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Jahrzehntelanger Kampf

Von Mumia Abu-Jamal
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John Conyers Jr. (1929–2019) gehörte als Abgeordneter der Demokratischen Partei von 1965 bis 2017 dem US-Repräsentantenhaus an und vertrat den Kongresswahlbezirk Detroit des US-Bundesstaats Michigan. Abgesehen davon, dass er vor zwei Jahren in Ungnade fiel, ist seine lange Amtszeit als dienstältestes Mitglied des US-Repräsentantenhauses von historischer Bedeutung. Als er das erste Mal gewählt wurde, war er einer von nur sechs schwarzen Abgeordneten des US-Unterhauses. Er war Mitbegründer des als »Con­gressional Black Caucus« bekannten Ausschusses schwarzer US-Kongressabgeordneter. Zusammen mit seinen Mitstreitern ergriff der Jurist Conyers die Initiative für das Gesetz »Voting Rights Act«, das 1965 vom US-Kongress verabschiedet wurde. Dieses Wahlrechtsgesetz hatte seit 1964 zu den Hauptforderungen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung gehört.

Wer lange Zeit in seinem Wahlkreis Detroit lebte, wird sich noch gut daran erinnern, wie Conyers als junger Rechtsanwalt Mitglieder der schwarzen nationalistischen Organisation »Republic of New Africa« verteidigt hatte, die in den späten 1960er Jahren wegen einer Schießerei mit der Polizei angeklagt waren. Conyers fiel dadurch auf, dass er in allen Situationen stets einen kühlen Kopf bewahrte und seine Anträge und Schriftsätze mit geschliffener Schärfe formulierte.

Seit 1989 brachte der Abgeordnete Conyers fast in jedem Jahr einen Gesetzentwurf ein, der Reparationszahlungen für die Zeit der Sklaverei an die schwarze Bevölkerung zum Ziel hatte. Die Historiker Robin D. G. Kelley und Earl Lewis beschreiben in Band II ihres Werkes »To Make Our World Anew: A History of African Americans Since 1880«, der 2005 erschienen ist, Conyers’ jahrzehntelangen Kampf für dieses Reparationsgesetz. Er wollte damit die Sache der schwarzen Freiheitskämpferinnen Sojourner Truth (1797–1883) und Callie House (1861–1928) voranbringen, die beide schon zu jeweils ihrer Zeit Reparationsforderungen erhoben hatten. Conyers konnte sich mit seiner Gesetzesinitiative nicht durchsetzen, aber er führte den Kampf über viele Jahre unbeirrt weiter.

Als einer seiner bemerkenswertesten Erfolge gilt sein Gesetzesvorschlag, den 15. Januar, den Geburtstag von Reverend Martin Luther King Jr. (1929–1968), zum Nationalfeiertag zu erklären. Conyers ergriff die Initiative zu diesem Gesetz am 5. April 1968, einen Tag nach der Ermordung von King in Memphis, Tennessee, und er kämpfte dafür, bis der Feiertag 1986 endlich begangen wurde. Seitdem ist der dritte Montag im Januar offiziell der »Martin Luther King Day«.

2017 wurden Vorwürfe gegen Con­yers wegen »sexuellen Fehlverhaltens« gegenüber Mitarbeiterinnen laut. Er wies diese Anschuldigungen zurück und teilte Ende November 2017 mit, er werde seinen Sitz im Rechtsausschuss des Repräsentantenhauses abgeben und sich vor der Ethikkommission um seine Rehabilitation bemühen. Am 5. Dezember 2017 gab Conyers sein Mandat im Repräsentantenhaus endgültig auf, um das Vermächtnis seines langjährigen und reichhaltigen politischen Engagements zu schützen. Am 27. Oktober 2019 starb John Conyers Jr. im Alter von 90 Jahren und kehrte zu seinen Ahnen zurück.

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