Gegründet 1947 Donnerstag, 14. November 2019, Nr. 265
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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Südeuropa: Ein anderer Blick

»In Quarta Persona«

Kalabrien hat in den vergangenen 50 Jahren eine umfassende Transformation durchlaufen: Eine fragmentierte »Erzählung« in vierter Person
Von Martin Errichiello und Filippo Menichetti
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Im Jahr 2015 begannen die italienischen Fotografen Martin Errichiello und Filippo Menichetti ihre »visuelle Erforschung« der jüngeren Historie Kalabriens. Das Projekt befasste sich mit der Ikonographie und den Geschichten dieser Landschaft zwischen Utopie und Verrat. Aus den gesammelten Fotografien, Objekten, Dokumenten und Videos entstand das Buch »In Quarta Persona«. Der Titel bezieht sich auf die Philosophie des Franzosen Gilles Deleuze, nach dessen Ansicht die vierte Person das Ergebnis der Kombination verschiedener Standpunkte in Form eines »freien indirekten Diskurses« ist. Das Subjekt, das in einem solchen Diskurs spricht, ist demnach »buchstäblich unkenntlich« geworden. (jW)

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Seit den 1960er Jahren, im Nebel des sogenannten Wirtschaftswunders, legten Italiens kulturelle und politische Kräfte den Grundstein für einen extensiven und radikalen Transformationsprozess der Regionen und Traditionen. Unterfüttert im Namen des Fortschritts mit neuen Straßen, neuen Maschinen und Industrien, und zweifellos mit einer neuen Identität. Einer Identität, die in der Lage sein musste – technisch und politisch –, die isolierten Gegenden des Landes miteinander zu verbinden und den Einwohnern der entlegensten Gegenden Versprechen von Wandel näherzubringen. Die Region Kalabrien ist ein sehr altes Land, dem die Herausforderungen der Moderne in Sprache und Erscheinungsbild aufgezwungen wurden, und die menschliche und ökologische Landschaft langsam unterdrückt haben.

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Valle Lao

Im Lao-Tal erhebt sich das 1971 erbaute »Viadotto Italia«, eine Hochbrücke, die für Jahrzehnte das Aushängeschild der italienischen Ingenieurskunst war. Am 2. März 2015 kollabierte ein Teilbereich während der Vorarbeiten zum Abriss und tötete Adrian Miholca, einen 25 Jahre alten Arbeiter aus Rumänien. Die Brücke wurde für fast ein Jahr gesperrt und die Autobahn umgeleitet. Im März 2016 wurden die Abbrucharbeiten erneut aufgenommen.

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Gioia Tauro

Der Hafen von Gioia Tauro ist einer der größten Umschlagplätze im Mittelmeer und der größte Containerhafen Italiens. 1994 erbaut, erhebt er sich an dem Ort, wo eigentlich ein Stahlwerkskomplex entstehen sollte. Wegen der Stahlkrise nahm man jedoch Abstand von dem Projekt. 2008 stellte eine parlamentarische Antimafiakommission fest, dass »die ’Ndrangheta einen Großteil der wirtschaftlichen Aktivitäten rund um den Hafen kontrolliert oder beeinflusst und die Anlage als Ausgangspunkt für illegalen Handel nutzt«.

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Reggio Calabria

1970 entschied die italienische Regierung, das regionale Verwaltungszentrum von Reggio Calabria nach Catanzaro zu verlegen. Daraufhin erhob sich die gesamte Stadt, und es begannen die schwersten Revolten der vergangenen 40 Jahre in Europa. Diese hielten nahezu zwei Jahre an, und die Armee wurde eingesetzt, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Sechs Menschen starben während der Auseinandersetzungen, Hunderte wurden verletzt. Begonnen als breite Demonstrationen, an denen sich Menschen aller politischen Richtungen und sozialen Schichten beteiligten, übernahm bald der rechte Flügel die Führung der Proteste und vereinnahmte die gesamte Phase als »Neofaschistische Revolte«. Als Antwort auf den Aufstand initiierte die Regierung eine Reihe von Maßnahmen, um die industrielle Infrastruktur auszubauen. Bis heute hat keine dieser Anlagen, die mit den Milliarden aus diesem Fonds gebaut wurden, auch nur einen einzigen Tag etwas produziert.

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Martin Errichiello und Filippo Menichetti: In Quarta Persona: 1960–2018. Utopia, Rivolta, Sparizione (Ital./Engl.), Skinnerboox-Verlag, Jesi 2018, 168 Seiten, 34 Euro

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In der jungen Welt erscheinen im November Fotoreportagen aus den von bürgerlichen Medien despektierlich als »PIGS« zusammengefassten südeuropäischen Staaten Portugal, Italien, Griechenland und Spanien, die dem vorherrschenden Bild ein facettenreiches und realistisches entgegensetzen wollen. Denn verbunden mit dieser Bezeichnung ist eine reduzierte Wahrnehmung dieser Länder auf den Status, kollektiv Verantwortliche der »Schuldenkrise« zu sein. Dass sie vor allem Opfer einer von Berlin orchestrierten Kürzungspolitik mit gravierenden sozialen Folgen sind, wird ausgeblendet. Den Auftakt bildete vergangene Woche Pavlos Fysakis mit Bildern aus dem griechischen Nea Helvetia. Dieses Mal geht der Blick nach Italien.

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