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Aus: Ausgabe vom 14.10.2019, Seite 4 / Inland
»Mieten? Ja Wat denn?!«

Wohnen statt Luxus

Frankfurter AStA organisierte Protestcamp gegen Wohnungsmangel
Von Sophia Pöhlmann
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Wohnung gesucht: Semesterbeginn an der Universität Konstanz (11.10.2013)

Selbsthilfe gegen Wohnungsnot: Am vergangenen Mittwoch hielt der Allgemeine Studierendenausschuss der Goethe-Universität Frankfurt am Main eine Pressekonferenz über das Protestcamp »Mieten? Ja Wat denn?!« ab, das am Freitag zu Ende ging. Die AStA-Vorsitzende Kyra Beninga gab einen Aufschlag zur aktuellen Lage.

Das seit 2011 regelmäßig zum Beginn des Wintersemesters organisierte Camp gibt wohnungslosen Studenten die Möglichkeit, kostenlos zu übernachten. Dazu gestaltet der AStA ein Rahmenprogramm, Campus- und Stadtführungen sowie Hilfe bei der Wohnungssuche. Der AStA kann über eine Schlafplatzbörse kurzfristig Schlafplätze oder Zwischenmieten ermöglichen. Dieses Jahr nehmen 29 Studierende teil, in vergangenen Jahren waren es teils über 70 Personen.

Die Zustände hätten sich aber nicht gebessert, so Beninga, sondern die Situation auf dem Wohnungsmarkt sei prekär: Etwa zwei Drittel der Studierenden hätten zu Beginn des Studiums keinen gesicherten Wohnraum. Viele kämen bei Freunden unter, nutzten teure Angebote zur Zwischenmiete oder pendelten. Jeder dritte Student in Frankfurt wohnt bei Verwandten, wie aus einer Studie der Maastrichter Universität hervorgeht.

Die Mieten im verfügbaren Wohnraum sind exorbitant hoch. So beträgt laut genannter Studie die durchschnittliche Warmmiete für eine 30-Quadratmeter-Wohnung 505 Euro, der durchschnittliche Quadratmeterpreis 18,74 Euro. Ohne Unterstützung der Eltern oder Nebenjob können Studierende das nicht finanzieren, denn der kürzlich leicht erhöhte Bafög-Beitrag von 325 Euro reicht dazu immer noch nicht aus.

Auch Studentenwohnheime bieten keine Entlastung. Lediglich 6,95 Prozent der 80.000 Studierenden im Rhein-Main-Gebiet bekommen einen Platz in einem öffentlich geförderten Wohnraum, wie eine Statistik des Deutschen Studentenwerks von 2018 zeigt. Die Versorgungsquote liegt damit unter dem – ohnehin niedrigen – Bundesdurchschnitt von zehn Prozent. Studierenden bleibt nur die Wahl, in teure Zwischenmieten oder ebenfalls überteuerte Mikro­appartments auszuweichen – und dort mit Senioren, jungen Erwerbstätigen und Pendlern zu konkurrieren. So werden Geringverdiener aus den Städten gedrängt.

Das Problem liege der Referentin zufolge in der verfehlten Wohnungspolitik der Mainmetropole: Während 2018 laut einer Anfrage der Frankfurter Linksfraktion nur 65 Sozialwohnungen gebaut worden seien, schießen immer mehr Luxuswohnungen und private Wohnheime aus dem Boden. Vorhandene Landflächen gingen oft an den Höchstbietenden – zum Beispiel das Alte Polizeipräsidium, welches für über 212 Millionen Euro an einen privaten Investor verkauft wurde, welcher nun Luxuswohnungen auf diesem Grund errichtet.

Ein großes Problem sei auch, dass einem Artikel der Frankfurter Neuen Presse zufolge offiziell nur 0,5 Prozent der Gebäude auf dem Immobilienmarkt leerstünden, doch die Dunkelziffer laut Mieterbund »Höchster Wohnen« deutlich höher sei. Viele Eigentümer ließen ihre Immobilien bewusst leer stehen, um sie später gewinnbringend zu verkaufen. Das könnte mit der Wiedereinführung des 2004 von der CDU-Regierung Koch abgeschafften Wohnraumzweckentfremdungsgesetzes unterbunden werden. In München beispielsweise drohen spekulierenden Investoren bis zu 500.000 Euro Bußgeld.

Die Wahl des Studienortes dürfe nicht von der Bezahlbarkeit der Wohnung abhängen, so Beninga. Der Frankfurter AStA fordert die Reaktivierung des hessischen Wohnraumzweckentfremdungsgesetzes. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft solle den Forderungen des Frankfurter Mietentscheids nachkommen und ihren Haushaltsüberschuss – 2018 waren es 112,7 Millionen Euro – in bezahlbaren Wohnraum stecken. Solange das nicht passiere, müsse man die Protestcamps fortsetzen und sich notgedrungen selbst helfen.

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