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Aus: Ausgabe vom 03.12.2019, Seite 16 / Sport
Eishockey

»Am Boden bleiben, nach oben schauen«

Kontinuierliche Aufbauarbeit des Eishockeyteams Straubing Tigers zahlt sich aus
Von Oliver Rast
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So sehen Sieger aus: Straubing Tigers nach dem 5:1 gegen EHC Red Bull München am 17. Oktober

Straubing, Niederbayern, Gäuboden, 48.000 Einwohner – und ein Eishockeyklub. Übrigens der kleinste Standort in der höchsten deutschen Spielklasse DEL. Die Zwischenbilanz der Straubing Tigers kann sich sehen lassen: 47 Punkte aus 23 von 52 Partien in der Hauptrunde, Rang zwei. Knapp vor Meister Adler Mannheim, weit hinter Ligakrösus EHC Red Bull München.

Am vergangenen Freitag und Sonntag stand für die Tigers ein oberbayerisches Derby-Doppelpack auf dem Spielzettel: erst der Gastauftritt in München, dann das Heimspiel gegen den ERC Ingolstadt. 1:3 hieß es nach 60 Minuten Spielzeit in der Landeshauptstadt. Schmerzlich, aber verschmerzbar. 4:1 hingegen im heimischen Stadion am Pulverturm gegen die wiedererstarkten Schanzer. Deutlich, aber erwartbar. Matthias Buchleitner, Medienbeauftragter der Tigers, im jW-Gespräch: »Diese Derbys haben einen speziellen Charakter, klar.« Unterm Strich sei es ein gelungenes Wochenende gewesen. Der Erfolg gegen Ingolstadt bedeutete den neunten Heimsieg in Serie in dieser Saison. Und nicht nur das: Mit aktuell 86 Treffern halten die Tigers die Bestmarke in der DEL.

Auch deshalb halten Kommentatoren die Straubinger für das saisonale Überraschungsteam. Aber wie viel Knalleffekt steckt wirklich in den Tigers? Gar nicht so viel. »Unser aktueller Kader«, betont Buchleitner, »ist das Ergebnis einer kontinuierlichen, jahrelangen Aufbauarbeit.« Und zum bestmöglichen Kader gehörten deutsche Spieler aus der Region genauso dazu wie Kontingentspieler ohne deutschen Pass. Der Saisonetat konnte schrittweise auf rund sechs Millionen Euro erhöht werden. Im Vergleich zu den Branchengrößen München, Köln, Berlin oder Mannheim »haben wir in der Eishockeystadt Straubing aber andere finanzielle Voraussetzungen«, so Buchleitner.

Bereits in der vergangenen Saison stellten die Tigers einen Vereinsrekord auf: 81 Punkte in der Hauptrunde. In den Preplayoffs war dann aber gegen die Eisbären Berlin Schluss. Das Manko: der Kräfteverschleiß der Topscorer, die mangels breiten und tiefen Kaders zuviel Eiszeit hatten, auf der Bank zuwenig regenerieren konnten. Die Klubführung um Geschäftsführerin Gabriele Sennebogen und den sportlichen Leiter Jason Dunham zog Konsequenzen. Der Kern des Kaders blieb, wurde gezielt verstärkt: »Die Neuzugänge, die wir bekommen haben, passen allesamt«, konstatierte Headcoach Tom Pokel, der vier spielstarke Reihen aufbieten kann. Und vor allem können Schlüsselspieler wie Marcel Brandt und Frederik Eriksson in der Defensive und Mitchell Heard oder Jeremy Williams in der Offensive ab und an verschnaufen.

Erfolge machen selbstbewusst: »Ich bin der Meinung, dass wir jedes Spiel gewinnen können«, meinte der NHL-erfahrene Tigers-Keeper Jeff Zatkoff jüngst. Pokel weiß um dessen Charakter: »Er ist ein Siegertyp, der immer gewinnen will.« Und das übertrage sich auf seine Puckjäger. Aber zum sogenannten Hockey-IQ eines Teams gehöre auch, sich selbst nicht zu überschätzen, mahnt der Bandenchef. »Das heißt: Am Boden bleiben und gleichzeitig nach oben schauen.«

Stabil scheinen die Tigers jedenfalls zu sein. Bislang hat Pokels Eis­equipe Niederlagen gut verkraftet, verlor im Saisonverlauf nie mehr als zweimal hintereinander, siegte anschließend wieder. Rückschläge haben sogar einen pädagogischen Wert: »Das war eine gesunde Niederlage für uns«, meinte Pokel zum 0:2 bei den Wild Wings aus Schwenningen Ende November. Das können nur Trainer sagen, deren Team gut in der Spur liegt. Das Saisonziel? »Die Playoffs«, sagt Buchleitner. Zufall wäre das nicht. Aber: »Playoffs sind im Hinblick auf verletzte Spieler immer ein Vabanquespiel.« Das stimmt wohl, mitentscheidend wird sein, dass den Tigers in den Finalrunden nicht wieder die Puste ausgeht.

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