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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Handelskrieg

Geschäfte sichern

Chinesischer Onlineriese Alibaba kündigt trotz Ausnahmezustands in Hongkong Börsengang an. Beijing will Abhängigkeit von Wall Street verringern
Von Jörg Kronauer
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Alibaba-Beschäftigte im chinesischen Hangzhou beim »Shopping Festival« am 11. November

Es könnte der größte Deal seit 2010 an der Börse in Hongkong werden: Der Internetkonzern Alibaba, das aktuell wertvollste Unternehmen in der Volksrepublik und nach Marktwert eines der größten der Welt, plant eine Zweitnotierung in der südchinesischen Metropole. 500 Millionen Aktien will Alibaba verkaufen und damit bis zu 13,4 Milliarden US-Dollar kassieren. Der Börsengang ist für den 26. November geplant. Gelingt der Coup, dann wäre es die weltgrößte grenzüberschreitende Zweitnotierung überhaupt und damit der zweite Rekord nach dem Alibaba-Börsengang in New York, bei dem der Konzern mit 25 Milliarden US-Dollar deutlich mehr Geld einnahm als jedes andere Unternehmen beim Eintritt in den Aktienmarkt zuvor. Dabei lässt die aktuelle Lage in Hongkong Geschäfte dort eigentlich überhaupt nicht attraktiv erscheinen.

Zu der Zweitnotierung wird Alibaba offenkundig durch langfristige strategische Überlegungen getrieben. Offiziell gibt der Konzern an, frisches Geld zu benötigen, um sein Geschäft auszubauen. So soll zum Beispiel der Onlinehandel noch interaktiver gestaltet werden als bisher. Der Konzern will seinen Essenslieferservice »Eleme« stärken und »Alibaba Cloud«, den inwischen drittgrößten Public-Cloud-Anbieter der Welt, weiter ausbauen. Zudem ist er dabei, seine Präsenz in Südostasien zu intensivieren. Auch dafür wäre die eine oder andere Milliarde wohl förderlich. Experten weisen allerdings darauf hin, dass Alibaba auch ohne die Zweitnotierung nicht am Hungertuch nagt. Laut jüngstem Quartalsbericht hat das Unternehmen 34 Milliarden US-Dollar bar zur Verfügung, die es jederzeit investieren könnte. An Geld mangelt es dem gerade 20 Jahre alt gewordenen Konzern aus Hangzhou also nicht.

Tatsächlich geht es Alibaba wohl vor allem darum, seine Abhängigkeit von der New Yorker Börse zu verringern. Bereits seit längerer Zeit wird spekuliert, die Vereinigten Staaten könnten ihren Wirtschaftskrieg gegen die Volksrepublik auf die Aktienmärkte ausweiten und chinesische Firmen von US-Börsen ausschließen. Ende September bestätigten Insider erstmals ausdrücklich, die US-Administration arbeite an derartigen Plänen, wenngleich noch keine Entscheidung gefallen sei. Es werde sich dabei um einen Schritt von gewaltigen Dimensionen handeln. Schließlich waren laut offiziellen Angaben der US-Behörden mit Stand vom 25. Februar dieses Jahres alles in allem 156 chinesische Unternehmen mit einer Gesamtmarktkapitalisierung von rund 1,2 Billionen US-Dollar an Börsen in den Vereinigten Staaten notiert.

Wie es heißt, zaudert die Trump-Administration bislang noch, den Schritt zu tun. Die Risiken sind hoch. Bereits beim Bekanntwerden der Pläne Ende September gaben die New Yorker Aktienindizes deutlich nach. Ein ausgewachsener Börsencrash, der bei einem Ausschluss chinesischer Aktien durchaus denkbar wäre, läge wohl kaum im Interesse des wahlkämpfenden US-Präsidenten. Zudem gilt es vielen als unvorteilhaft, sich von dem aktuell wohl attraktivsten Wachstumsmarkt der Welt selbst auszuschließen. Sogar US-Pensionsfonds haben mittlerweile in chinesische Aktien investiert. Um einen Anfang zu machen, haben US-Parlamentsabgeordnete um den Hardliner Marco Rubio vergangene Woche ein Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht, das es wenigstens Pensionsfonds für Regierungsbeamte und Militärs untersagen soll, Aktien chinesischer Unternehmen zu erwerben. Ob das Vorhaben letztlich umgesetzt wird, ist noch ungewiss. Nur: Alibaba wäre schlecht beraten, sich auf eine günstige Entwicklung in den USA zu verlassen. Die Zweitnotierung in Hongkong schafft für den Fall der Fälle ein Sicherheitsventil – nicht zuletzt, da sie geeignet ist, Investoren aus der Volksrepublik in größerer Zahl anzuziehen.

Freilich verlockt die aktuelle Lage in Hongkong nicht wirklich dazu, Geschäfte in der Metropole zu tätigen. Die Zerstörungswut der Demonstranten dort kennt keine Grenzen mehr. Unlängst hat sogar ein Exodus festlandschinesischer Studenten begonnen, die um Leib und Leben fürchten. Hinzu kommt ein schwerer ökonomischer Einbruch. Hongkongs Wirtschaft ist laut Angaben der Regierung nach einem Rückgang um 0,5 Prozent im zweiten Quartal 2019 weiter geschrumpft und im dritten Quartal um 3,2 Prozent eingebrochen. Für das Gesamtjahr wird mittlerweile ein Sinken der Wirtschaftsleistung um 1,3 Prozent vorausgesagt – das schlechteste Ergebnis seit der globalen Finanzkrise. Bei Alibaba heißt es, der Zeitpunkt sei in der Tat nicht günstig. Man wolle aber nicht länger warten. Umgekehrt dürfte die rekordverdächtige Zweitnotierung die Stimmung an der Börse in Hongkong deutlich aufhellen. Für die Wirtschaft der Metropole, die mit ihrer Zwischenstellung zwischen dem chinesischen Festland und dem westlichen Ausland hohe Bedeutung für die Abwicklung von Geschäften zwischen der Volksrepublik und dem Rest der Welt hat, wäre das ganz gewiss ein hochwillkommenes Signal.

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