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Aus: Ausgabe vom 22.10.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitszeit

Entweder ... oder?

Verdi-Umfrage: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten ziehen kürzere Arbeitszeit höheren Löhnen vor
Von Bernd Müller
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Die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich wird bei der im Herbst 2020 stattfindenden Tarifrunde für den öffentlichen Dienst wahrscheinlich keine Rolle spielen (Berlin, 14.9.2016)

Im Herbst 2020 stehen im öffentlichen Dienst Tarifverhandlungen an. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Beamtenbund DBB werden über die Tarife im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen verhandeln. Aus diesem Grund hat Verdi die Beschäftigten nach ihren Wünschen und Vorstellungen hinsichtlich ihrer Arbeitszeit befragen lassen und das Ergebnis letzte Woche vorgestellt.

Mehr als 210.000 Personen hatten an der Umfrage teilgenommen. »Diese wirklich sehr gute Beteiligung an unserer Befragung ist ein starkes Signal«, sagte der Verdi-Vorsitzende Frank Werneke, der bei der kommenden Tarifauseinandersetzung Verhandlungsführer sein wird.

Bei der Umfrage ging es nicht um die Frage nach einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Abgefragt wurden neben den tatsächlichen Arbeitszeiten der Beschäftigten lediglich deren Präferenzen bei einem etwaigen Wahlmodell. Demnach sprachen sich 92 Prozent der Befragten für die Möglichkeit aus, wählen zu können, ob sie die tarifliche Gehaltssteigerung ausgezahlt bekommen oder ob statt dessen ihre Arbeitszeit verkürzt wird. Wenn sie die Wahl bereits hätten, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage, würden 57 Prozent der Beschäftigten die tariflichen Gehaltssteigerungen tatsächlich für eine kürzere Arbeitszeit eintauschen. Dieser Wunsch zieht sich demzufolge durch alle Altersgruppen: von den Frauen würden 58 Prozent mehr Freizeit bevorzugen, von den Männern waren es 55 Prozent.

Auf besonderes Interesse stößt die Umwandlung bei Frauen zwischen 51 und 60 Jahren. Von ihnen würden 60 Prozent ihre Tariferhöhungen gegen mehr freie Zeit tauschen. »Angesichts der Personalkürzungen der letzten Jahre und der dadurch immer höher werdenden Belastungen im öffentlichen Dienst ist der Wunsch nach Entlastung deutlich erkennbar, übrigens von Mitgliedern wie Nichtmitgliedern gleichermaßen« sagte Werneke.

Besonders eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit entspricht den Vorstellungen der meisten Befragten. Dafür sprachen sich 60 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen aus, die eine Umwandlung anstreben. 45 Prozent von ihnen würden lieber mehr freie Tage haben, und je rund 30 Prozent wünschen sich ein Zeitkonto, um entweder länger in den Urlaub zu fahren oder früher in Rente zu gehen.

Christine Behle, im Vorstand von Verdi zuständig für den öffentlichen Dienst, hält das für eine klare Botschaft der Beschäftigten. Die wolle man im nächsten Jahr mitnehmen, wenn mit den Mitgliedern vor Ort in den Betrieben und Dienststellen von Bund und Kommunen über die konkreten Forderungen diskutiert werde. Die Zeit bis dahin wolle man nutzen, um einzelne Aspekte der Befragung weiter zu vertiefen. Aus diesem Grund würden in den nächsten Wochen in einem zweiten Schritt Einzel- und Gruppeninterviews mit Vertretern der verschiedenen Berufsbereiche geführt. Nach der quantitativen Umfrage folge damit eine qualitative Befragung. Die Gewerkschaft erhofft sich davon einen genaueren Einblick.

Für die Erhebung wurden laut Verdi von April bis Juni 210.313 Beschäftigte im öffentlichen Dienst und 17.961 Beschäftigte aus privaten Unternehmen des Gesundheits- und Sozialwesens, Wohlfahrtsverbänden und kirchlichen Einrichtungen vom Meinungsforschungsunternehmen Uzbonn sowie von der Ralf Stuth Consulting befragt.

Neben Fragen zur Arbeitszeit beinhaltet die Studie auch solche zu Besonderheiten in den neuen Bundesländern. Im sogenannten Tarifgebiet Ost arbeiten die Beschäftigten im Durchschnitt länger als im Tarifgebiet West. Hier sprach sich eine große Mehrheit von 88 Prozent für die sofortige Angleichung der Arbeitszeit von Ost und West aus. Bezogen auf die gesamte Bundesrepublik sprachen sich dagegen nur 58 Prozent für die sofortige Angleichung aus, wobei weitere 23 Prozent eine Angleichung mit einer Übergangsfrist bevorzugen.

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