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Aus: Ausgabe vom 08.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Wie ein Gesicht sich verhärtet

Corinna Harfouch und die Musikerhölle: Der Spielfilm »Lara« von Jan-Ole Gerster
Von Kai Köhler
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Nur die Härtesten werden nicht zerschrotet: Lara (Corinna Harfouch) und ihre Trabanten

Es ist Laras 60. Geburtstag, und am Abend steht ein zentrales Ereignis bevor: Ihr Sohn Victor, den sie mit viel Strenge zum Pianisten getrimmt hat, gibt ein wichtiges Konzert, bei dem er zum ersten Mal eine eigene Komposition vorstellen will. Für Lara ist es ein Unglückstag.

Man sieht sie beim Aufstehen, fahrig; sieht, wie sie vor einem geöffneten Hochhausfenster auf einen Tritt steigt. Wird sie springen? Aber das wäre ein Kurzfilm. Die Türklingel stört, Polizisten fordern die ehemalige Beamtin Lara auf, als Zeugin einer Wohnungsdurchsuchung beizuwohnen. Dort spielt sich nur die erste von vielen peinlichen Szenen ab, die den Tag füllen werden. Victor – soviel wird schnell klar – reagiert nicht auf die Versuche seiner Mutter, ihn anzurufen, und dies offensichtlich seit längerer Zeit. Lara kauft alle verbliebenen Karten für das Konzert auf, eilt durch die Stadt (es ist auch einer dieser zahlreichen Berlin-Filme), und trifft gezielt oder zufällig Leute, bekannte oder unbekannte, denen sie die Tickets geben will. Dabei hinterlässt sie eine Schneise psychischer Verwüstung. Einfühlungsvermögen zählt nicht zu ihren Stärken.

Zu ihren Opfern zählt auch Victor. Kein Wunder, dass er vor seinem entscheidenden Auftritt jeden Kontakt mit seiner Mutter vermeidet; und als er sie dann doch trifft, droht sogleich eine Niederlage. Die Konstellation erinnert an Elfriede Jelineks »Die Klavierspielerin«. Wie Erika Kohut in dem von Michael Haneke verfilmten Roman, so träumte auch Lara von einem Lebensglück als Pianistin; wie Jelineks Konservatoriumslehrerin verwandelt Lara ihr Scheitern in Aggression gegen andere Menschen. Ihr Sohn wurde nicht nur erbarmungslos gedrillt, sondern auch so verunsichert, dass er sich nur schwer aus dem Bereich ihrer Macht lösen kann.

Ganz bei ihr

Derselbe Stoff ein zweites Mal? Bei Jan-Ole Gerster ist es ganz anders. Sein Film ist nicht ohne Grund nach der Hauptfigur benannt. Er bleibt von der ersten bis zur letzten Szene bei Lara. Bevor man sieht, wie sie andere quält, erfährt man von ihren Qualen. Ein solcher Ansatz muss sich ganz auf die Hauptdarstellerin verlassen. Corinna Harfouch trägt den Film, vermittelt alle Nuancen vom erbarmungslosen Dreinschlagen bis zur hilflosen Irritation und auch, wie diese verbunden sind. Ihre Mimik beeindruckt: wie sich ein Gesicht verhärten, wie es in sich zusammenfallen kann.

Der Titel »Die Klavierspielerin« bezeichnet eine Rolle, der Titel »Lara« eine individuelle Person. Bei allem, was Lara anrichtet, und das ist nicht wenig, bleiben die Zuschauer doch auf ihrer Seite. Anders als bei Jelinek und Haneke treten auch sympathische Figuren auf; es handelt sich um einen offenkundig menschenfreundlichen Film. Dabei bleibt Lara das dramaturgische Zentrum, um die Nebenpersonen als Trabanten kreisen. Am ehesten Kontur gewinnt ihr von Volkmar Kleinert gespielter uralter Klavierprofessor, der vor Jahrzehnten mit einer gleichgültig dahingeworfenen Bosheit ihren Studienabbruch veranlasst hat. Mit der Vergangenheit konfrontiert, bleibt er ungerührt – was gehe denn ihn das an?

Im Mühlrad

Der Musikbetrieb erscheint als erbarmungsloses Mühlrad, in dem unter unzähligen Talenten nur die seelisch härtesten nicht zerschrotet werden. Auch das wäre einen Film wert – aber bei »Lara« ist Musik nur Anlass, im Detail ungenau behandelt. Die romantisierende Komposition, mit der Victor schließlich auftritt, wäre Grund genug, ihn wenigstens für ein paar Jahrhunderte in der tiefsten Musikerhölle schmoren zu lassen. Dies jedoch beiseite: Ein Konzert als Zielpunkt der Handlung ist geschickt gewählt. Hier treffen alle Beteiligten zusammen, hier entscheidet sich das Schicksal Victors und, dadurch vermittelt, auch das seiner Mutter.

Das ist dramaturgisch so klug kalkuliert wie bis ins Detail gut umgesetzt. Über die gesellschaftlichen Bedingungen, denen die Figuren unterworfen sind, erfährt man hingegen nichts. Die Welt bei Gerster erscheint als veränderbar – doch nur als Wechsel der individuellen Haltung zu ihr, nicht als Welt.

»Lara«, Regie: Jan-Ole Gerster, BRD 2019, 98 Min., gestern angelaufen

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