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Aus: Ausgabe vom 19.11.2019, Seite 6 / Ausland
Präsidentschaftswahl Sri Lanka

Gespaltenes Land

Gotabaya Rajapaksa mit deutlicher Mehrheit neuer Präsident Sri Lankas. Minderheiten beunruhigt
Von Thomas Berger
Der neue Mann an der Spitze Sri Lankas: Gotabaya Rajapaksa bei d
Der neue Mann an der Spitze Sri Lankas: Gotabaya Rajapaksa bei der Vereidigung am Montag in Anuradhapura

Längere Übergangsperioden gibt es in Sri Lanka in solchen Fällen nicht: Bereits zwei Tage nach der Wahl am Sonnabend stand am Montag die Amtseinführung des neuen Präsidenten Gotabaya Rajapaksa an. Erste Anzeichen für den Sieg des 70jährigen aus einer politischen Dynastie hatte es bereits am Wahlabend gegeben. Am Sonntag räumte dann sein wichtigster Gegenkandidat Sajith Premadasa seine Niederlage noch während der Auszählung ein und gratulierte dem Konkurrenten. Später gab die Wahlkommission das amtliche Ergebnis bekannt. Demnach kam Rajapaksa, angetreten für die singhal-nationalistische Volksfront (SLPP) mit 6,92 Millionen Stimmen auf eine Mehrheit von 52,25 Prozent, während 5,36 Millionen für Premadasa von der Vereinigten Nationalpartei (UNP) stimmten, der damit lediglich knapp 42 Prozent erreichte.

Nicht nur die Differenz von mehr als 1,5 Millionen Stimmen zwischen den beiden Favoriten ist deutlicher als erwartet. Die anderen 33 Kandidaten kamen zusammen auf weniger als sechs Prozent. Äußerst enttäuscht von seinem schlechten Abschneiden zeigte sich Anura Kumara Dissanayake, Bewerber der gemäßigt linken Allianz »National Peoples Power«, der sich deutlich mehr Rückhalt erhofft hatte als die erreichten 3,16 Prozent. Dennoch werde man den Kampf um die Einheit des Landes, in dem 20 Prozent der 22 Millionen Einwohner zu den Minderheiten der Tamilen und Muslimen zählen, fortführen.

Zu den ersten Glückwunschbotschaften, die aus dem Ausland eintrafen, gehörte die Gratulation des indischen Premierministers Narendra Modi via Twitter. Er freue sich auf die Zusammenarbeit, »um für Frieden, Wohlstand und Sicherheit in unserer Region zu wirken«. Indien, der große Nachbar im Norden, ist mit dem Inselstaat traditionell eng verbunden, obgleich sich Sri Lanka unter Gotabayas Bruder Mahinda Rajapaksa als Präsident (2005 bis Anfang 2015) stark an China orientiert hatte. Modi dürfte bemüht sein, eine neuerliche zu enge Bindung an den Rivalen im regionalen Einflussbereich zu verhindern und die Basis für ein gutes Verhältnis zum neuen Staatschef in Colombo zu legen. Dieser erhielt ebenso frühe Twitter-Glückwünsche von den Malediven seitens des Präsidenten Ibrahim Mohammed Solih und von Expräsident Mohammed Nasheed sowie vom pakistanischen Staatschef Arif Alvi.

Dagegen sagte Hilmy Ahmed, Vizepräsident vom »Muslimischen Rat Sri Lankas« am Sonntag gegenüber dem Guardian: »Unsere schlimmsten Befürchtungen sind in Erfüllung gegangen«. Das Land sei »total polarisiert durch dieses Ergebnis«. Erwartungsgemäß hatte eine klare Mehrheit der buddhistischen Singhalesen ihr Kreuz hinter dem Namen des mit nationalistischen Botschaften aufgetretenen Rajapaksa gemacht, während Angehörige der tamilischen und muslimischen Minderheiten eher für Premadasa votierten, der im Nordosten und im Zentrum vorn lag. »Es bleibt eine Herausforderung zu sehen, wie das Land vereint werden kann«, formulierte nicht nur Ahmed seine Skepsis, die neuerlich vertieften Gräben zwischen den Volksgruppen bald wieder schließen zu können.

Der Wahlsieger selbst gab sich am Sonntag versöhnlich und erklärte in staatsmännischer Wortwahl, der Präsident aller Einwohner des Landes sein zu wollen. Gerade die Vertreter der Minderheiten Sri Lankas sehen darin aber kaum mehr als den Versuch, beruhigen zu wollen. Unklar ist vorerst, wie sich die Regierungsmannschaft neu formiert. Momentan verfügt die UNP des unterlegenen Premadasa und des bisherigen Premiers Ranil Wickremesinghe über den größten parlamentarischen Rückhalt. Allerdings ist bereits infolge des Wahlergebnisses ein halbes Dutzend Minister zurückgetreten.

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