Gegründet 1947 Donnerstag, 14. November 2019, Nr. 265
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 16.10.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

»Es tut wahnsinnig weh«

Die Lage des SV Darmstadt 98 ist ernst
Von Rouven Ahl
SV_Sandhausen_Darmst_62498209.jpg
Der Trend ist kein Freund, aber noch unterstützt man sich: Torwart Florian Stritzel (r.) hilft Immanuel Höhn auf die Beine

So fühlt sich also ein Sieg an, hat vielleicht mancher Spieler des SV Darmstadt 98 gedacht, als der Schlusspfiff im Testspiel gegen Drittligist Würzburger Kickers ertönte. 2:0 hieß es am Ende für die Lilien. Und manch einer der Akteure im blauen Dress dürfte es tatsächlich vergessen haben, das Gefühl eines Erfolgserlebnisses.

Denn mittlerweile wartet Darmstadt in der Zweiten Liga seit sieben Spielen auf drei Punkte. Den letzten und bislang einzigen Sieg gab es Anfang August beim 2:0 gegen Holstein Kiel. Damit stehen die Südhessen nach neun absolvierten Begegnungen auf dem vorletzten Tabellenplatz. Die Alarmglocken fangen an zu schrillen. Ein bekanntes Geräusch – auch in den letzten beiden Jahren kam der Verein einem Abstieg in die Dritte Liga phasenweise bedenklich nahe. Doch letztlich gelang immer wieder die souveräne Rettung. Geholfen haben dabei diverse Personalrochaden, etwa Trainerwechsel.

Trainer Dimitrios Grammozis, der in der letzten Spielzeit für Dirk Schuster übernahm, sitzt aber weiterhin fest auf der Trainerbank. Der sportliche Leiter Carsten Wehlmann ist weiterhin überzeugt von den Fähigkeiten des 41jährigen, sieht einen klaren Spielplan. Zu einer Entwicklung gehören seiner Meinung nach eben »auch mal Geduld und die Kraft, Rückschläge wegzustecken«, so Wehlmann gegenüber der vereinseigenen Homepage. Dennoch sei »die Punktausbeute nicht zufriedenstellend«.

Die Aussagen von Verantwortlichen und Spielern suggerieren, dass es sich bei der momentanen Situation vor allem um eine Ergebniskrise handelt. Die Richtung stimme, nur die Belohnung in Form von Toren, und damit zwangsläufig Punkten, fehle ganz einfach. Doch die Ursachen für die aktuelle Misere sind mitnichten auf mangelnde Kaltschnäuzigkeit zu reduzieren – oder gar auf die anhaltende Nichtnominierung von Mittelfeldspieler Tobias Kempe, welche die Schlagzeilen am Böllenfalltor dominiert –, sondern gehen tiefer.

Da wäre zum einen die offensive Eindimensionalität. Jeder Gegner weiß mittlerweile: Darmstadt wird im Angriff Stürmer Serdar Dursun suchen. Ist der Deutsch-Türke aus dem Spiel, lahmt die gesamte Offensive. Kreative Ideen sind Mangelware. Das zeigt auch ein Blick in die Statistik: Von den bis dato neun Saisontoren – kein Team hat seltener getroffen – fielen nur fünf aus dem Spiel heraus, der Rest aus Standardsituationen.

Zwar liegt die Mannschaft mit 12,7 Abschlüssen pro Spiel immerhin noch auf dem 13. Platz, davon kommen aber nur 3,7 direkt auf das gegnerische Tor – Platz 16. Doch die 98er haben nicht nur im Angriff Probleme, auch in der Defensive schaut es nicht gut aus. Darmstadt hat 13 Gegentore gefangen. Eigentlich kein allzu schlechter Wert. Doch der ist trügerisch, denn die Abwehr lässt im Schnitt 17,4 Abschlussversuche des Gegners zu. Kein Team in der Zweiten Liga kommt auf mehr.

»Es tut wahnsinnig weh, weil es nicht an der Art und Weise liegt, wie wir auftreten, sondern weil einfach der letzte Funke fehlt«, sagte Innenverteidiger Immanuel Höhn dem Bergsträßer Anzeiger. Bei dieser Bewertung sind Höhn offensichtlich das 0:4 beim VfL Osnabrück und das darauffolgende nicht minder grausame 0:0 zu Hause gegen Dynamo Dresden entfallen. Die Versuche von Spielern wie Führungsriege, die momentane Schieflage zu erklären, können mitunter also durchaus als Schönreden, als Verkennen des Ernstes der Lage bezeichnet werden. Natürlich, es sind erst neun Spiele gespielt. Doch der Trend ist eindeutig kein Freund der Darmstädter.

Mehr aus: Sport