Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Erforschung sozialer Bewegungen

Etappen einer Emanzipation

Mareen Heying über Kämpfe von Sexarbeiterinnen in der BRD und in Italien
Von Markus Bernhardt
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Protest gegen die als Stigmatierung empfundene Pflicht zur Registrierung (Berlin, 8.12.2017)

Auch beim Thema Prostitution werden in der Bundesrepublik seit einigen Jahren Realität und Fakten durch Moral und Phantasie ersetzt. So droht inzwischen etwa die Unterscheidung zwischen Armuts-, Zwangs- und freiwilliger Prostitution in Vergessenheit zu geraten. Nicht zuletzt also, um die Debatte über die sozialen Rechte von Prostituierten zu versachlichen, ist Mareen Heyings vom Essener Klartext-Verlag veröffentlicher Band »Huren in Bewegung« über die »Kämpfe von Sexarbeiterinnen in Deutschland und Italien 1980 bis 2001« von großem Wert.

»Engagiert und selbstbewusst« stritten Prostituierte in der Bundesrepublik und in Italien seit den 1980er Jahren für mehr Rechte und gesellschaftliche Anerkennung, konstatiert die Historikerin. Und das taten sie übrigens nicht gegen die politische Linke, sondern gemeinsam mit ihr in den sich formierenden sozialen Bewegungen. Themen wie rechtliche Absicherung, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, eine Gesellschaft ohne Machtgefälle zwischen den Geschlechtern und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper standen damals auf der politischen Agenda von Linken und Betroffenen gleichermaßen.

Übriggeblieben ist davon nur wenig. Das 2002 verabschiedete deutsche Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse von Prostituierten, das deren Situation verbesserte, hatte auch zur Folge, dass es um die »Hurenbewegung« ruhiger wurde. Heying hat wohl auch deshalb vor allem Positionen und Äußerungen von Sexarbeiterinnen aus den 1980er und 1990er Jahren analysiert.

Die Autorin beginnt ihre Studie mit einer profunden historischen Einordnung der Prostitution. So beschreibt sie etwa, wie Straßenprostituierte des 19. Jahrhunderts alle öffentlichen Regeln und Konventionen missachteten und zum »Spiegel der Klassendifferenzen und ökonomischen Ungleichheiten« wurden – wovon sich »die höheren Klassen eindeutig abgrenzen wollten«. Heying erläutert den Wandel der Prostituiertenbewegung in den beiden Ländern, ordnet ihn ein und benennt Debatten- sowie Streitpunkte. Unaufgeregt und nüchtern umreißt sie die dominanten Themen in beiden Ländern: Sex als Arbeit, Zuhälterei, Gewalt, AIDS, Drogenkonsum und mögliche Bündnisstrategien.

Ein Kontrast fällt beim Lesen auf: Machte sich die politische Linke einst für die Verbesserung der Rechte und der Lage von Arbeiterinnen und Arbeitern – und auch der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter – stark, hat sie für die von Heying untersuchte Gruppe heutzutage mitunter sogar die Forderung nach Berufsverboten im politischen Gepäck. Für materialistisch orientierte Debatten über soziale Lagen ist der vorliegende Band zu empfehlen. Er bietet einen mit hoher Kompetenz erstellten Überblick über die Materie. Instruktiv ist dabei insbesondere der Vergleich der Entwicklungen in der Bundesrepublik mit jenen in Italien.

Mareen Heying: Huren in Bewegung. Kämpfe von Sexarbeiterinnen in Deutschland und Italien, 1980 bis 2001. Klartext, Essen 2019, 300 Seiten, 34,95 Euro

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