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Aus: Ausgabe vom 03.12.2019, Seite 8 / Inland
Fachtag der »Volkssolidarität«

»Im Konfliktfall herrscht bisweilen Ratlosigkeit«

Vom Alltagsrassismus bis zur AfD: Sozialverbände müssen sich gegenüber Rechten positionieren. Gespräch mit Anne-Sarah Shiferaw
Interview: Gitta Düperthal
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Auch die »Volkssolidarität« muss sich überlegen, wie sie mit den erstarkenden rechten Kräften umgeht

Die Hilfsorganisation »Volkssolidarität« diskutierte vergangene Woche bei einem sogenannten Fachtag, welche Rolle Personen mit rechten Einstellungen in der eigenen pädagogischen Arbeit spielen. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Wir konstatieren, dass sich der Ton in weiten Teilen der Gesellschaft verschärft. Menschen, die meist selbst nicht von Diskriminierungen betroffen sind, werden in ihrer Sprache unsensibler und härter. Seit die AfD im Bundestag und in Landtagen Schlagworte wie »Kopftuchmädchen« oder »Messermänner« ungehemmt äußert, was sich früher niemand getraut hätte, gibt es mit verrohter Sprache zunehmend Probleme – auch in pädagogischen Einrichtungen. Gerade im ländlichen Raum prägt das unsere Arbeit, obgleich der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund dort meist gering ist. In Kitas reproduzieren Eltern sowie mitunter auch das Personal unbewusst rassistische Stereotype. Was den Umgang mit rechten Parolen betrifft, herrscht im Konfliktfall bisweilen Ratlosigkeit.

Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen?

Ein Beispiel aus dem Kitaalltag: Ein schwarzes Kind kommt neu in die Einrichtung. Prompt wird beim Elternabend die Erwartung geäußert, dessen Eltern könnten »mal afrikanisch kochen«. Die Annahme, dass schwarze Menschen afrikanisch kochen können oder wollen, stellt ihre Identität als Deutsche in Frage. Ein anderes Beispiel: Ein in einer Kita am schwarzen Brett ausgehängtes Positionspapier gegen Demokratiefeindlichkeit von einem Landesverband der »Volkssolidarität« führte dazu, dass Eltern mit offenbar rechtsextremer Einstellung auf die Barrikaden gingen und ihr Kind abmeldeten. Zudem sind Pädagoginnen und Pädagogen in unseren Jugendeinrichtungen immer öfter mit rechten Äußerungen konfrontiert.

Wie sind solche Konflikte zu bewältigen?

Die »Volkssolidarität« setzt sich für eine menschenfreundliche, vielfältige und respektvolle Gesellschaft ein. Sich hier zu positionieren kann heutzutage bedeuten, sich selbst in Gefahr zu bringen. Wir beraten Betroffene unter anderem bei der Frage, wie und wo sie Unterstützung bekommen. Es gilt, Stereotype im eigenen Denken erkennen und rechte Codes entschlüsseln zu können. Unsere Organisation bietet entsprechende Qualifizierungen an. So können wir uns Kenntnisse aneignen und diese in den Alltag in unseren Einrichtungen einbringen.

Was meinen Sie, wenn Sie von »Extremismus« sprechen?

Unser Thema ist der Rechtsex­tremismus. Diesen mit anderen Ex­tremismusformen gleichzusetzen, ist aufgrund der Bedrohungslage unmöglich. Seit der Wiedervereinigung gab es fast 200 Todesopfer rechter Gewalt. Wir sind in der Gesellschaft und in unserer Arbeit mit einer »Blut-und-Boden-Ideologie« konfrontiert, die wir nicht ignorieren können. Mitunter wird diese als sogenannter Ethnopluralismus bezeichnet: Dabei handelt es sich um ein faschistoides Weltbild der »neuen Rechten«, deren Vertreter kulturelle »Reinhaltung« von Staaten anhand von »Ethnien« anstreben.

Wir fordern, rechte Gewalt als das wahrzunehmen, was sie ist: eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Die Politik muss klar Stellung gegen diese Gruppierungen beziehen. Wir kritisieren, dass fortschrittliche Projekte durch den Entzug ihres Status der Gemeinnützigkeit oder Sparmaßnahmen in ihrer Existenz bedroht sind, statt dass diese verstärkt gefördert werden.

Wie halten Sie es mit der AfD?

Unser Bundesverband und unsere Landesverbände haben sich klar positioniert: Wir arbeiten nicht mit der AfD zusammen, weil sie komplett konträre Positionen vertritt. Bei vereinzelten Versuchen von Sympathisanten der Partei, sich in die Arbeit unserer Gliederungen reinzudrängen, machen wir klar: Engagement für die »Volkssolidarität« aus dem Spektrum demokratiefeindlicher Organisationen heraus ist absurd. Unser antifaschistisches Leitbild verpflichtet uns, sich jeder Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexueller Identität entgegenzustellen.

Anne-Sarah Shiferaw ist Referentin des Sozial- und Wohlfahrtsverbandes »Volkssolidarität« und zuständig für die Bereiche Migration und Flucht

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