auch auf dem Rückumschlag. (xre)

Alfred Kirchner: Der Mann von Pölarölara. Hollitzer-Verlag, Wien 2019, 263 S., 25 Euro

Buchvorstellung am 6. Dezember, 20 Uhr, Berliner Ensemble (Neues Haus)

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