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Aus: Ausgabe vom 18.10.2019, Seite 12 / Thema
Reichstagsbrand

Schweigen an der Ericusspitze

Das »Deutsche Nachrichtenmagazin« bockt. Seit genau zwölf Wochen gibt der Spiegel keinen Laut über die Katastrophe, die am 26. Juli über ihn hereinbrach
Von Otto Köhler
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Dunkle Wolken überm Spiegel-Palast in Hamburg. Das Nachrichtenmagazin hat in der Causa Reichstagsbrand offenbar nichts mehr zu sagen

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) brachte es zuerst, und die Deutsche Presseagentur meldete es am 26. Juli 2019 um 12.24 Uhr in alle Welt: »Auf eine Beteiligung der Nationalsozialisten am Reichstagsbrand von 1933 deutet eine neu aufgetauchte eidesstattliche Versicherung eines SA-Mannes hin. Laut dem Dokument aus den Archiven des Amtsgerichts Hannover, aus dem das ›Redaktionsnetzwerk Deutschland‹ zitiert, sagte der ehemalige SA-Mann, er habe den später als Brandstifter zum Tode verurteilten Niederländer Marinus van der Lubbe mit einem Auto zum Reichstag gefahren. Bei der Ankunft dort sei ihm und seinen Kollegen aufgefallen, ›dass ein eigenartiger Brandgeruch herrschte und dass auch schwache Rauchschwaden durch die Zimmer hindurchzogen‹.«

Der Unterzeichner der eidesstattlichen Erklärung, Hans-Martin Lennings, hatte Kontakte zur NSDAP-Führung, sich aber seit 1934 von den Nazis abgewandt. Der Notar Paul Siegel hatte die Erklärung 1955 beurkundet und unter der Nummer 510 in die amtliche Urkundenrolle gelegt. Lennings ging ins Ausland. Seine Aussage schlummerte bis heute im Aktenkeller.

Das war für den Spiegel schon schlimm genug: Er hatte 1959 eine Serie über den Reichstagsbrand veröffentlicht, die vom Amateurhistoriker Fritz Tobias, der sich vor 1945 bei der Geheimen Feldpolizei und danach beim niedersächsischen Verfassungsschutz betätigt hatte, verfasst worden war. In der Spiegel-Redaktion wurde die Serie von Paul Karl Schmidt bearbeitet, zuvor Pressechef von Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop, SS-Obersturmbannführer und tätiger Antisemit, später persönlicher Sicherheitsbeauftragter von Axel Springer. Rudolf Augstein verkündete das Dogma: »Über den Reichstagsbrand wird nach dieser Spiegel-Serie nicht mehr gestritten werden. Es bleibt nicht der Schatten eines Beleges, um den Glauben an die Mittäterschaft der Naziführer lebendig zu erhalten.«

Der Schatten liegt jetzt über dem Spiegel-Palast an der Ericusspitze. Und könnte von dort nicht mehr weichen. Denn Reichstagsbrandforscher Hersch Fischler hat im Nachlass des Spiegel-Autors Fritz Tobias eine Kopie von Lennings eidesstattlicher Erklärung gefunden. Tobias hatte das Papier, das seine Spiegel-Serie und sein anschließendes Buch über den Reichstagsbrand widerlegt, unterschlagen. Er hätte sich in dem Nachrichtenmagazin oder in der einzigen Neuauflage seines Buches, die in seinem Todesjahr in Tübingen bei Grabert, dem Verlag der Holocaustleugner, erschien, damit auseinandersetzen können. Er tat es nicht, ja es ist nicht einmal sicher, ob er den Spiegel von der Existenz des Lennings-Papiers unterrichtet hat – das ist schwer vorstellbar, aber nicht völlig ausgeschlossen.

Aber der Spiegel schweigt. Und schweigt. Und schweigt. Wenn er doch wenigstens sagen könnte, dass Tobias ihn nicht über Lennings’ Papier informiert hat. Seine Redakteure hören nichts, sagen nichts, sie halten den Mund in diesem Affenkäfig des an Schwindsucht leidenden Spiegel. Oder ist es Schockstarre? Gibt es eine Geheimklausel in Augsteins für die Mitarbeiter so lukrativem Beteiligungsvertrag? Wird er obsolet, falls auch nur der kleinste Spiegel-Redakteur aufmuckt? Und so gegen Augsteins Dogma von der Unschuld der Nazis verstößt? Was soll da ein Angestellter des Hauses machen, der verarmt, wenn er gegen das Dogma aufsteht?

Als ich den damaligen Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer vor zwei Jahren auf einer Podiumsdiskussion nach dem Spiegel und dem Reichstagsbrand fragte, tat er so, als wisse er von nichts. Aber er wollte zurückrufen. Tat er nicht. Schweigen, Schweigen, Schweigen.

Da ist die Bundesregierung ein bisschen schneller, muss sie aber auch sein – sie ist gesetzlich dazu verpflichtet. Ulla Jelpke stellte für Die Linke die parlamentarische Anfrage: »Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der eidesstattlichen Versicherung von Hans-Martin Lennings, und gedenkt sie diese zukünftig in öffentlichen Äußerungen von Regierungsmitgliedern bezüglich des Reichstagsbrandes zu berücksichtigen?«

Die Antwort aus dem Innenministerium war schlicht und kam schnell: »Die eidesstattliche Versicherung Martin Lennings ist eine historische Quelle, die nach fachwissenschaftlichen Standards zu überprüfen, in Beziehung zu anderen Quellen zu setzen und in ihrer Aussagekraft zu analysieren ist. Die Bundesregierung wird dieser Überprüfung durch die Fachwissenschaft nicht vorgreifen.« Das ist löblich – aber das wird dauern, davon gleich.

Nächste Frage von Ulla Jelpke: »Welche von der Bundesregierung zu verantwortenden, beauftragten oder geförderten Veröffentlichungen (auch online) u. a. der Bundeszentrale für politische Bildung sowie Ausstellungen, die sich auch mit den Hintergründen des Reichstagsbrandes beschäftigen, gab es in den letzten zehn Jahren, bzw. welche sind immer noch erhältlich oder werden weiterhin gezeigt? Welche Ansichten bezüglich der Täterschaft beim Reichstagsbrand werden dort jeweils vertreten?«

Da gab es neben einigen Bildunterschriften in Museen und ähnlichem nur zwei Hauptveröffentlichungen. Zuallererst, so das Bundesinnenministerium: »In dem 2016 in der ›Schriftenreihe‹ der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) erschienenen Buch von Michael S. Cullen ›Der Reichstag. Symbol deutscher Geschichte‹ nimmt dieser eine abwägende Perspektive ein und verweist auf die zwei in der Geschichtswissenschaft favorisierten Varianten der Täterschaft, die angesichts einer Vielzahl von Dokumenten, darunter erkennbar interessegeleitete Verlautbarungen, schwer zu beurteilen seien.«

Flachmann-Perspektive

In diesem Buch der abwägenden Perspektive lesen wir auf Seite 127, es sei sehr schwierig, sich in dem Dickicht von Argumenten zurechtzufinden, weil über Jahrzehnte hinweg weniger mit Sachargumenten »als vielmehr mit Diffamierungen« gearbeitet worden sei. Dagegen habe »der Journalist Sven Felix Kellerhoff in seinem Buch über den Reichstagsbrand überzeugend dargelegt, dass an der alleinigen Täterschaft Marinus van der Lubbes nicht zu zweifeln ist«. Dennoch gebe es immer noch »viele Menschen«, die die These verträten, dass es »die Nazis gewesen seien«. Wieso denn das? Erklären lasse sich »diese Einstellung« sicherlich durch »die symbolische Überhöhung des Reichstagsbrandes in der Gründungsmythologie der DDR«, ein Mythos also, der bis ins Exil reicht. »Aber der Historiker muss sich nun einmal an die Fakten halten.« Die Kommunisten aber hätten anstelle von Beweisen nur Becher- und Brecht-Gedichte vorzuweisen, aus denen er – fairerweise – zitiert, etwa:

»In dem Haus, wo die Verschwörung

Unbedingt hindurchgemusst,

Wohnte ein gewisser Göring,

Der von allem nichts gewusst.«

Lyrik statt Wissenschaft – das kann, müssen wir mit dem Fachmann Cullen einsehen, nicht reichen gegen Kellerhoffs überzeugende Darlegung. Außerdem habe der schwedische Brandsachverständige Ragnar Götherström Anfang März 1933 »zu Protokoll« gegeben, »das Gebäude hätte mit dem Inhalt eines Flachmanns in Brand gesteckt werden können«. Cullen bedauert, dass dieser »Experte« damals nicht vernommen wurde. Da wäre wohl das Todesurteil gegen van der Lubbe noch überzeugender ausgefallen.

Von dieser abwägenden Flachmann-Perspektive nun zu Kellerhoff. Das Bundesinnenministerium gibt bekannt: »In der 2012 erschienenen Ausgabe der Informationen zur politischen Bildung zum Thema ›Nationalsozialismus: Aufstieg und Herrschaft‹ findet sich ein Auszug aus dem 2008 erschienenen Buch von Sven Felix Kellerhof, ›Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalls‹, in dem dieser von der alleinigen Täterschaft van der Lubbes ausgeht.«

Zunächst: Der Haupttext, der durch den Kellerhoff-Auszug kontaminiert wird, stammt von dem seriösen Historiker Michael Wildt. Damit könnte der Eindruck entstehen, der Kellerhoff-Text erläutere, was Wildt in seinem Hauptwerk »Die Generation des Unbedingten« über den Reichstagsbrand schreibt: Der »Hauptvernehmer des Tatverdächtigen Marinus van der Lubbe«, Walter Zirpins, habe dessen Aussagen bewusst gefälscht, »um die Alleintäterschaft zu erhärten«.

Kellerhoff, wenn man ihn, wie das wohl das Innenministerium tut, als Fachhistoriker betrachten will, war der erste und bisher wohl einzige, der in dem ihm stets zur Verfügung stehenden Deutschlandfunk sein Fachurteil über das Lennings-Protokoll abgab: »Ich fürchte, die Kollegen von der Hannoverschen Zeitung haben sich da einen großen Bären aufbinden lassen.«

»Windige Experten«

Statt mit »windigen Experten« zu sprechen, hätten sie sich besser selbst ins Bundesarchiv begeben und dort die Ermittlungsakten einsehen sollen. »Wer die Akten kennt, weiß, dass diese Darstellung des Herrn Lennings nicht sein kann.« Der Tagesablauf von Marinus van der Lubbe sei genau bekannt.

Und von wem stammen diese amtlichen Ermittlungsakten über den genauen Tagesablauf, gegen die das Lennings-Papier verstößt? Richtig, von dem oben bei Wildt erwähnten Fälscher Walter Zirpins. »Zirpins war eine zwielichtige Gestalt«, sagte in der HAZ Sven Kohrs, Vizechef der kriminologischen Forschungsabteilung im Landeskriminalamt, die derzeit die Geschichte der eigenen Behörde erforscht. Kohrs hält es für wahrscheinlich, dass Zirpins die Ermittlungsergebnisse zum Reichstagsbrand stark zurechtgebogen hat: »Wir können möglicherweise nachweisen, dass er da nicht die Wahrheit gesagt hat – wie woanders auch.«

Zirpins, an dessen Wahrheitsliebe beim Verhör van der Lubbes Kellerhoff fest glaubt, wurde SS-Sturmbannführer, war im Krieg Leiter der Kriminalpolizei im Ghetto Litzmannstadt (dem besetzten Lodz), übernahm entsprechende Sonderschulungen im Reichssicherheitshauptamt und wechselte, nachdem er Ermittlungen wegen Goldraubs an den Juden irgendwie überstanden hatte, dank des Grundgesetzartikels 131 an die Spitze des Landeskriminalamtes Niedersachsen. Er schrieb auch für den Spiegel und war Fritz Tobias bei der Abfassung der Reichstagsbrandserie eine bedeutende Hilfe.

Eines erwähnt das Bundesinnenministerium in seiner Antwort auf Jelpkes Anfrage allerdings nicht. Einen einfühlsamen Jubiläumsartikel zur 75. Wiederkehr des Jahrestags des Reichstagsbrandes in der Zeitung Das Parlament, die von der Bundeszentrale für politische Bildung mitherausgegeben wird: »Friedlich saßen sie beisammen, scherzten, palaverten und lauschten klassischer Musik. In Goebbels’ Charlottenburger Privatwohnung herrschte am Abend des 27. Februar 1933 ausgelassene Stimmung. Hitler war zu Gast, und man amüsierte sich prächtig. Bis gegen halb zehn das Telefon klingelte. Joseph Goebbels nahm den Hörer ab und wollte partout nicht glauben, was ihm der NS-Auslandspressechef zu berichten hatte. ›Der Reichstag brennt!‹ schrie Ernst Hanfstaengl durch die Leitung. ›Hanfstaengl, soll das ein Witz sein?‹ erwiderte der Berliner Gauleiter erstaunt und verbuchte den Augenzeugenbericht seines Parteigenossen zunächst als ›Phantasiemeldung‹, bevor er sich mit Hitler alsbald vom Gegenteil überzeugen konnte. Denn die Nachricht war weder ein Scherz, noch entsprang sie krankhafter Einbildung.«

Die Wochenzeitung des Deutschen Bundestages übernahm damit die Darstellung, wie sie der Volksaufklärungs- und Propagandaminister in seinem Tagebuch gegeben hatte. Und wie sie von Fritz Tobias in dessen Buch von 1962 (»Der Reichstagsbrand«) verbreitet und später – seit 2008 – von seinem gläubigen Epigonen Sven Felix Kellerhoff (»Der Reichstagsbrand. Die Karriere eines Kriminalfalles«) wiedergekäut wurde. Beide berufen sich dabei nicht nur auf das Zeugnis des Dr. Goebbels. Sie haben – so arbeitet Wissenschaft – noch einen zweiten Zeugen, den erwähnten Ernst Hanfstaengl, der die Darstellung von den überraschten Naziführern in seinen Memoiren (»Unheard Witness« 1957, deutsch 1970) zunächst zu bestätigen scheint. So wie hier beschrieben, wird es in vier verschiedenen Auflagen des Hanfstaengl-Buches auf einer linken Seite dargestellt. Schweift der Blick aber – das darf er im Interesse einer korrekten Wahrheitsfindung nicht – auf die gegenüberliegende rechte Seite, dann sieht er – aber das muss nicht sein –, was Hanfstaengl später aufging: »Mir wurde allmählich klar, dass Goebbels, als wir am Abend des Reichstagsbrandes miteinander telefoniert hatten, Theater gespielt hatte.« Dem Volksaufklärungsminister sei es darum gegangen, »für sich und Hitler ein Alibi« zu schaffen. Hanfstaengl weiter: »In der letzten Zeit hat man wiederholt versucht, indem man meine Äußerungen verstümmelt wiedergab, mich als Zeugen der Überraschung Hitlers und Goebbels’ zu zitieren. Ich habe den Betreffenden meine Meinung gesagt, leider sind sie in ihren Publikationen nicht darauf eingegangen.«

Unerforschliches ohne Nutzen

Diese für die erwünschte Antwort auf die Frage nach den Tätern unentbehrliche Verstümmelung – wir dürfen sie auch ganz einfach Fälschung nennen – gelangte so über Tobias und Kellerhoff nicht nur bis ins Parlament. Auch viele Fachhistoriker, denen das Bundesinnenministerium nicht vorgreifen möchte, haben es bei Tobias abgeschrieben und damit ihre Theorie vom Einzeltäter van der Lubbe bewiesen.

Als der Jubiläumsartikel im Parlament erschien, schrieb ich dem damaligen Bundestagspräsidenten Professor Norbert Lammert. Er hatte in einer eindringlichen Rede vor dem Deutschen Bundestag daran erinnert, dass infolge des Reichstagsbrands mindestens 416 Mandatsträger von der Justiz verurteilt und von SA oder SS inhaftiert worden waren, wobei mindestens 73 während dieser Haft ums Leben kamen. Lammert antwortete auf meine Beschwerde mit dem korrekten Hinweis auf seine Nichtzuständigkeit in redaktionellen Angelegenheiten der Wochenzeitung. Und verwies mich in der Täterfrage – wer hat den Reichstag angezündet – auf eine sachdienliche, in ihr Gegenteil verkürzte Goethe-Maxime, wonach »alles Unerforschliche keinen praktischen Nutzen« habe.

Ich war an den Falschen geraten. Denn Lammert wusste aus nahezu erster Hand genau Bescheid, wer den Reichstag angezündet hatte. Seine Quelle: der Welt-Redakteur Sven Felix Kellerhoff. Zum Erscheinen von dessen Buch hatte Lammert die Vorstellung übernommen. Und schrieb auch noch in Kellerhoffs Welt ausdrücklich in seiner Eigenschaft als Bundestagspräsident eine Jubelkritik und stellte amtlich fest: »Erst der Amateurhistoriker Fritz Tobias kratzte am damaligen Konsens. Er las die Akten genau, recherchierte, rekonstruierte Abläufe und kam zum Ergebnis, dass die Brandstiftung des Reichstages kein Komplott der Nationalsozialisten gewesen ist, sondern die Tat eines einzelnen. Marinus van der Lubbe sagte die Wahrheit, als er während des Prozesses gestand: ›Zu der Frage, ob ich die Tat allein ausgeführt habe, erkläre ich, dass dies der Fall gewesen ist. Es hat mir niemand bei der Tat geholfen.‹«

»Die Wahrheit«: Manche Historiker gehen davon aus, dass Marinus van der Lubbe während der Reichsgerichtsverhandlung unter Drogen stand, die ihm ins Essen gemischt wurden. Die verkünden damit die Unwahrheit? Fälschen womöglich, wie Lammerts Gewährsleute Tobias und Kellerhoff immer wieder behaupten?

Was ist mit den Historikern los?

Lammert stellte seine Hudelei auch noch auf seine Website als Bundestagspräsident und fuhr so unter dem Bundesadler fort: »Tobias’ Ausführungen waren eine Sensation – und wurden auf das heftigste angefeindet, insbesondere auch von renommierten Historikern, die sich in ihrem Urteilsvermögen herausgefordert fühlten. Man warf ihm vor, er wolle Hitler und die Nationalsozialisten ›reinwaschen‹. Der Streit währte Jahrzehnte und schlug abenteuerliche Kapriolen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung war lange geprägt von Voreingenommenheit. Diffamierung trat an die Stelle methodisch sauberer Geschichtswissenschaft. Sogar mit gefälschten Dokumenten sollte die These vom perfiden Brandstiftungscoup der Nationalsozialisten aufrechterhalten werden, so dass der Politikwissenschaftler Peter Haungs 1987 ebenso ungläubig wie genervt fragte: ›Was ist mit den deutschen Historikern los? Oder: Ist Quellenfälschung ein Kavaliersdelikt?‹ Heute wird von den Historikern an der Alleintäterschaft van der Lubbes kaum mehr gezweifelt. Für Hans Mommsen besteht ›der eigentlich und bis heute noch immer nicht hinreichend wahrgenommene Skandal im Versagen der Fachwissenschaft in Deutschland‹.«

So also steht es auf der Website des ehemaligen Präsidenten des Deutschen Bundestages geschrieben. Professor Lammert hat das alles, einschließlich der Zitate von Haungs und Mommsen, als eigene Weisheit sorgfältig aus der Kellerhoff-Broschüre als eigene Meinung abgeschrieben. Nur bei der Beschreibung des Seelenzustandes von Peter Haungs hat der uneigennützige Plagiator Lammert dem von Kellerhoff benutzten Eigenschaftswort »ungläubig« etwas eigenwillig noch das Wort »genervt« hinzugefügt.

Aber das Bundesinnenministerium will, so bescheidet es die Anfrage von Ulla Jelpke, der Fachwissenschaft nicht vorgreifen. Gut so. Aber man soll auch nicht in Wort und Tat Schriften von Fälschern fördern, die mit Wissenschaft soviel zu tun haben wie Kujaus tolle Hitler-Tagebücher und ihre Stern-Edition.

Der Spiegel schweigt. Immer noch. Die Relotius-Affäre der erfundenen Reportagen hat er im vorigen Jahr gerade noch mit einer Titelgeschichte bewältigt, die den Anschein ehrlichen Bedauerns erweckte: ein junger Reporter, der ausflippte. Doch jetzt steht alles auf dem Spiel. Mit der Mär von der Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand sind der tote Augstein und der dahinsiechende Spiegel so unerschütterlich verbunden, dass seine Redakteure nur noch ihren Mund halten können.

Wenn aber doch das mit Riesenlettern im Foyer aufgehängte Augstein-Motto »Sagen, was ist!« wieder gelten soll, dann bleibt nur eines: an der Ericusspitze, dort, wo heute der Spiegel wie ein umweltschädlicher Luxusdampfer festsitzt, die weiße Fahne der bedingungslosen Kapitulation zu hissen.

Otto Köhler war von 1966 bis 1972 der Medienkolumnist des Spiegel.

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