Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. November 2019, Nr. 273
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Aus: Ausgabe vom 02.11.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Mauer, Stasi, Stacheldraht«

Wenn Westdeutsche die Welt erklären: Eine betreute Reise in die Bundeshauptstadt
Von Lutz Behrens
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Wer’s schärfer will, muss selber zahlen. Bernauer Straße, Gedenkstätte Berliner Mauer.

Drei Tage Berlin. Mitten in der Woche. Den Bus füllen eher ältere Herrschaften. Meist zurückhaltend in sanftes Beige gekleidet, ein Herr mit knallroten Sneakers auftrumpfend. Ihre Heimat: der Freistaat Sachsen, inzwischen Hort für Pegida-Schreihälse und martialische Aufmärsche der Partei »Der III. Weg« wie in Plauen. Eingeladen wurde die Reisegruppe von Sabine Zimmermann, erst SPD, inzwischen Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke. Das Programm verantwortet der Besucherdienst des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung.

In der Hauptstadt empfängt uns Frau M. vom Bundespresseamt. Bis dahin herrschte auf langer Fahrt allseits um sich greifende Schläfrigkeit, die nun gespannter Erwartung weicht.

Mittagessen. Jedes Mal gibt es für alle das gleiche. Das geht schneller, ein nichtalkoholisches Getränk ist frei. Wer’s schärfer will, muss selber zahlen.

Leichter Unwille bei der Fahrt zur Bernauer Straße. Vorbei an Biermanns ehemaliger Wohnung. Frau M. bietet knappe Daten des bösen Wolfs: vom wahren Kommunisten zum Freund Frau Merkels. Kein Wort über die wichtige Frau in Biermanns Leben: Margot Feist, verheiratete Honecker. Mit ihr wuchs er in Hamburg auf, zu ihr genoss er exklusiven Zugang. Keine Silbe über den Dorotheenstädtischen Friedhof und zu dessen prominenten Toten von Becher über Hegel bis Christa Wolf. Kein Wort zu Brecht oder der Brecht-Weigel-Gedenkstätte, an der wir vorbeifahren.

Die Bundespressedame kommt jedoch in Fahrt und hält mit dem, was sie von uns hält, nicht hinter dem Berg. Nicht direkt, aber durch die Blume eines Zitats. Georg Bernard Shaw muss herhalten mit dem Satz, der aber eher Churchill (oder vielen, vielen anderen) zuzuschreiben ist: Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz, wer es mit 40 noch ist, hat keinen Verstand. Hm.

Hier mag ein Bus aus dem Bayerischen Wald voller strammer CSU-Mitglieder mit beifälligem Schenkelklopfen reagieren. Das jedoch leicht maliziös vor lauter Linken auszusprechen, kann schon ambitioniert genannt werden. Viele von denen, die sich das mit versteinerten Mienen anhören, bekannten sich mit Sicherheit zwanzigjährig zum Sozialismus. Glaubten selbst mit 40 noch an die Idee einer gerechteren Gesellschaft und sind auch mit über 70 nicht davon überzeugt, dass der derzeit grassierende Kapitalismus das einzig Seligmachende sei. Mit all dem harschen Vorgehen seit dem Fehlen eines gesellschaftlichen Korrektivs, mit Billiglohn, Mietenwahn, Klimahorror. Als wir am nächsten Tag bei Gesine Lötzsch (MdB, Die Linke) sitzen und diese unser Besuchsprogramm sieht, kommentiert sie knapp: »Mauer, Stasi, Stacheldraht.«

Ich hätte sie beinahe gefragt, ob sie sich als Sozialistin verstehe, um ihr dann das Urteil von Frau M. über solch Irrglauben mitzuteilen. Mich erinnerte die Situation, in der uns unsere Betreuerin dieses Bonmot schenkte, an »Die Kuh im Propeller«. Das kannte in der DDR fast jeder, von Manfred Krug rezitiert in der Veranstaltungsreihe »Lyrik, Jazz, Prosa«. Erzählt wird von einem übereifrig-dümmlichen Propagandisten. Seine Opfer sind verängstigte Kolchosbauern. Er soll ihnen die Vorzüge des sowjetischen Flugwesens, das sich selbstverständlich prächtig entwickelt, nahebringen. In seinem Furor lässt er sich zu der Formulierung hinreißen, dass ein solches Flugzeug mit seinem Propeller, »ritsch, ratsch«, selbst eine Kuh zerstückeln könne. Als dann ein Bäuerlein still fragt: »Auch Pferde?« kommt triumphierend und im Brustton der Überzeugung breit herausposaunt: »Auch Pferde!!«

Wir erreichen unser erstes Ziel: Bernauer Straße, Gedenkstätte Berliner Mauer. Frau M. zögert nicht lange und liefert ihr Meisterstück. Es gießt wie aus Kannen. Doch Pardon wird nicht gegeben. Wir alle müssen raus aus dem Bus. Wer keinen Schirm hat, ist in wenigen Minuten klitschnass; meine Schuhe erinnern mit ihren weißen Rändern noch lang an diese Demütigung. Den braven Vogtländern, zumal wenn es sich um verstandlose Linke handelte, kann Frau M., die triumphierend im Bus bleibt, das schon zumuten. Eine mutige Dame aus unserer Gruppe lässt sich zu einer leisen Intervention hinreißen, die sofort und unmissverständlich abgeblockt wird. Wem es zu nass sei, der könne ja in die nahe gelegene Bibliothek gehen. Wer dem folgt, ist auf dem Weg dorthin längst pitschnass geworden.

Bevor wir nach draußen expediert werden, kommt Frau M. mehrfach auf die Berliner Fahrradfahrer zu sprechen. Denen sollten wir nicht zu nahe kommen und beim Aussteigen sofort vom Radweg verschwinden. In sich wiederholenden und immer wütender werdenden Formulierungen beschimpft sie Fahrradfahrer als Rowdys und wildgewordene Kampfradler. Wörtlich: Ihnen verkleinere der Zuwachs an Wadenmuskultur das Gehirn. Kein Gedanke, dass vielleicht Radfahrer unter ihren Gästen sein könnten. Keine Ahnung von dem SUV-Fahrer, der unlängst in Berlin vier Fußgänger vom Leben zum Tode befördert hatte. Kein Wort über rechtsabbiegende Lkws und die von ihnen ausgehende tödliche Gefahr, die immer noch nicht durch eine per Gesetz verordnete Einführung entsprechender Assistenzsysteme gemindert wurde. Keine Anerkennung für Leute, die das Fahrrad bewusst dem Auto vorziehen. Kein Satz zu den sich nur sehr langsam verbessernden Bedingungen für Radler in Berlin, die besonders in Neukölln Freiwild sind. Denen die Radwege zugeparkt werden oder die in einem Abstand überholt werden, dass ihnen Hören und Sehen vergeht. Später erwähnt Frau M., die uns auch wissen lässt, dass sie in Hannover geboren wurde, sie sei neulich in Kopenhagen (!) gewesen. In der Welthauptstadt der Radfahrer, mit geradezu idyllischen Bedingungen für den Radverkehr (Fahrradschnellwegen, breiten, sicheren Radwegen, die im Winter als erstes von Schnee und Eis befreit werden, usw.) hat die Dame nichts mitbekommen.

Auf der Fahrt zum Hotel beweist Frau M. ihre Kenntnis der DDR-Literatur. Zwei promovierte Literaturwissenschaftler im Bus merken auf. Die Landsberger Allee bringt sie auf den Geburtsort von Christa Wolf. Ihr fallen »Der geteilten Himmel« und »Die Stadt der Engel« ein. Kennt sie »Kindheitsmuster« nicht? Den autobiographischen Roman, in dem Wolf ihre Kindheit in der Nazizeit in dem damals deutschen Landsberg an der Warthe beschreibt und der in der DDR durchaus zu kontroversen Diskussionen geführt hatte. Von denen die Dame nichts wissen kann, doch das ist in Kauf zu nehmen, wenn jemand aus Hannover dir dein Leben in der DDR erklärt.

Auf der Fahrt zum Alexanderplatz nennt Frau M. Friedrich Wilhelm IV. als den preußischen König, der nach dem Besuch von Zar Alexander den Platz in Berlin nach diesem benannt habe. Doch dieser Friedrich Wilhelm war erst zehn Jahre alt, als das geschah, und gemeint ist Friedrich Wilhelm III. Geschenkt. Kann passieren.

Weniger schön die nächste Episode. In apodiktischem Ton, herablassend und blasiert lässt uns Frau M. an ihrem Wissen über Berlin und seine Geschichte teilhaben. Das ist ihre Aufgabe, aber die Dame, ausgestattet mit der Macht des Mikrofons, wird inzwischen schon sehr kritisch beäugt. Zumindest von mir, der genau hinhört. Es fällt die Formulierung, die kleindeutsche Lösung, die zur Kaiserkrönung 1871 im Spiegelsaal von Versailles führte, beruhe auf dem Zusammenführen der verschiedenen deutschen Fürstentümer und Königreiche. Stimmt. Als ich aber bemerke, kleindeutsch heiße die Lösung auch deshalb, weil eine großdeutsche vor allem die Hegemonie Österreichs beinhaltet hätte, reagiert sie gereizt. Sie behauptet steif und fest, großdeutsch hätte bedeutet, dass alle deutschsprechenden Staaten einbezogen werden, also auch die Schweiz. Davon habe ich noch nie etwas gehört, was ich ihr gegenüber nicht verhehle. Sie sagt dies mit einer Gewissheit, die mich verstummen lässt. Zudem fährt sie schweres, demagogisches Geschütz auf. Das interessiere wohl niemand, was wir hier diskutierten, und wenn mir etwas nicht passte, könne ich mich ja beschweren. Das hätte ich nicht einmal im Traum erwogen, mache mir aber über eine solche Aussage meine Gedanken.

Wenig später erleben wir im Plenarsaal einen Politikwissenschaftler, der uns eine Stunde lang eine wahrlich trockene Materie (Aufgaben und Arbeit des Parlaments) eloquent, witzig, immer wieder gewürzt mit leichter Selbstironie nahebringt. Seine Kompetenz und die Aufforderung, ihm auch individuell Fragen zu stellen, lässt mich ihn nach seinem Vortrag fragen: »Bedeutete die großdeutsche Lösung bei der Einheit Deutschlands im 19. Jahrhundert die Einbeziehung der Schweiz?« »Nie und nimmer«, ist seine Antwort, die er sogleich detailliert begründet.

Am Vormittag dieses langen Tages besuchen wir den »Tränenpalast«, und am nächsten Tag steht die Ausstellung »Einblicke ins Geheime« im Stasi-Unterlagen-Archiv in Berlin-Lichtenberg auf dem Plan, getreu der Devise: »Mauer, Stasi, Stacheldraht«. Ich stelle mir die Frage, was wohl Frau M. davon halten würde, wenn ein Sachse ihr in Hannover ihre Stadt und ihren Staat erklärte. An Hand von Beispielen nur von den Schattenseiten …

Als sich Frau M vor unserer Heimfahrt im Bus verabschiedet, fasse ich mir ein Herz. »Frau M., auf ein Wort, ehe Sie uns verlassen.« Ich sage ihr, dass ich mich gefreut hätte, wenn sie ihre Schweiz-Bemerkung zurückgenommen hätte, weil sie nochmals nachgeprüft habe. Aber diese Größe habe Sie wohl nicht. Ich sage ihr auch: »Sie haben Glück, dass heute die Sonne scheint. Würde es draußen in Strömen regnen, wie vorgestern, dann würden wir Sie nicht wie einen Hund hinausjagen, sondern Ihnen gern noch Aufenthalt in unserem Bus gewähren, bis es aufgehört hat.«

Leider bleiben diese Sätze ungesagt. Sie fallen mir, wie so oft, erst ein, als es zu spät ist.

Keiner der Busreisenden hat auch reagiert, als unsere Betreuerin eine kryptische Formulierung zum besten gibt. In immer schärfer werdendem Ton verlautbart sie, auf Bemerkungen, Hinweise und gute Ratschläge sollten wir verzichten und diese nur dann äußern, wenn der Fahrer oder sie uns fragen würden.

Diese Zurechtweisung, ja Disziplinierung älterer Herrschaften ist starker Tobak. Und gern hätte ich der Dame zum Abschied noch gesagt, dass es von Shaw ein Zitat gebe, das unzweideutig ihm zuzuordnen ist, und das da lautet: »Im richtigen Ton kann man alles sagen, im falschen nichts.«

Lutz Behrens, Jahrgang 1947, ist Pädagoge und Journalist. Er arbeitete als Lehrer und in der Lehrerausbildung, war Direktor einer Medizinischen Fachschule, nach deren Schließung bis zur Rente 20 Jahre Kulturredakteur einer Tageszeitung im Vogtland.

Der Autor schrieb diesen Text nach einem Besuch in Berlin im Rahmen des Programms einer Tagung für politisch Interessierte vom 17. bis 19. September auf Anregung der Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann (Die Linke). Erstellt wurde das Programm vom Besucherdienst des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung.

Debatte

  • Beitrag von Wolfgang W. aus Ettlingen ( 3. November 2019 um 13:31 Uhr)
    Sehr geehrter Herr Behrens,

    mit Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen.

    Ich war selbst lange Zeit Mitarbeiter im Büro der Bundestagsabgeordneten Karin Binder (Die Linke) in Karlsruhe und habe in dieser Funktion über Jahre hinweg auch die Berlin-Fahrten mit vorbereitet und organisiert.

    Deshalb kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen: Es gibt beim Programm dieser Fahrten durchaus Gestaltungsspielräume, die allerdings dann auch genutzt werden sollten, und da haben die/der entsprechende MdB bzw. seine Mitarbeiter durchaus Gestaltungsmöglichkeiten.

    Bei unseren Fahrten standen neben der obligatorischen Stadtrundfahrt und dem Besuch des Bundestages immer auch Fahrten z. B. zur Topographie des Terrors, zum Haus der Wannseekonferenz, zum Deutsch-Russischen Museum Karlshorst, dem Sowjetischen Ehrenmal in Treptow, der Gedenkstätte KZ Sachsenhausen, ein Besuch bei der Redaktion der Tageszeitung junge Welt, im Karl-Liebknecht-Haus der Partei Die Linke oder auch der Botschaft der Bolivarischen Republik Venezuela auf dem Programm.

    Sie sehen also anhand dieser Beispiele: Man muss nicht jeden geschichtsrevisionistischen Unfug akzeptieren, der einem teilweise auch vom Bundespresseamt angeboten wird.

    Übrigens: Die Reisebegleitungen sind meist vom Bundespresseamt bezahlte Stadtführer, und da haben wir allerdings auch sehr große qualitative Unterschiede erlebt. Aber auch hier macht es durchaus Sinn, dass kritikwürdige Aussagen nicht unkommentiert bleiben. Da wären dann m. E. auch zuförderst der die Fahrt begleitende MdB-Mitarbeiter gefordert. Wie ich aus Ihrem Bericht herauslesen konnte, war dies leider wohl nicht der Fall, bzw. er war gar nicht dabei. Und das finde ich unverständlich und schade, weil damit auch die Chancen und Möglichkeiten von politischen Gesprächen mit den Reisenden vertan werden und solche Fahrten in der Regel dann doch politisch sehr unverbindlich bleiben.

    Mit solidarischen Grüßen

    Wolfgang Weber, Ettlingen
  • Beitrag von Christian O. aus München ( 3. November 2019 um 18:05 Uhr)
    Es war interessant, Ihren Bericht zu lesen, aber ich kann mich Wolfgang nur anschließen. Ich bin aktuell Mitarbeiter der linken Bundestagsabgeordneten Eva-Maria Schreiber in Regensburg, habe jetzt auch schon einige Berlin-Fahrten organisiert und durchgeführt, und auch bei uns gibt es andere Programmpunkte. Hier finden Sie eine Übersicht über die vergangenen Fahrten mit dem jeweiligen Programm: https://www.eva-maria-schreiber.de/de/topic/17.b%C3%BCrger-innensprechstunde.html

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