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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Geldmarkt

Wappnen gegen Wirtschaftskrieg

Russland setzt seine Abkehr vom US-Dollar fort. Devisenreserven reduziert
Von Reinhard Lauterbach
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Russlands Zentralbank will US-Dollar loswerden.

Am Donnerstag erklärte der stellvertretende Finanzminister Wladimir Kolytschew, nach der russischen Zentralbank werde nun auch der staatliche nationale Wohlfahrtsfonds den Anteil der US-Währung an seinen Beständen deutlich reduzieren. Dieser hat derzeit Aktiva im Wert von rund 125 Milliarden US-Dollar, von denen 45 Milliarden auf Dollar lautende Schuldverschreibungen sind. Also ein gutes Drittel. Kolytschew begründete den Wechsel der Anlagestrategie mit »geopolitischen Risiken«. Mit anderen Worten: der Gefahr eines US-Wirtschaftskriegs gegen Russland. Präsident Wladimir Putin machte dafür die USA verantwortlich: »Nicht wir stoßen den Dollar ab, sondern der Dollar uns«, hatte er im November 2018 gesagt, als US-Sanktionen den russischen Aluminiumkonzern Rusal fast in die Pleite trieben.

Im vergangenen Jahr hatte bereits die russische Zentralbank den Anteil des Dollars an den Devisenreserven des Landes stark reduziert. Von 176 Milliarden stieß sie 160 Milliarden – also etwa 90 Prozent – ab und kaufte statt dessen europäische, japanische und vor allem chinesische Anleihen. Aktuell ist in den russischen Devisenreserven der Euro mit rund 30 Prozent die größte einzelne Position, deutlich vor dem Dollar (22 Prozent) und dem Yuan (15 Prozent). Russland ist darüber zum vermutlich größten ausländischen Gläubiger Chinas geworden. Es soll 25 Prozent aller chinesischen Auslandsschulden halten. Die Welt hatte am 11. Januar die US-Investmentbank Morgan Stanley mit der Vermutung zitiert, dass Russland 90 Prozent der chinesischen Staatsanleihen aufkaufe. Außerdem setzt die russische Zen­tralbank den Ankauf von Gold fort: Allein 2018 wurden Käufe von 274 Tonnen des Edelmetalls gemeldet. Die russischen Goldbestände betragen inzwischen rund 2.000 Tonnen und kommen an die von Frankreich oder Italien heran. Die Goldreserven der Bundesbank betragen nominell etwa 3.500 Tonnen, aber es ist unklar, wieviel davon tatsächlich zu ihrer Verfügung steht, denn ein erheblicher Teil davon liegt seit den Zeiten des Kalten Krieges in den USA. Und die US-Notenbank verweigert Inspektionen, ob die Barren noch da sind.

Freilich nimmt sich die Abwendung der russischen Staatsbank und demnächst auch des staatlichen Wohlfahrtsfonds vom Dollar imposanter aus, als sie in Wahrheit ist. Auch in Russland ist der Dollar weiterhin im Außenhandel vorherrschend. Gut die Hälfte aller Transaktionen wird in dieser Währung abgerechnet, auch wenn der direkte Handel mit den USA nur fünf Prozent des russischen Außenhandels ausmacht. Genau hier setzt Russlands Strategie an, seinen Außenhandel verstärkt auf nationale Währungen seiner Partner umzustellen. Mit der EU gelingt dies nur teilweise: Ein russisches Angebot von 2015, den gesamten Rohstoffhandel mit Europa auf den Euro als Verrechnungswährung umzustellen, blieb in Brüssel unbeantwortet. Man wollte sich dort offenbar nicht mit den USA anlegen, die ihre Währung insbesondere dadurch stützen, dass Rohstoffkäufe in Dollar verrechnet werden und damit eine konstante Nachfrage danach erzeugen. Aber inzwischen werden 40 Prozent des russisch-chinesischen Handels in Euro abgerechnet. Im Austausch mit Indien ist der Anteil des Dollars auf 20 Prozent zurückgegangen.

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