Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 21.10.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Milliardengeschäft Kreuzfahrt

Barbarei auf dem Wasser

Golfsimulator und Achterbahn an Bord: Wolfgang Meyer-Hentrich über den neuzeitlichen »Kreuzfahrtimperialismus«
Von Burkhard Ilschner
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Mit Schlagseite: Wrack des Kreuzfahrtschiffs »Costa Concordia«, das der italienischen Reederei Costa Crociere gehörte, hinter der wiederum der weltgrößte Kreuzfahrtkonzern Carnival steht (21.1.2012)

Eine Seefahrt, die ist lustig? – Die Veranstalter des hochprofitablen Milliardengeschäfts Kreuzfahrttourismus dürften das so sehen. Der Autor Wolfgang Meyer-Hentrich indes sieht »eine Art ›Kreuzfahrtimperialismus‹ (…), der von mächtigen Konzernen ausgeht, die die Ozeane für ihre wirtschaftliche Expansion (…) okkupieren und ausbeuten«. Er will »die dunklen Seiten des Kreuzfahrtgeschäfts« stärker »ins Bewusstsein der Öffentlichkeit« bringen und so der scheinbar endlosen Erfolgsgeschichte dieses Geschäftsmodells wenigstens etwas entgegensetzen.

Meyer-Hentrich ist ein Freund klarer Worte. In seiner Philippika gegen das heutige Kreuzfahrt(un)wesen stellt er fest: Wer sich mit dessen Entstehungsgeschichte beschäftige, komme »an den Urlaubsorganisationen des Faschismus nicht vorbei«. Viele »Aida«- oder »Mein Schiff«-Reisende mögen dies spontan als Affront empfinden – aber vielleicht fängt die eine oder der andere doch an, über das nachzudenken, was Meyer-Hentrich mitzuteilen hat. Er beschreibt eine direkte Verbindung vom staatlich gesteuerten Beginn des Massentourismus im Faschismus der 1930er Jahre über den im Nachkriegswesteuropa der 1960er beginnenden »marktwirtschaftlichen« Hotel- und Betonboom an Europas Mittelmeerküsten bis hin zu den jetzt über die Meere kreuzenden Vergnügungstempeln: Heute wie damals werde den Reisenden gelenkte und durchorganisierte Unterhaltung geboten, deren Inanspruchnahme keinerlei Eigeninitiative erfordere. Meyer-Hentrich stellt seinem Buch ein Enzensberger-Zitat voran: »Die Flut des Tourismus ist eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, mit der unsere Gesellschaftsverfassung uns umstellt.«

»Wahnsinn Kreuzfahrt« ist eine scharfe Kritik und dabei abwechslungsreich, ja unterhaltsam geschrieben. Mit vielen Hintergrundinformationen erläutert Meyer-Hentrich, wie das Phänomen Kreuzfahrt von einem Luxus- zu einem Massengut entwickelt wurde, schreibt über mafiöse Strukturen auf US-Dampfern in den 1920er Jahren – mit Glücksspiel- und Alkoholexzessen, wegen der Prohibition immer knapp außerhalb der Hoheitsgewässer – ebenso wie über die Anfänge des Massentourismus zur See im italienischen und deutschen Faschismus. Ausführlich seziert er die Geschichte der heutigen Weltmarktführer Carnival, Royal Caribbean Cruises und Norwegian Cruise Line, die sich mit dem kleineren Wettbewerber MSC Cruises zusammen 92 Prozent des Geschäfts teilen; er betont die Verflechtung dieser Konzerne untereinander über gemeinsame Eigentümer wie die US-Fondsgesellschaft Blackrock.

Wie in der Frachtschiffahrt, werden auch die Massenvergnügungsschiffe gerne zu oftmals regel- und tariflosen »Billigflaggen« ausgeflaggt. Meyer-Hentrich verweist auf diverse (legale, aber haarsträubende) Steuervermeidungsstrategien der Reedereien, um sich dann ausführlich der Lage des Bordpersonals zu widmen – ausgebeutet, rechtlos, unterbezahlt und schikaniert nicht nur von Eignern und der Schiffsführung, sondern oft auch von den Passagieren: Es scheint ein Merkmal des »Kreuzfahrtimperialismus« zu sein, dass viele Reisende auf ihrer Flucht aus dem kleinbürgerlichen Alltag dem – meist in asiatischen oder lateinamerikanischen Ländern rekrutierten – Personal mit Kolonialherrenattitüde gegenübertreten.

Aufwendige Freizeitinstallationen an Bord – Diskotheken, Theater oder Einkaufszentren, Pools, Kletterwände oder Fitnesscenter, Golfsimulatoren, Go-Kart-Rennen oder neuerdings sogar Achterbahnen – lassen das Programmangebot als primär nach innen gerichtet erscheinen; die Meere werden ebenso zur Nebensache und Kulisse wie die angefahrenen Urlaubsorte. Weil sie unter den für ein paar Stunden an Land entlassenen Menschenmassen ächzen, beginnen manche Städte, sich zu wehren, nicht zuletzt auch wegen der erheblichen Schadstoff-, Müll- und Lärmemissionen, die die schwimmenden Hotelpaläste ihnen bescheren. Gekonnt geißelt Meyer-Hentrich hier die Bemühungen der Reedereien um eine »grüne« Imagepolitur.

Nicht wehren können sich Arktis und Antarktis, die immer öfter heimgesucht werden. In gewisser Weise wehrlos sind aber auch die Passagiere der schwimmenden Kabinenburgen: An deren Sicherheit zweifelt der Autor recht nachdrücklich und belegt detailliert, »dass Unglücke, Notfälle (…) keine Seltenheit sind, Katastrophen oft nur um Haaresbreite vermieden werden können«. Seine Überlegungen fokussieren dabei nicht nur auf natürliche Ereignisse oder nautische Fehler, sondern beziehen Piraterie ebenso ein wie bordinterne Kriminalität oder Krankheiten.

Für Meyer-Hentrich entspricht der Kreuzfahrtwahn dem »Geist des Kapitalismus« und erscheint als »zivilisierte Barbarei«. Von der Politik habe die Branche dank Lobbyismus und auch Korruption wenig zu befürchten. Um etwas gegen ihre soziale und ökologische Unterverträglichkeit zu unternehmen, seien ein konsequentes Umdenken und institutionelle Restriktionen zwingend nötig. Aber das könne nur der Anfang sein.

Wolfgang Meyer-Hentrich: Wahnsinn Kreuzfahrt – Gefahr für Natur und Mensch. Ch. Links, Berlin 2019, 244 Seiten, 20 Euro

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