Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 21.10.2019, Seite 11 / Feuilleton
F. W. Bernstein

Noch fünf Tage bis zum Bernstein-Jahr. An der Biegung des Flurs

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»Unbekannte Meisterwerke«: Regale mit Bernsteins Skizzenbüchern

Als der Zeichner und Dichter F. W. Bernstein Ende 2018 starb, hinterließ er 506 Skizzen- und Notizbücher. Sie stehen, chronologisch geordnet, an einer Biegung des Flurs der Wohnung in Berlin, die seit 1985 sein Zuhause war. Daneben hängen Werkzeuge an der Wand. Handwerkliche Fertigkeiten sind eine notwendige Bedingung für die Produktion von Kunst, und so hielt Bernstein sich beinahe täglich in Form. Er zeichnete, wenn er Zeichenkurse gab, beim Spazierengehen eine Baustelle entdeckte oder in der Kneipe ein lustiges Bild in der Zeitung. Seine Skizzenbücher bergen ein zweites Werk neben dem bislang publizierten, jW wird daraus ab kommenden Sonnabend ein Jahr lang in jeder Ausgabe ein Blatt erstveröffentlichen.

Apropos unbekannte Meisterwerke: Wer von den massiven Holzregalen steht, die bald nach dem Einzug wegen der Unebenheiten des knarzenden Dielenbodens an der Wand befestigt wurden, und in die Küche blickt, sieht dort eines an der Wand hängen. Es stammt von einem Freund Bernsteins, dem Bildhauer, Grafiker und verdienten Häuserkämpfer Henner Drescher. In einer hölzernen Kohlenkiepe sind da nach Art eines Setzkastens Pflastersteine positioniert, die der Künstler »Bullensteine« nannte und mit neckischen Keramikhenkeln versehen ließ.

Wo in Berlin die Wohnung ist, hat Bernstein im Sammelband »Best of Öde Orte« (2005) verraten:

»Ja, ich geb’s zu: Ich wohne in Steglitz.

Ich hab’s zur U-Bahn nicht weit;

ich hab’s zur S-Bahn nicht weit,

und die Bushaltestelle ist nah.

Mir reicht das.«

(jW)

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