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Aus: Ausgabe vom 04.12.2019, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Kahlschlag

Stahlkocher wehren sich

Beschäftigte von Thyssen-Krupp fordern Investitionen statt Jobkahlschlag
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Beschäftigte von Thyssen-Krupp bei Protestaktion am Dienstag in Duisburg

Wenige Stunden vor einer Aufsichtsratssitzung der Thyssen-Krupp-Stahltochter (thyssenkrupp Steel Europe) haben sich Konzernbeschäftigte am Dienstag zu einer Protestkundgebung vor der Unternehmenszentrale in Duisburg versammelt. »Unsere Zukunft hat ein Herz aus Stahl« und »Stahl hat Zukunft« war unter anderem auf Transparenten und Plakaten zu lesen. Die Beschäftigten des größten deutschen Stahlerzeugers fürchten angesichts der Dauerkrise des Mutterkonzerns um ihre Jobs.

»Das heute ist nur ein Warmlaufen«, rief Betriebsratschef Tekin Nasikkol den Beschäftigten unter Jubel zu. Das Unternehmen will nach bisherigem Stand rund 6.000 der weltweit etwa 160.000 Stellen vernichten, davon rund 2.000 in der Stahlsparte. Informationen dazu, wo diese wegfallen könnten, gibt es bislang nicht. Am Nachmittag wollte der Aufsichtsrat über die künftige Strategie für Steel Europe mit seinen rund 27.000 Beschäftigten beraten.

IG Metall und Betriebsrat fordern Investitionen in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Damit sollen die Standorte fit gemacht werden, um im Wettbewerb zu bestehen. Zudem läuft Ende Dezember ein Ergänzungstarifvertrag aus, der den Beschäftigten weitreichenden Schutz zusagt. Die Stahlarbeiter wollen davon möglichst viel in eine neue Vereinbarung übernehmen.

Thyssen-Krupp steckt in einer der größten Krisen seiner Geschichte. Die hat zum Teil hausgemachte Ursachen, wie die Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Brasilien und den USA, die später abgeschrieben werden mussten. Ein schlechtes Management, verbunden mit mangelnder strategischer Lenkung durch Aufsichtsrat und Krupp-Stiftung als größten Aktionär, hatten den Konzern nach 2010 in eine Schieflage gebracht. Hinzu kommen nun eine Absatzkrise, weil die Automobilbranche weltweit Überkapazitäten abbauen muss, und schärfere Vorgaben – und damit höhere Kosten – bei der Emission von CO2. Zudem hatte die EU-Kommission in diesem Jahr die Fusion mit der Europatochter des indischen Tata-Konzerns verboten.

Die neue Vorstandschefin Martina Merz will das Übliche in solchen Lagen: Den Konzern effizienter aufstellen, die Schulden zurückfahren, Geschäftsbereiche abstoßen oder Partner ins Boot holen. Die bislang erfolgreiche Aufzugssparte Elevator soll mindesten in Teilen an die Börse gebracht oder verkauft werden. Es locken dabei Einnahmen von bis zu 15 Milliarden Euro – die allerdings nur einmalig realisiert werden.

Auch die Beschäftigten von Elevator sind sauer: Mitarbeiter wollen am Mittwoch vor die Konzernzentrale in Essen ziehen und protestieren. »Die Arbeitsplätze werden zum Spekulationsobjekt gemacht«, kritisiert die IG Metall. Die Verhandlungen um einen Zukunftstarifvertrag für die Beschäftigten bei Elevator stockten. »Das Management weigert sich weiterhin beharrlich, die erforderlichen Sicherheiten für Arbeitsplätze und Standorte zu geben«, so die Gewerkschaft. (Reuters/dpa/jW)

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