Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Ein gespaltener Verein

Beim TSV 1860 München will keine Ruhe einkehren
Von Rouven Ahl
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Kopf hoch, wird schon irgendwann – Phillipp Steinhart (l.) und Benjamin Kindsvater

Ein Ende kann ein Anfang sein. Auch wenn es zunächst schmerzt. Der TSV 1860 München kennt sich damit besonders gut aus. Nach einer Katastrophensaison und Fanrandalen während der Relegationsspiele gegen den SSV Jahn Regensburg waren die Löwen 2017 in die dritte Liga abgestiegen. Auf den ersten Blick wurde es noch schlimmer, als Investor Hasan Ismaik die nötigen Zahlungen für den Lizenzerhalt verweigerte: Die Münchner landeten in der vierten Liga. Der Traditionsklub schien am Ende. Doch für viele Menschen, deren Herz am TSV 1860 München hängt, glich dieser Absturz einer Art Wiedergeburt des gesamten Vereins. Vor allem weil die Mannschaft nun endlich wieder im Grünwalder Stadion antreten durfte, einem »Tempel der Freude«, wie es Hans Vonavka, Sprecher der Faninitiative »Pro 1860«, im Gespräch mit jW ausdrückt.

Die Großmannssucht von Expräsident Karl-Heinz Wildmoser hatte den Verein in den Augen vieler Fans aus seiner Heimat an der Grünwalder Straße gerissen. Münchner Olympiastadion und Allianz-Arena hießen danach die Spielorte. Welten also, die mit Werten wie »Echtheit« und »Bodenständigkeit«, für die 1860 stehen soll, nur bedingt zusammenpassen. Zumindest sieht man das im Münchner Arbeiterviertel Giesing vorwiegend so, also dort, wo die »Blauen« ihre Wurzeln haben.

Nach einem Jahr des Tingelns durch die bayerische Provinz stieg 1860 München unter Trainer und Urlöwe Daniel Bierofka wieder in die dritte Liga auf. Anschließend hielten die »Sechzger« die Klasse. Und auch in der aktuellen Saison sieht es derzeit so aus, als könnte der Abstieg vermieden werden. Gleichwohl will innerhalb des Vereins einfach keine Ruhe einkehren. Das machte nicht zuletzt die Causa Bierofka deutlich. Der 40jährige Übungsleiter trat vor zwei Wochen von seinem Amt zurück. Der Verein gibt in einer Pressemeldung persönliche Gründe für dessen Entscheidung an. Anderslautende Gerüchte zum Abgang Bierofkas wollte Pressesprecher Rainer Kmeth auf Nachfrage von jW nicht kommentieren.

Auch zu Aussagen von Investor Ismaik in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk wollte sich Kmeth nicht äußern. Der Jordanier machte dort Pro 1860 für so ziemlich alles verantwortlich, was innerhalb des Vereins schiefläuft. Dabei bezeichnete er die Faninitiative gar als »Schande für 1860 München«.

Pro 1860 indes gehört zu Ismaiks schärfsten Kritikern innerhalb der Fan­szene. Nach dem Zwangsabstieg hatte Ismaik an Einfluss verloren, so will zum Beispiel das Präsidium um Robert Reisinger aufgrund der hohen Verschuldung der ausgegliederten Profifußballgesellschaft keine Darlehen mehr von ihm annehmen. Ismaik machte jedoch nochmals deutlich, sich von seinen Anteilen nicht trennen zu wollen. Zudem beschuldigt er Pro 1860, beim Abgang von Bierofka nachgeholfen zu haben, u. a. fiel hier der Begriff Mobbing. Dem widerspricht Sprecher Vonavka gegenüber der jW vehement: »Das Präsidium um Reisinger steht uns inhaltlich weit näher als Ismaik, das stimmt. Aber wir als Fans sagen niemandem dort: ›Schmeißt den Bierofka raus.‹ Außerdem gibt es bei Pro 1860 ganz unterschiedliche Meinungen dazu. Das interessiert letztlich auch keinen Entscheidungsträger.«

Ganz unglücklich ist Vonavka persönlich über den Abgang aber nicht, vermisste er zuletzt doch die nötigen Impulse vom Trainer. Ismaik dagegen hatte bis zuletzt vergeblich versucht, ­Bierofka zum Bleiben zu bewegen. Präsident Reisinger sagte gegenüber der Passauer Neue Presse: »Unser Mitgesellschafter benutzt den Rücktritt Daniel Bierofkas, um auf seinem Rücken eine unfassbare Kampagne zu fahren.« Um den Menschen Bierofka »gehe es ihm nicht mal im Ansatz«, so Reisinger: »Ismaiks Feldzug ist strategisch motiviert und hat mit einem befürchteten Machtverlust zu tun.«

Letztlich haben Bierofka wohl auch die Uneinigkeiten und Machtkämpfe im Verein zum Rücktritt bewogen. Als neuer Trainer wurde nun der Exnürnberger Michael Köllner vorgestellt, der laut Pressesprecher Kmeth »einen sehr positiven Eindruck macht«. Leicht wird er es in einem gespaltenen Verein sicher nicht haben.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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