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Aus: Ausgabe vom 02.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Musik

»Ein Tunnel unter der Zeit«

Endzeitmusik in Sekunden-Seligkeit: Markus Hinterhäuser spielt in Berlin Klaviersonaten von Galina Ustwolskaja
Von Berthold Seliger
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Jeder Klang muss mit Härte gemeißelt werden: Ustwolskaja-Interpret Markus Hinterhäuser

Die russische Komponistin Galina Ustwolskaja (1919–2006) ist ein großes Rätsel. Sie hat nur wenige ihrer Werke autorisiert, gerade einmal 25. Interviews gab sie grundsätzlich nicht: In ihrer Musik ist doch alles gesagt. Raschem Ruhm stand sie skeptisch gegenüber, und sie war auch gelernte Sowjetbürgerin – so schrieb sie einer westlichen Plattenfirma, die nach dem Ende der UdSSR Aufnahmen ihrer Werke veröffentlichen wollte, misstrauisch, sie wolle doch sehr hoffen, dass dies nicht bloß »von ökonomischen Erwägungen« motiviert sei. Die wenigen Musikerinnen und Musiker, die ihre Bekanntschaft machten, berichten von einer extrem zurückgezogen lebenden, menschenscheuen Komponistin, die sehr genau wusste, wie ihre Musik aufzuführen sei, ohne dies näher erklären zu wollen – »sie sprach nie darüber, wie sie irgendwas komponiert hat oder was ihre Werke bedeuten sollen, und sie sagte auch nichts zur Interpretation«, erzählt der Pianist Alexei Lubimov. Laut dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch war Galina Ustwolskaja eine höfliche, bescheidene junge Frau, die sich ans Klavier setzte und dann mit etwas loslegte, das überraschend aggressiv war.

Der Pianist und Intendant der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser spielte am Dienstag im Berliner Pierre Boulez Saal die sechs Klaviersonaten Ustwolskajas, die zwischen 1947 und 1988 entstanden sind. Kein Zyklus, eher, wie Wolfgang Stähr im Essay im Programmheft schreibt, »ein Tunnel unter der Zeit«. In den ersten Sonaten kann man noch den Einfluss ihres Lehrers Schostakowitsch erkennen, seinen Umgang mit Harmonien, und die Melodien wandern stringent in der Art eines Fugenthemas voran, wie wir es von dessen Präludien und Fugen kennen. Doch auch hier hören wir bereits eine faszinierende Ballung von dissonanten Intervallen und Akkorden, und wenn angesichts von Chopins Berceuse von einer »Terzen-Seligkeit« die Rede sein kann, darf man in Ustwolskajas zweiter Sonate geradezu eine Art »Sekunden-Seligkeit« erkennen, immer wiederkehrende Ballungen dieses kleinsten Intervalls zweier unterschiedlicher Töne.

Ab der zweiten Sonate befindet sich alles in Auflösung – das harmonische Gerüst, die Formen, vor allem aber auch das Metrum, die Komponistin verwendet nur noch eine Art neutraler Zeitachse, schreibt verschiedene Metronomangaben für die Viertelnoten vor, verwendet aber keine Takte mehr mit Trennungen und den daraus resultierenden Schwerpunkten und Ordnungen, alles steht in einem fortlaufenden, freien Agens. Ustwolskaja bedient sich bevorzugt extremer Lagen und extremer Dynamik, das »Mittlere« ist ihre Sache nicht, sie spart die Mittellage des Flügels weitgehend aus und kostet statt dessen radikal die Höhen und Tiefen des Flügels. Mehr und mehr erleben wir Cluster, Ballungen, die sie schonungslos einsetzt, bevorzugt in extremer Lautstärke, sich ständig steigernd von größter Lautstärke zu noch größerer, der Konzertflügel wird zum Schlaginstrument, eine permanente »Attacke der Klaviatur mit tosenden Tontrauben« (Stähr), Cluster auf Cluster, jdghfuzekpl gwtdjcld und weiter, lauter, jdghfuzekpl gwtdjcld, immer weiter hämmern uns die Dissonanzen in Herz und Kopf, JDGHFUZEKPL GWTDJCL, JDGHFUZEKPL GWTDJCL, bis sich schließlich alles im herrlichen Lärm der sechsten Sonate entlädt. SunnO))), nehmt das – Noise-Drones auf dem Klavier! Eine schiere Apokalypse, grausame Endzeitmusik, also wie gemacht für unsere Tage, und Ustwolskaja wollte noch das Aufschlagen der Knöchel auf den Tasten hören, wie Markus Hinterhäuser in einer sehr gelungenen Einführung in das Konzert verriet. Musik kann, darf, muss auch wehtun, uns durcheinanderbringen, verletzen und verstören. Galina Ustwolskaja, die Frau mit dem Hammer (auch im Wortsinn: ihr »Dies irae« schrieb sie für acht Kontrabässe, Klavier und einen Holzblock, der zum Teil brutal malträtiert wird): Sie fordert punktuell schärfste Töne, Kontraste, Wiederholungen, die Cluster brüllen, sie verlangt in der fünften Klaviersonate nicht nur wiederholt »espressivo«, sondern mehrfach »espressivissimo«. Ständige Fortissimoklänge, unerbittlich repetitiv um ein »des« herum montiert. Jeder einzelne Klang muss mit aller Härte gemeißelt werden, damit in der Kargheit ein majestätischer Klang entsteht. Doch immer wieder auch zarte, geradezu beseelte Einschübe, Traumsequenzen, spirituelles Atemholen. Ustwolskajas Musik ist auf allen Ebenen einzigartig und faszinierend.

Markus Hinterhäuser hat uns einen weltbewegenden, fordernden Klavierabend beschert, der noch lange nachwirken wird. Und nebenbei: Der Pierre Boulez Saal entwickelt sich zum spannendsten Konzertsaal Berlins. Dort haben nicht nur die einschlägigen Solisten und Ensembles ihren Platz, sondern hier sind mittlerweile auch so unterschiedliche Musikerinnen und Musiker wie Fred Hersch, Kayhan Kalhor und eben Galina Ustwolskaja zu Hause. Wie schön.

Am 27. 1. 2020 spielen das Ensemble Resonanz und Alexander Melnikov zwei große Ensemblewerke der Komponistin; am 30.4.2020 widmet das Boulez Ensemble einen ganzen Abend ihren Kammermusikwerken, jeweils im Pierre Boulez Saal. Markus Hinterhäuser hat die sechs Klaviersonaten eingespielt, die CD ist aber leider vergriffen und schreit geradezu nach einer Neuauflage.

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