Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Undifferenziert

Zu jW vom 2./3.11.: »Mauer, Stasi, Stacheldraht«

Ich war zweimal bei einem solchen Berlin-Besuch dabei, einmal hatte Harald Koch eingeladen, das zweite Mal Roland Claus (beide Partei Die Linke). Die Gespräche mit den Abgeordneten verliefen informativ. Aber die Stadtrundfahrten so, wie Lutz Behrens es beschreibt, ich dachte zeitweilig, ich sei noch im Kalten Krieg. Kein Wort, weshalb die Mauer 1961 gebaut worden war, man hätte denken können, aus Jux und Tollerei. Kein Wort über die zwei unterschiedlichen Währungen in der Stadt und den wirtschaftlichen Schaden, der der DDR dadurch entstand. Also voll einseitig, keinerlei Abwägung, natürlich kein gutes Wort über diesen Staat. Von Differenzierung keine Spur.

Elvira Herrmann, Sangerhausen

Anstoß aus USA

Zu jW vom 9./10.11.: Leserbrief »Akt der Notwehr«

Ich kann es auch nicht mehr ertragen, wie man uns den Mauerbau so verzerrt darstellt. Ich studierte von 1959 bis 1963 an der Berliner Humboldt-Universität und habe alles hautnah erlebt. Es war ja bereits soweit gekommen, dass man bei jedem Einkauf seinen Personalausweis zeigen musste. Im Frühjahr 1961 hat Walter Ulbricht einen Brief an den Regierenden Westberliner Bürgermeister Joachim Lipschitz geschrieben, um gemeinsam mit ihm über Maßnahmen zur Veränderung der Lage zu beraten. Der Brief wurde weder veröffentlicht, noch erhielt Ulbricht eine Antwort. Daraufhin wurden wir FDJler gebeten, den Brief des Staatsratsvorsitzenden in Westberlin zu verteilen. Ich habe mich natürlich dazu bereit erklärt und eine Anzahl von Kopien in Westberliner Briefkästen gesteckt. Aber es geschah nichts. So wurde dann leider die Mauer errichtet. Vor nicht allzu langer Zeit (…) las ich, dass ein Anstoß dazu sogar aus den USA gekommen sei (von dem demokratischen Senator William Fulbright, der mit Blick auf die Situation in Berlin geäußert haben soll, er verstehe nicht, warum die DDR ihre Grenze nicht schließe; jW). (…) Die Mauer war wirklich, wie Gerhard Schiller in seinem Leserbrief schreibt, ein »Akt der Notwehr«.

Wiltrud Giese, Samtens

Täglicher Horror

Zu jW vom 9./10.11.: »›Ich wollte auch Zeitzeuge sein‹«

Ich hatte das Vergnügen, zwei Jahre in einem streng katholisch geführten Schulhort hier im Westen in den 1950ern verbringen zu dürfen. Die wirklich fanatisch zu nennende »Tante« zeigte täglich missionarischen Eifer, uns zu einem gottgefälligen Leben zu führen. Das ging von zahlreichen Gebeten, über den Tag verteilt, bis zur Einmischung in die privaten Familienverhältnisse. So verlangte sie von mir (erfolglos), meinen Stiefvater nicht mehr Onkel zu nennen, sondern Papa. Der Horror aber wiederholte sich täglich beim Mittagessen. Ich hasste den Geruch der aufgewärmten Henkelmänner, und sie bestand darauf, bis auf den letzten Bissen aufzuessen. Und so saß ich wohl jeden Mittag würgend vor dem kalten Pott, während alle anderen bereits spielten. Diese tollen Erlebnisse sind durchaus mit Grund, warum ich dieses »wunderbar ideologiefreie westliche System« so ins Herz geschlossen habe.

Dieter Reindl, Nürnberg (Onlinekommentar)

Ordentliche Renten

Zu jW vom 14.11.: »Staatliches Lohndumping«

Wurde ich bei meiner ersten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) noch wie eine Sozialarbeiterin bezahlt, erhielt ich bei meiner letzten ABM (insgesamt waren es 16) nur noch ein Drittel dessen, was eine Festbeschäftigte in Leitungsfunktion bekam. Ich habe in einer Grundschule den Pausen- und Nachmittagsbereich koordiniert und war für acht weitere ABMlerinnen und deren Fortbildung sowie die Verwaltung zuständig. Ich bekam für 30 Stunden pro Woche 1.014 Euro brutto. »Ein-Euro-Jobs« sind auch nichts anderes als staatliches Lohndumping. Man arbeitet unter irgendwelchen Institutionen, die von staatlichen Anweisungen abhängig sind. Nicht nur müssen mehr Menschen in die Arbeitslosenversicherung, sondern es sind vor allem regelmäßige, ordentliche Rentenbeiträge erforderlich!

Eva Willig (per E-Mail)

Doppelter Schock

Zu jW vom 15.11.: »El Alto steht auf«

Nach dem ersten Schock, dem Sieg der reaktionären Konterrevolution und dem Sturz von Evo Morales, nun der zweite: Russland erkennt prompt die selbsternannte Interimspräsidentin Jeanine Áñez, also diese erzreaktionärste, explizit rassistische, »bibelfeste« Dame, die auf den Gewehren von Militär und Polizei zur Macht getragen wurde, an. Russland akzeptiert und ignoriert damit: 1.) dass der Umsturz in Bolivien durch Verfassungsbruch und militärische Gewalt der Reaktion realisiert wurde; 2.) dem Widerstand (besonders dem parlamentarischen) gegen die Konterrevolution ganz entscheidend die Spitze genommen wird (die MAS-Abgeordneten, 60 Prozent der Parlamentsmitglieder, wollen den Konterrevolutionären quasi alle Regierungsämter verweigern; Áñez konnte also nur durch Verfassungsbruch und Repression Übergangspräsidentin werden, da sie keinerlei Chance hat, das nötige Quorum im Parlament zu erreichen); 3.) dass der Konterrevolution damit auch ein Freibrief dafür gegeben wird, den revolutionären Widerstand der Volksmassen in Bolivien mit brutalster Gewalt zu brechen. Die Verbrechen der reaktionären Militärregime, Killerbanden usw. in Lateinamerika in den letzten Jahrzehnten (u. a. Argentinien, Brasilien, Chile, Nicaragua) beweisen, dass der Neoliberalismus in Blut watet, wenn er Kapitalinteressen und Profite gefährdet sieht. Bolivien wird da wieder keine Ausnahme bleiben. Man wird hier irgendwie an das »Engagement« Dmitri Medwedews beim Sturz Muammar Ghaddafis sowie den Iran-Sanktionen erinnert. Vielleicht hat Paul Craig Roberts recht: Wenn Russland so weitermacht, wird dieses Riesenland mit tatkräftiger Hilfe seiner Oligarchen in der Nach-Putin-Ära filetiert – hätte Boris Jelzin ja beinahe geschafft.

Thomas Pelte (Onlinekommentar)

Die Verbrechen der reaktionären Regime und Killerbanden in Lateinamerika beweisen, dass der Neoliberalismus in Blut watet, wenn er Kapitalinteressen gefährdet sieht.

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