Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 18.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Aber ohne Angst

Zum Tod der TV-Regisseurin Christa Mühl
Von F.-B. Habel

»Meine Filme sollen auch Mut machen, das Bewusstsein schärfen für die enormen Chancen, die Frauen in dieser Gesellschaft haben«, sagte Regisseurin Christa Mühl, als die Illustrierte Für dich sie zum 40. Geburtstag porträtierte. Die in Halle aufgewachsene Tochter eines Elektrikers wurde zunächst Chemiefacharbeiterin in Buna, wirkte beim Arbeitertheater und studierte an der Babelsberger Filmhochschule Regie. Mit 25 heiratete sie den Brecht-Forscher Werner Hecht, eine jahrzehntelange Lebens- und Arbeitspartnerschaft entstand. Ihr erstes gemeinsames Projekt war das Dokumentarspiel »Ein Feigenblatt für Kuhle Wampe« (1975) zur Geschichte der Zensur des Klassikers »Kuhle Wampe« (1931/32). Der folgende Film »Tod und Auferstehung des Wilhelm Hausmann« (1977) nach einer Kalendergeschichte von Brecht hat bis heute Aktualität: In der Weltwirtschaftskrise nimmt eine Frau aus sozialer Not die Rolle ihres verstorbenen Mannes und dessen Arbeit an. Ursula Karusseit und Walfriede Schmitt übernahmen die Hauptrollen, Mühl sollte immer wieder mit ihnen zusammenarbeiten. Nach dem Brecht-Stoff »Die Rache des Kapitäns Mitchell« (1979) über ein Kreuzfahrtunglück folgten noch zwei Literaturadaptionen nach Theodor Fontane und Anna Seghers, aber Mühl wandte sich jetzt stärker Gegenwartsstoffen zu, wobei sie vorrangig Frauen in den Mittelpunkt rückte. Ihre Filme »Generalprobe« (1982), »Paulines zweites Leben« (1984) und »Weihnachtsgeschichten« (1986) zeigen, dass in der DDR nicht konflikt-, aber in sozialer Hinsicht angstfrei gelebt werden konnte. Nach dem Anschluss lieferte Christa Mühl gediegene Serienarbeit, hob mit Peter Kahane die Krimireihe um »Stubbe« (Wolfgang Stumph) aus der Taufe, holte Walfriede Schmitt zur »Schwester Stefanie« und Annemone Haase auf die »Wege zum Glück«. Am Montag ist sie in Berlin nach kurzer, schwerer Krankheit mit 72 Jahren gestorben, wie jW von der Familie erfuhr.

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