Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Komische Kunst

Und Punkt

So karg und karikiert: Der komische Zeichner Nicolas Mahler erhält den diesjährigen Sondermann-Preis
Von Stefan Gärtner
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»Das Grauenhafte, wenn man weiß, es kommt, ist komisch« (Schernikau): Nicolas Mahler

Alles vergeht, zumal das, was nicht im Kopfe bleibt, und warum einst mein Plan gescheitert ist, Nicolas Mahlers »Inselwitz« zu kaufen, ich weiß es nicht mehr. Der, so der genaue Titel, »Moderne Inselwitz« besteht aus zwölf Bildern und vorderhand da­raus, dass ein Mann auf einer kleinen Insel sitzt, und nichts geschieht. Eine Wolke kommt und zieht vorbei. Auf dem fünften Bild sehen wir, dass der Mann etwas sieht, auf dem sechsten, was er sieht, eine Flaschenpost. Es vergehen weitere sechs Bilder bis zur Pointe: »Sie haben keine neuen Nachrichten.«

Das ist erst einmal bloß die Aktualisierung eines Standards und wäre als Einzelbild nichts, von dem ich damals gedacht hätte, ich müsse es als Original besitzen. Ein guter, sanft die moderne E-Mail-Welt hochnehmender Witz für den Kühlschrank, den Witzabreißkalender oder die Leute, die einem immer die Witzbildchen auf den Messenger schicken. Keinesfalls weniger, aber auch nicht mehr.

Aber das Blatt, so wie es geworden ist, ist sehr viel mehr, beginnend mit der Überschrift, nur vollständig mit dem abschließenden Satzzeichen: »Der moderne Inselwitz.« Punkt nämlich, was nicht bedeuten soll, das Thema Inselwitz sei hiermit abschließend behandelt (es ist ein Standard, also niemals abschließend behandelt, es sei denn, der steigende Meeresspiegel lässt die Urenkel vergessen, was so eine Insel eigentlich war): Der Punkt nimmt die Fahrt aus dem Witz, bevor er sie überhaupt aufnehmen kann, denn die Geschichte, die seiner Pointe vorgeschaltet ist, ist erst in ihrer Verlangsamung eine, und die ersten fünf Bilder des modernen Inselwitzes (Punkt) sind die ersten zwei Akte eines klassischen Dramas, gefolgt von Peripetie, Retardation und Katastrophe.

Im achten Bild erreicht das Bild die Flasche, im neunten nimmt der Mann die Flasche an sich, zwei Bilder benötigt er, um die Nachricht vor Augen zu haben. »das grauenhafte, wenn man weiß es kommt, ist komisch«, heißt es bei Ronald M. Schernikau, und so komisch der (scheinbare) Widerspruch der Nichtnachrichtsnachricht, so lakonisch die Melancholie, die den Punkt in der Überschrift abermals ins Recht setzt: »Modern« ist an diesem Blatt nur, dass man wissen muss, was eine E-Mail ist, denn auf der Insel sitzen wir ja alle allezeit, blind, karg und karikiert, aus Oberflächen zusammengesetzt und ewig auf die Nachricht wartend, dass keine Nachricht sei.

Und Punkt. Dass es nur ein kleiner, zögerlicher, geradezu fragender Punkt ist, ist natürlich besonders schön. – Den diesjährigen Sondermann-Preis erhält in Frankfurt am Main heute Nicolas Mahler.

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