Gegründet 1947 Dienstag, 15. Oktober 2019, Nr. 239
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 02.10.2019, Seite 5 / Inland
Unternehmerisch Prioritäten

Zu »arm« für Tariflöhne

Nachhaltig, regional und aufs Tierwohl bedacht. Doch mit neuem Betriebsrat tut sich Biolebensmittelhändler Dennree schwer
Von Gudrun Giese
S 05.JPG
Biomarkt der Dennree-Gruppe in Dortmund

Bei allem Einsatz für ökologischen Landbau, Tierwohl und intakte Natur – ein Aspekt kommt bei den prosperierenden Biolebensmittelhändlern oft zu kurz: die gesetzlich garantierten Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten. So geht es etwa beim Großhändler Dennree GmbH im oberfränkischen Töpen seit der erstmaligen Wahl eines Betriebsrates Mitte Mai hoch her zwischen Belegschaftsvertretung und der »Arbeitgeberseite«. Vor allem die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) in Gestalt ihres örtlichen Vertreters Paul Lehmann, ist der Geschäftsleitung anscheinend ein Dorn im Auge.

Bei einer Betriebsversammlung am 27. September habe der Vertreter der »Arbeitgeberseite« in seinem Redebeitrag versucht, Belegschaft und Betriebsrat von Verdi zu spalten, hatte Gewerkschaftssekretär Lehmann laut Angaben von Beschäftigten danach dem Unternehmen vorgeworfen. Glücklicherweise besitze man bei Dennree in Töpen eine breite gewerkschaftliche Basis in der Belegschaft, sagte er. Die lasse sich nicht so einfach gegen Verdi ausspielen. Inzwischen trägt der Gewerkschafter allerdings auf Initiative der Geschäftsleitung einen gerichtlich verordneten Maulkorb.

Bereits vor der Betriebsratswahl im Mai hatte die Geschäftsleitung sich den Gewerkschaftsangaben zufolge zunächst wenig kooperativ verhalten, verweigerte anfangs etwa die Schulung des Wahlvorstandes. Letztlich lenkte sie dann offenbar ein, und die rund 1.300 Beschäftigten am Großhandelsstandort Töpen wählten ihre Interessenvertretung – wobei die Verdi-Liste mit acht von insgesamt 15 Mandaten die Mehrheit erhielt.

Dass ein solches Gremium über konkrete Verbesserungen für die Beschäftigten reden will, schien den Oberen des Unternehmens nicht klar gewesen zu sein. Nach Gewerkschaftsinformationen blockten sie bisher alle derartigen Initiativen ab, ob es um Vereinbarungen zu Gefährdungsbeurteilung, Arbeitszeit oder Videoüberwachung ging. Dabei handele es sich bei all diesen Themen um mitbestimmungspflichtige Aufgaben. Das markierte eine erstaunliche Wende, denn Unternehmensvertreter sollen im Frühjahr noch erklärt haben, sie begrüßten die Betriebsratswahl.

Die Kontroversen eskalierten offenbar Ende August, Anfang September. Da seien zwei Betriebsratsmitglieder vom »Arbeitgeber« nach Medienangaben schlechter behandelt worden als der Rest der Belegschaft. Die Frankenpost berichtete über diesen Vorfall am 10. September. Mittlerweile liegt eine von der Anwaltskanzlei Irle Moser veranlasste Unterlassungsverfügung des Landgerichts Berlin gegen Verdi-Sekretär Lehmann vor. Er darf sich zu den Ereignissen öffentlich nicht weiter äußern.

Gleichwohl sind Betriebsrat und Verdi weiterhin entschlossen, für die 1.300köpfige Belegschaft am Großhandelsstandort Töpen bessere Bedingungen zu erreichen. Dazu soll perspektivisch auch die Bezahlung nach den Entgelttarifen des Groß- und Außenhandels zählen. Bei der Betriebsversammlung soll der Vertreter der Geschäftsleitung behauptet haben, Dennree könne sich eine tarifliche Entlohnung nicht leisten. Das scheint kaum nachvollziehbar; übertraf der Biohändler, zu dem auch die bundesweit vertretenen rund 300 »Denn’s Biomärkte« gehören, 2018 beim Umsatz erstmals die Eine-Milliarde-Euro-Grenze, wovon immerhin rund 35 Millionen Euro als Gewinn in der Kasse verblieben sein sollen. Für 2019 soll sich bereits zum wiederholten Mal in Folge ein beträchtliches Umsatzplus abzeichnen. Dass einem so kräftig expandierenden Unternehmen die Zahlung von Tariflöhnen wirtschaftlich das Genick brechen soll, ist schwer vorstellbar.

Orhan Akman, Leiter des Bundesfachbereichs Einzelhandel bei Verdi, kritisierte bereits im Frühjahr die gesamte Biohandelsbranche mit deutlichen Worten. »Es ist nicht nachvollziehbar, dass ausgerechnet in einem Zweig des Einzelhandels, der sich Nachhaltigkeit, Tierwohl und Regionalität auf die Fahnen schreibt, eine Politik gegen Arbeitnehmerrechte gefahren wird«, sagte er im April gegenüber den Zeitungen der WAZ-Gruppe. Viele Beschäftigte in Biosupermärkten müssten mehr als 37,5 Stunden wöchentlich arbeiten und bekämen dafür weniger Lohn und weniger Urlaubstage als die Tarifverträge des Einzelhandels vorsehen. Im Großhandel sieht es ein wenig anders aus. Dort gibt es mit »Naturkost Elkershausen« in Göttingen einen Anbieter, der seit Jahren nach Tarif zahlt und einen sozialpartnerschaftlichen Umgang mit dem Betriebsrat pflegt. Von diesem kleineren Wettbewerber könnte Dennree einiges lernen.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Arbeitsrecht wird bei Real kleingeschrieben (Berlin, 13.7.2018)
    10.09.2018

    Nach der Arbeit zum Amt

    Supermarktkette Real betreibt Tarifflucht. Kassiererinnen verdienen monatlich weniger als 1.000 Euro brutto. In der Branche wird der Druck erhöht
  • 16.10.2015

    Toys ’R’ Us spielt nicht mit

    US-Konzern weigert sich Verhandlungen über Anerkennung des Tarifvertrags des Einzelhandels mit ver.di zu führen. Warnstreiks an mehreren Standorten
  • Schieflage: 2.400 Beschäftigte des angeschlagenen Kaufhauskonzer...
    04.04.2015

    Sozial unverträglich

    Minimalabfindung für entlassene Karstadt-Beschäftigte. Verhandlungen über Standortsicherung und Rückkehr in die Tarifbindung gehen weiter