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Aus: Ausgabe vom 21.10.2019, Seite 12 / Thema
Die Stasi und die Schwulen

Wahn und Wirklichkeit

Was der Staatssicherheit der DDR im Umgang mit den Homosexuellen angedichtet wird und wie sie versuchte, deren Forderungen aufzugreifen
Von Wolfgang Schmidt
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Im Visier der Stasi? Die vermutlich erste Lesbengruppe der DDR »Lesben in der Kirche« bei der Friedenswerkstatt in der Erlöserkirche am Nöldnerplatz in Berlin-Lichtenberg (30.6.1985)

In diesen Tagen erscheint im Berliner Verlag Edition Ost von Stefan Spector das Buch »Mit der Stasi ins Bett. Die kurze Karriere eines Romeos«. Der Autor schildert darin, wie er 1988 von der Aufklärung der DDR angeworben wurde und zum Agenten ausgebildet werden sollte mit der Maßgabe, langfristig im Auswärtigen Amt in Bonn Karriere zu machen. Der Perspektivspion mit FDP-Parteibuch war dann 1994 der erste offen schwule Bewerber für ein Bundestagsmandat. Kurz darauf wurde er enttarnt. Wir veröffentlichen an dieser Stelle das Nachwort des ehemaligen Offiziers des Ministeriums für Staatssicherheit, Wolfgang Schmidt. (jW)

»Hinsichtlich der Rechte für Homosexuelle war die DDR fortschrittlicher.« Mit dieser gewiss zutreffenden selbstkritischen Feststellung beginnt ein Beitrag, den die Bundeszentrale für politische Bildung im Februar 2018 auf ihrer Homepage veröffentlichte. Dieser Text ist dort noch immer zu lesen. Allerdings auch Behauptungen wie diese: »Die Staatssicherheit überwachte die schwul-lesbische Szene noch in den 1980er Jahren.« Nun, der »Dämon« observierte bekanntlich alles in der DDR, er hörte das Gras wachsen und sah Ufos im märkischen Sand landen, er ließ Kinder im Ungewissen über die menschenverachtende Profession ihrer Väter oder sorgte für Zwangsadoptionen sowie für die Arretierung von Teenagern in Jugendwerkhöfen, die Stasi dopte Spitzensportler und brach Biographien … Warum sollte sie nicht auch die Lesben und Schwulen überwacht haben?

Fortgesetzte Diskriminierung

Wir kennen die Klischees und Stereotype, welche seit dessen Ende über das MfS verbreitet werden. Inzwischen nehmen, allem Anschein nach, viele Landsleute aufgrund ihrer steten Wiederholung diese Legenden und Lügen für bare Münze. Das sollte Augen- und Zeitzeugen, die es anders wissen, geradezu zwingen, ihre Erinnerungen weiterzugeben, um der staatlich verordneten Geschichtsklitterung zu widersprechen. Stefan Spector macht dies hier. Der bekennende Schwule bekam es mit der Staatssicherheit zu tun – aber nicht, weil er vom anderen Ufer, sondern weil er aus dem Westen war. Unsere Aufklärung warb den Studenten als ­Perspektivagenten an. 1988.

Wir beide lernten uns in den neunziger Jahren auf einer Konferenz in Jena kennen, die sich mit der Historie des Paragraphen 175 beschäftigte. Diese seit 1872 geltende Rechtsvorschrift, welche sexuelle Handlungen zwischen Männern bestrafte, war in der Bundesrepublik im Juni 1994 stillschweigend erledigt worden. Die Arbeiterbewegung, insbesondere deren kommunistischer Teil, stritt bereits in den zwanziger Jahren für dessen Abschaffung, die Nazis hingegen hatten die Bestimmungen verschärft. Zwischen 1933 und 1945 wurden fast 50.000 Männer wegen Homosexualität verurteilt, etwa jeder zehnte kam ins KZ und musste dort den »Rosa Winkel« tragen. Tausende kamen in Haft ums Leben. Eine »Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung« erfasste systematisch all jene, die anders als vorgeschrieben lebten und liebten, und lieferte sie ans Messer.

Der Umgang mit diesem Paragraphen war im geteilten Nachkriegsdeutschland sehr unterschiedlich. In der DDR wurde er seit 1957 de facto nicht mehr angewandt, und elf Jahre später, mit der Einführung eines neuen Strafgesetzbuches, verschwand er. Paragraph 151 StGB der DDR stellte jedoch weiter »sexuelle Handlungen« Erwachsener mit gleichgeschlechtlichen Jugendlichen unter 18 Jahren unter Strafe. Die Volkskammer strich auch diesen Paragraphen ersatzlos, nachdem das Oberste Gericht der DDR in einem Grundsatzurteil am 11. August 1987 erklärt hatte, dass »Homosexualität ebenso wie Heterosexualität eine Variante des Sexualverhaltens darstellt. Homosexuelle Menschen stehen somit nicht außerhalb der sozialistischen Gesellschaft, und die Bürgerrechte sind ihnen wie allen anderen Bürgern gewährleistet.«

In der BRD hingegen wurde unverändert nach den Paragraphen 175 und 175a – in der Fassung von 1935! – geurteilt. Auf dieser Basis kam es zwischen 1950 und 1969 zu mehr als 100.000 Ermittlungsverfahren, wobei jedes zweite Verfahren mit einer rechtskräftigen Verurteilung endete. Ein am 9. März 1989 von den Grünen im Bundestag gestellter Antrag, die Paragraphen ersatzlos aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, wurde von CDU/CSU, FDP und SPD abgelehnt.

Nach dem »Beitritt« der DDR zur Bundesrepublik gab es darum auf beiden Territorien eine unterschiedliche Rechtsprechung, denn der Rückschritt im Osten – sofern man dort den Paragraphen 175 wieder eingeführt hätte – wäre zu offensichtlich gewesen, und wenn man ihn auch im Westen getilgt hätte, hätte die Übernahme der ostdeutschen Rechtspraxis der Behauptung vom »Unrechtsstaat DDR« erkennbar widersprochen. Also unterblieb sie. Weil aber in einem Staat nicht zwei unterschiedliche Rechtssysteme auf Dauer bestehen konnten, ließ der Bundestag 1994 den sogenannten Schwulenparagraphen einfach »wegfallen«. Ohne viele Worte darüber zu verlieren. (Allerdings sind bis heute die in der alten Bundesrepublik auf der Basis der Strafgesetzbestimmungen der Nazis verurteilten Homosexuellen weder rehabilitiert noch entschädigt worden.)

»Der letzte Anstoß dazu, dass der demokratische Rechtsstaat das diskriminierende Sonderstrafrecht gegen Homosexualität endlich beseitigte, kam paradoxerweise aus der DDR«, schrieb der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes Günter Dworek nach jenem »Wegfall« des Paragraphen 175 StGB, der 123 Jahre im bürgerlichen Deutschland gegolten hatte. Insbesondere in der Adenauer-BRD habe »ein massiver Verfolgungsdruck: Razzien, Rosa Listen, Prozesswellen, totale gesellschaftliche Ächtung« bestanden. »Der Religionsphilosoph und Historiker Hans-Joachim Schoeps hat 1963 das bittere Wort geprägt: ›Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende.‹« Und an anderer Stelle schrieb Dworek: »Paragraph 175 diente damit auch weiterhin als Rechtfertigung für Überwachung und Polizeirazzien an Schwulentreffpunkten, ebenso für das Führen von Rosa Listen. Schon 1969 hatte der Mannheimer Staatsanwalt Wolf Wimmer die Parole ausgegeben, ›es geht nichts über ein mit griffelspitzerischer Sorgfalt geführtes Homosexuellenregister‹. Paragraph 175 strahlte negativ weit über das Strafrecht hinaus auf die rechtliche und gesellschaftliche Stellung von Homosexuellen. Bis in die 1980er Jahre gab es immer wieder Fälle, in denen Jugendeinrichtungen mit Verweis auf Paragraph 175 untersagt wurde, homosexuelle Emanzipationsgruppen zu Diskussionen einzuladen. Im schwäbischen Aalen wurde beispielsweise 1982 der Stadtjugendpfleger entlassen, weil er dem örtlichen Schwulenverein im Jugendzentrum einen Tagungsraum zur Verfügung gestellt hatte.«

Ein Auftrag

Das war in der alten Bundesrepublik. Überwachung, Polizeirazzien, Rosa Listen. Nun galt auch für die DDR, was vermutlich in jedem anderen demokratischen Land festzustellen war und ist: Verfassung und Rechtsprechung sind das eine – das andere die gesellschaftliche Wirklichkeit. Traditionen, Verhaltensmuster und Gewohnheiten pflanzen sich in den Generationen fort, deren Veränderung dauert meist Jahrzehnte. Das war einer der Gründe, weshalb ich Anfang der achtziger Jahre von meinem Chef, dem Leiter der Hauptabteilung (HA XX), beauftragt wurde, alles über die Lebenswirklichkeit der Homosexuellen in der DDR zusammenzutragen, wie sie sich und die DDR sahen, was sie bedrückte und was die Gründe waren, dass sowohl die Zahl der Ausreiseanträge als auch die der Selbstmorde über dem gesellschaftlichen Durchschnitt lag.

Ich war zu jenem Zeitpunkt Auswertungschef in der HA XX, und unmittelbarer Anlass für diesen ungewöhnlichen Auftrag von Generalmajor Paul Kienberg war die Entwicklung von Friedens- und Umweltgruppen unter dem Dach der Kirche. In diesem Kontext hatten sich auch Gruppen von Homosexuellen dort gefunden, weniger als zweihundert Personen in der ganzen DDR, die vielleicht in einem Dutzend Gruppen zusammenkamen. Offenkundig bestand der Verdacht bei der Führung des MfS, dass sich dort die gleichen Prozesse entwickeln könnten wie in den Umwelt- und Friedenskreisen, woraus sich Gefahren für die innere Sicherheit der DDR ergeben würden. Das war die damalige Lesart, die – wie wir heute wissen – Ausdruck eines übersteigerten Sicherheitsinteresses war und zu haltlosen Verdächtigungen und überzogenen Reaktionen führte.

Ich recherchierte in den mir zugänglichen Informationsquellen. Im wesentlichen allein – denn bis zum Ende des MfS sollte es nicht einen einzigen hauptamtlichen Mitarbeiter geben, der sich ausschließlich mit dieser Problematik beschäftigte. Schwulen und Lesben – ich greife vor – waren kein Thema, das die Sicherheit des Staates DDR tangierte, denn das war meine Schlussfolgerung, die ich auf zwei Seiten niederschrieb. Dort erklärte ich erstens, dass das Bedürfnis der Homosexuellen, sich zu organisieren, Reflex auf ihre als unbefriedigend empfundene Lage in der DDR sei. Wenn darauf nicht politisch reagiert werden würde, könnte perspektivisch ein systemkritisches Potential – wir nannten das im MfS »politische Untergrundtätigkeit« – entstehen. Gegenwärtig jedoch war es das nicht. Zweitens bestünde eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, dieses Thema konstruktiv zu lösen, insofern als – der Überlegung von Marx folgend – zwischen der »vollen und freien Entwicklung jedes Individuums« und der Entwicklung der Gesellschaft, d. h. deren Charakter, ein dialektischer Zusammenhang besteht. Nicht gegen, sondern nur mit und in der Gesellschaft ist Emanzipation des Einzelnen oder von Gruppen möglich. Drittens nannte ich es paradox, dass einerseits die KPD in der Weimarer Republik für die Rechte der Homosexuellen kämpfte, andererseits wir heute alles unternahmen, dass sich die Homosexuellen unter dem Dach der Kirche versammeln mussten, weil wir ihnen dazu keine Möglichkeit boten.

Danach notierte ich auf sechs, sieben Seiten die wesentlichen Forderungen, die in homosexuellen Kreisen erhoben wurden – und wie wir, also die Institutionen der DDR, darauf reagieren sollten. Zu den nach meiner Überzeugung legitimen Forderungen gehörten beispielsweise die Erlaubnis, Kontaktanzeigen in den Printmedien schalten zu dürfen (denn das wurde aus unerfindlichen Gründen von den Zeitungen strikt abgelehnt), die Zulassung von Veranstaltungen (sie fanden zwar statt, aber stets unter falschem Namen; kam es heraus, gab es Ärger). Man wünschte eine Gleichstellung mit den Heteros bei der Anmietung von Wohnungen und bei der Adoption von Kindern sowie die Abschaffung des Paragraphen 151 StGB, der u. a. den Verkehr Erwachsener mit gleichgeschlechtlichen Jugendlichen kriminalisierte.

Auch wurde die Homoehe gewünscht, was aber eigentlich ohne Relevanz war: Die nichteheliche Gemeinschaft war in der DDR der ehelichen Verbindung ohnehin gleichgestellt, und Steuer- und Erbschaftsangelegenheiten spielten keine Rolle. Es wurde ferner gewünscht, dass man in den Gedenkstätten des antifaschistischen Widerstandes als eigenständige Vereinigung an die von den Nazis ermordeten Homosexuellen erinnern durfte. Der Antrag auf Bildung eines Vereins war 1973 vom Innenministerium mit dem Argument abgelehnt worden, dass eine einzige Position – nämlich der Zusammenschluss aufgrund sexueller Präferenzen – keinen hinlänglichen Grund für die Bildung einer Vereinigung darstelle. Für diese Zurückweisung spielte sicherlich auch eine Rolle, dass der Auftritt einer »Homosexuelleninitiative Berlin« bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten im August 1973 als Provokation empfunden und vermutlich als solche auch geplant worden war. Aktivisten teilten per Transparent mit: »Wir Homosexuellen der Hauptstadt grüßen die Teilnehmer der X. Weltfestspiele!« Auch wenn seit Jahren DDR-Wissenschaftler forschten und schrieben, dass Homosexualität weder eine ansteckende Krankheit noch eine »Missbildung« sei und darum »legalisiert« werden müsse, sah die DDR-Führung in diesem Auftritt 1973 eine Ungeheuerlichkeit. Organisierte Homosexuelle? Undenkbar! Außerdem glaubte man, Rücksicht auf die Teilnehmer aus arabischen Staaten nehmen zu müssen, in denen nachweislich ein homophobes Gesellschaftsklima herrschte.

In meiner Zustandsbeschreibung von 1983 machte ich klar, dass es sich alles in allem um akzeptable, vernünftige wie verständliche Wünsche und Forderungen handelte, die Schwule und Lesben in der DDR beschäftigten, auf die eingegangen werden sollte. Ich schrieb also meine Vorschläge auf – wohl wissend, dass sich manches zwar administrativ würde lösen lassen, aber die Entwicklung einer allgemeinen gesellschaftlichen Akzeptanz konnte man nicht auf Weisung besorgen. Das würde dauern. Tradierte Denk- und Verhaltensmuster, Ressentiments und Vorurteile, moralische Vorstellungen und ethische Grundhaltungen waren und sind langlebig. Juristisch und politisch konnte und musste allenfalls der Rahmen gesetzt werden. Doch der war als erster Schritt nötig.

Honecker gibt nach

Generalmajor Kienberg – dessen Vater Jude war, weshalb er das Problem der Ausgrenzung am eigenen Leibe erfahren hatte: Die Nazis sperrten ihn darum in ein Arbeitslager – erhielt meine Notizen mit dem üblichen Anschreiben: »Anbei die Analyse (…) zur Kenntnisnahme und weiteren Veranlassung (…) abgestimmt mit (…)« Kienberg schaute auf meine Analyse und die Vorschläge und sagte, ich solle das auf »ordentliches Papier« schreiben. Damit war mir klar: Er wollte es weitergeben.

Erst später erfuhr ich den weiteren Weg meiner Ausarbeitung. Es war ein klassisches Non-Paper, ohne Briefkopf, ohne Adressat. Kienberg leitete es auch nicht, wie sonst üblich, an die ZAIG, an die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe, weiter, sondern – in Abstimmung mit dem Stellvertretenden Minister Rudi Mittig – außerhalb des offiziellen Dienstweges an einen vertrauten Genossen in der Abteilung Staat und Recht im Zentralkomitee der SED. Dort schien man darauf gewartet zu haben, denn offenkundig brauchte man dort die Bestätigung eigener Überlegungen durch das MfS, um bestimmte Änderungen durchsetzen zu können. Vielleicht war sogar eine solche Untersuchung mit eben dieser Absicht bei Kienberg auf dem »kurzen Dienstweg« bestellt worden. Ich weiß es nicht.

Erich Honecker, dem das Papier vorgelegt wurde, wies es zurück, man möge ihn damit nicht behelligen, soll er gesagt haben. Vermutlich hing das mit der aktuellen Kießling-Affäre zusammen. Der Stellvertretende NATO-Oberbefehlshaber Günter Kießling war in den bundesdeutschen Medien als homosexuell denunziert worden, wochenlang fand eine widerliche öffentliche Debatte statt, was den Bundesverteidigungsminister schließlich veranlasste, den 58jährigen Viersternegeneral in den Ruhestand abzuschieben. Der ganze Vorgang war nicht nur unappetitlich, sondern ein gesellschaftlicher Skandal. Honecker wünschte offenkundig, keine wie auch immer geartete Begleitmusik zu liefern, zumal wir selbst im Glashaus saßen: Wenn ein Angehöriger der bewaffneten Organe – NVA, Innenministerium, MfS – als homosexuell geoutet wurde, entließ man ihn mit der Begründung, dass er erpressbar sei und darum objektiv ein Sicherheitsrisiko darstelle. (Dass ein solches nur deshalb existierte, weil Homosexualität – trotz aller fortschrittlichen Gesetzgebung – unverändert einer unausgesprochenen gesellschaftlichen Ächtung unterlag, wurde dabei nicht erörtert. »Erpressung« konnte doch nur dann erfolgen, wenn man etwas tat, was als illegal galt.)

Nach einiger Zeit legte man Honecker das Papier noch einmal vor und ihm nahe, dass er dazu ja keine öffentliche Erklärung abgeben müsse. Es würde doch genügen, wenn er veranlasste, dass die Handlungsanweisungen »durchgestellt« würden. Und so geschah es – mit überraschenden Reaktionen. Der Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung beschwerte sich, dass er jetzt Kontaktanzeigen veröffentlichen sollte. Leiter von Gedenkstätten empörten sich, dass Homosexuelle Kränze und Gebinde mit eigenen Schleifen niederlegen durften und dergleichen.

Nach und nach erst stellte sich Normalität ein, und auch bei uns im Hause nahm man es locker. Es kursierte ein Spruch, der Minister Erich Mielke zugeschrieben wurde: »Ich habe nichts gegen Homos, es darf aber nicht zur Pflicht werden.« Mein Papier von damals ist heute unauffindbar. Dass es aber existierte, belegt eine 1986 an der Juristischen Hochschule des MfS in Potsdam-Eiche entstandene Diplomarbeit, die sich mit diesem Thema beschäftigte. Darin wurde meine Ausarbeitung als Schlüsseldokument zitiert.

Wüste Unterstellungen

Nach dem Untergang der DDR und in der sofort einsetzenden Denunziation und Kriminalisierung des MfS ploppte auch die vermeintliche Unterdrückung und Verfolgung der Schwulen- und Lesbenbewegung auf. Als am 9. November 1993 der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg – Vorläufer des heutigen RBB – sich in einem Beitrag zu der Behauptung verstieg, die Stasi habe »Rosa Listen« geführt, reagierte ich erstmals öffentlich. Ein Mitarbeiter der damaligen Gauck-Behörde trat als Kronzeuge auf, und dessen Intention war zweifelsfrei erkennbar: Er wollte, dass den Homosexuellen der DDR der Opferstatus zuerkannt werden sollte.

Ich erklärte in einem Schreiben an den Sender (welches im übrigen unbeantwortet blieb), dass keine Schwulen- oder Lesbengruppe vom MfS der DDR-Opposition zugerechnet worden war, niemand sei aufgrund der Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppierung strafrechtlichen Maßnahmen ausgesetzt gewesen. Und eine flächendeckende Überwachung, wie der BStU-Beamte im Film behauptet hatte, sei bei geschätzten 300.000 bis 500.000 Schwulen und Lesben in der DDR – sofern man dies gewollt hätte – nicht nur unmöglich, sondern auch absurd gewesen: Nicht jeder Homosexuelle bekannte sich öffentlich zu seinen Neigungen. Warum auch?

Besonders empörte mich jedoch die Unterstellung, dass das MfS »Rosa Listen« geführt habe. Das war eine unverschämte, aber absichtsvolle Lüge. Damit wurde die DDR mit dem Nazireich gleichgesetzt, denn die Faschisten führten bekanntlich solche Listen (und wie später publik wurde auch die BRD). Für das MfS konnte und kann ich definitiv ausschließen, dass es solche Listen gab. Selbst in der Ernstfallplanung, die bei Bekanntwerden allenthalben für Empörung sorgte, weil diese im Krisen- und Kriegsfall Internierungslager vorsah, existierten keine namentlichen Listen für Homosexuelle. Eine solche Kategorie gab es einfach nicht. (Und nebenbei: Die in der Bundesrepublik Ende der sechziger Jahre beschlossenen Notstandsgesetze, die die bürgerlichen Grundrechte einschränken, sind unverändert gültig.)

In den 90er Jahren legten mir »Opfer« Kopien diverser MfS-Dokumente aus der BStU vor. Eine »Rosa Liste« war nicht darunter. Sie wurde auch nie öffentlich präsentiert. Was Wunder: Weil es sie nicht gab. Es ist wie mit dem Schießbefehl: Niemand hat ihn gesehen, aber seine Existenz wird fortgesetzt behauptet.

Die These von den »Rosa Listen«, in denen angeblich »mehr als 4.000 homosexuelle Männer und Frauen« geführt wurden, setzte der Magdeburger Theologe Eduard Stapel in die Welt. Er hatte im Auftrag des Berliner Senats eine 70seitige Expertise über die Verfolgung von Schwulen in der DDR erstellt und war darin auf »insgesamt 13 Opfergruppen« gekommen. »Die Bandbreite der Verfolgung reichte von Berufsverboten bis zur Einweisung in psychiatrische Kliniken«, teilte er darin mit. »Anhand dieser Listen wurden vor allem Schwule systematisch schikaniert, kriminalisiert und für krank erklärt.« Das Nachrichtenmagazin Focus zitierte daraus am 5. April 1993: »Als Schwulenmekka galt Berlin, vor allem der Bezirk Prenzlauer Berg. In einem von der Stasi erstellten speziellen Stadtplan wurden Wohnungen, Szenekneipen, öffentliche Toi­letten und ›Manipulationsorte‹ verzeichnet. ›In elf Straßen im Altbaugebiet zwischen Schönhauser Allee und Greifswalder Straße wohnen in 225 Wohnungen 281 Homosexuelle.‹«

Zu diesem Sachverhalt befragte mich auch Ei ke Stedefeldt, das Gespräch erschien in Konkret 7/94: »Es hat auf örtlicher Ebene bei der Polizei solche Aufstellungen gegeben im Zusammenhang mit bestimmten Vorkommnissen, die aber auch im Rahmen der Volkspolizei wohl nicht zentral angewiesen waren oder überall geführt wurden. Im MfS selbst – ich spreche hier von der Zentrale – hat es solche Karteien oder Listen nicht gegeben«, erklärte ich damals und bekräftige es hier.

Wolfgang Schmidt, Oberstleutnant a. D. , Diplom­kriminalist, war Angehöriger des Ministerium für Staatssicherheit (MfS) von 1966 bis 1989, zuletzt als Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe (AKG) der Hauptabteilung XX. 1992 gehörte er zu den Mitbegründern des Insiderkomitees zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS, deren Homepage er bis heute verantwortet (https://www.mfs-insider.de). Am 24. Oktober begeht er seinen 80. Geburtstag.

Stefan Spector: Mit der Stasi ins Bett. Die kurze Karriere eines Romeos. Edition Ost, Berlin 2019, 224 Seiten, 16,99 Euro

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