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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Reden ist Silber

Umchecken

Von Gerhard Henschel
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Nachdem Eintracht Frankfurts Kapitän David Abraham am 10. November 2019 den Freiburger Trainer Christian Streich umgerannt hatte, setzte sich sofort und landesweit die Formulierung durch, dass Strache »umgecheckt« beziehungsweise, wie die Süddeutsche Zeitung präzisierte, »augenscheinlich in voller Absicht im Sprint umgecheckt« worden sei. Von den Sportjournalisten übernahmen unzählige Fans dieses Verb wie auf Kommando in ihre grammatikprüfungsfreien Foren: »Wer den sympathischsten Trainer der Bundesliga auf so einer asozialen Art und Weise umcheckt, verdient eine 5-6 Spiele-Sperre«, »es macht mich fassungslos wie ein Spieler solch eine Grenze überschreiten kann und einen Trainer umchecken kann«, »Selbstredend muss er Streich nicht so umchecken«, »Wenn jemand meinen Trainer vor meinen Augen so umcheckt, dann möchte ich ihn an den Kragen«, »Selbstverständlich macht es in der Strafmaßentscheidung einen Unterschied, wann, wo und wen man umcheckt«.

Zuvor war das Umchecken hauptsächlich in Foren zur Sprache gekommen, aus denen man erfährt, ob man sein Gepäck in diesem oder jenem Flughafen »umchecken« kann, und vor zwanzig Jahren hatte der Spiegel seinen Lesern beigebracht, dass »umchecken« im Jugendjargon »in der U-Bahn umsteigen« bedeute. Doch freilich hieß es dann bereits 2008 auf Spiegel online: »Als er auf die Seite fiel, von Mehmet Aurelio umgecheckt, und wieder aufstand, war klar: Frings ist wohl wirklich fit.« Und wenn man nur lange genug sucht, findet man auch den Wortlaut eines konsumkritischen Raps, der davon handelt, dass der Weihnachtsmann – aber lesen Sie selbst: »Weihnachten ist das Fest der Liebe, / vor allem für die Großverdiener, / wenn sie Schnee verschieben / und die Kunden wieder feinste Quali kriegen. / Von wegen. Ein Beispiel hierfür ist der kleine Eden. / Ihm geht es schlecht im Leben. / Und warum? Weil Santa Claus seine Ware streckt, / und zwar so, dass es jeden umcheckt.« Was die Kunden des Weihnachtsmannes hier »umcheckt«, ist also keine harte Droge, sondern der möglicherweise mit Waschpulver oder Rattengift gestreckte Stoff.

»Checken«, »einchecken«, »auschecken«, »abchecken« und »durchchecken« haben es in den Duden geschafft, und warum auch nicht? Nur »umchecken« muss sich noch ein wenig gedulden, obwohl die deutsche Sprache damit schon jetzt um ein schillerndes neues Reimwort bereichert worden ist. So wie in den frühen Siebzigern, als der Liedermacher Ulrich Roski sang: »Man, die Cow ist übern Fence gejumpt / und hat dann deinen Benz gerammt.«

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