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Aus: Ausgabe vom 02.11.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Griechenland

Nea Helvetia

Ein Gebiet im historisch bedeutenden Attika in Griechenland hat seinen Glanz verloren und kämpft ums Überleben
Von Pavlos Fysakis

Die Schweiz, auf Griechisch Helvetia, ist eines der reichsten Länder der Welt. Nea Helvetia (neue Schweiz) im griechischen Attika, der Region rund um Athen, steht heute im Gegensatz dazu für Verschmutzung, Armut und Vernachlässigung. Vor nicht allzu langer Zeit gab es in den Orten der Thriasio-Ebene im Westen Attikas wie Elefsina, Mandra oder Aspropyrgos noch Fabriken, in denen Arbeiter Beschäftigung fanden und Kapital für die Reichen erwirtschafteten. Diese einst prosperierende Region erlebt jetzt den gewaltsamen Zerfall. Früher zogen Menschen hierher, um zu arbeiten – jetzt suchen sie angesichts von Krisen, hoher Erwerbslosigkeit und Deindustrialisierung nach Wegen, um zu überleben. Ein Ort von großer archäologischer Bedeutung, der antike Stätten beherbergt, versammelt mittlerweile – wortwörtlich und im übertragenen Sinne – den Abfall und den Schutt des Landes in sich.

Die brutale Abtrennung der Gesellschaft von Nea Helvetia vom globalen Produktionssystem hat sichtbare Spuren hinterlassen. Die Menschen versuchen sich aneinander festzuhalten, vereint in ihrem gemeinsamen Schicksal.

Die Bilder beschreiben ihre Umwelt: die Dachlandschaften ihrer Häuser aus einer entfernten, relationalen und historischen Perspektive betrachtet; das Innere mit gerahmten Familienfotos – Träume auf Wänden; die leeren Hinterhöfe; heruntergekommene Autos, nutzlos und ohne Benzin; die öffentlichen Plätze, auf denen sie sich treffen. Die Bilder dokumentieren die ungleiche Konfrontation zwischen Menschen und Geschichte.

Pavlos Fysakis lebt und arbeitet als Fotograf in Athen. Er ist Mitbegründer des Kunstkollektivs »Depression Era«, das seit 2011 mit Bildern und Texten die durch die Krise geprägte Landschaft und Gesellschaft in Griechenland dokumentiert.

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