Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.10.2019, Seite 16 / Sport
Sonstiges

Kreaturen der Qual

Hitze, Doping, Sklaverei und Eiscreme: Einige Neuigkeiten aus der bunten Welt des Sports
Von Franz Hruby
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Aber wenn es Auffälligkeiten gäbe ... – Jan Frodeno

Tokio ist nicht nur eng, sondern auch heiß. Bürger dieser Stadt vermeiden im Sommer längere Spaziergänge, weil es zwischen dichtgepackten Häuserschluchten bei 35 Grad nicht viel zu sehen, eher zu schwitzen und zu leiden gibt. Man verschanzt sich im klimatisierten Büro und traut sich nur nachts auf die Bürgersteige. Was für normale Menschen gilt, gilt nicht für Sportler – sie sind programmatisch Kreaturen der Qual und der Selbstkasteiung. Besonders eindrücklich ließ sich dies im September bei der Leichtathletik-WM im Wüstenstaat Katar beobachten: Läuferinnen im Rollstuhl, mit Infusionen im Arm oder einfach nur völlig erschöpft auf der Straße kauernd. Die US-Amerikanerin Roberta Groner, sechstbeste Zeit im Marathon, bezeichnete die Tortur als »brutalste Erfahrung« ihres Lebens. Unter Tränen grüßte sie vor der Kamera ihre Söhne, denen sie zeigen wollte, dass mit harter Arbeit alles möglich sei.

Ein Szenario, das sich bei den Sommerspielen 2020 in Tokio nicht wiederholen soll. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) plant wegen der befürchteten Hitze, mehrere Ausdauerwettbewerbe der Leichtathletik ins über 800 Kilometer entfernte Sapporo zu verlegen. Dort ist es in der Regel fünf bis sechs Grad kühler. »Die Gesundheit und das Wohlbefinden der Athleten stehen immer im Mittelpunkt unseres Interesses«, erklärte IOC-Präsident Thomas Bach: »Die neuen weitreichenden Vorschläge, die Marathon- und Geher-Wettbewerbe zu verlegen, zeigen, wie ernst wir die Sorgen nehmen.«

Einige Skepsis gegenüber den immensen Ausdauerleistungen im Spitzensport äußerte im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom Donnerstag Dan Lorang, Trainer der deutschen Ironman-Weltmeister Anne Haug und Jan Frodeno sowie des Radsport-Hoffnungsträgers Emanuel Buchmann. Doping bleibt ein großes Thema in Milieus, wo der Übermensch noch etwas gilt. Wer beispielsweise 3,86 Kilometer schwimmen, danach 180,2 Kilometer radfahren und schließlich noch 42,195 Kilometer laufen soll, muss zuvor unbedingt mit dem Rauchen aufhören. Entzug ist im Spitzensport gestattet, die Abhängigkeit von bestimmten Substanzen fällt unter Betrug und Verrat. »Ich vertraue meinen Athleten absolut – aber wenn es Auffälligkeiten gäbe, würde ich entsprechend handeln«, betonte Lorang und führte aus: »Ich würde sogar soweit gehen, dass ich den Sportler verklagen würde«, so Lorang, dessen Schützlinge sich am vergangenen Wochenende auf Hawaii die Titel bei der Ironman-WM gesichert hatten.

Wenn man nun überlegt, ob die Qualen eines Ironman-Wettkampfs überhaupt noch zu steigern wären, landet man wieder in Katar, wo für Arbeitsmigranten bei aller Schufterei so gut wie nichts möglich ist. In dem Land herrscht Apartheid – während gebürtige Katarer und hochqualifizierte Europäer die hervorragend bezahlten Staatsjobs innehaben, werden Nepalesen, Pakistaner und Inder unter katastrophalen Bedingungen ausgebeutet. Auf 230.000 Einheimische kommen rund 1,6 Millionen praktisch versklavte Gastarbeiter. Umstände, von denen etwa der Essener Baukonzern Hochtief stillschweigend profitiert. Allerdings wird ein stetiger Druck auf das Emirat ausgeübt, und weil sich die Monarchie das Sportgroßereignis nicht nehmen lassen will, wurden nun doch Gesetze zur »Verbesserung der Arbeitsbedingungen« auf den Weg gebracht. Neben »Verbesserungen im Bereich des Mindestlohns« und beim »Wechsel des Arbeitsplatzes« sei auch ein »Gesetzentwurf zur Abschaffung von Ausreisegenehmigungen« in Arbeit, versicherte Arbeitsminister Jusuf Mohammed Al-Othman Fakhro laut Mitteilung der französischen Nachrichtenagentur AFP vom Donnerstag. Zu den Themen Krankenversicherung, Arbeitsschutz oder menschenwürdige Unterbringung hält sich das Scheichtum weiterhin bedeckt.

Derweil hat der FC St. Pauli mit dem Speiseeishersteller Ben and Jerry’s die Sorte »Melting Pott« auf den Weg gebracht, mit deren Konsum man vorgeblich Initiativen für Solidarität, Gleichstellung und Vielfalt unterstützt. Das klingt dann so: »Alle zusammen für eine Gesellschaft, in der kein Mensch illegal und jede Sorte willkommen ist. Ein Melting Pott eben. Wir von Ben and Jerry’s und dem FC St Pauli glauben an eine bessere, buntere Welt.« Ben and Jerry’s gehört seit dem Jahr 2000 zu Unilever. Dieser Konzern steht unter anderem wegen Kartellbildung in Europa, Urwaldrodung in Côte d’Ivoire, Quecksilberverseuchung in Indien sowie Ausbeutung von Landarbeitern in ganz Afrika in der Kritik.

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